Bad Mergentheim

Jugendgemeinderatswahl Kandidatenvorstellung im Kino „Movies“ / Partymachen steht nicht obenan, Bewerber werden „politischer“ / Nur wenig Wähler vor Ort

„Man kann was bewegen im Jugendrat“

Archivartikel

Am Mittwoch wird der neue Jugendgemeinderat gewählt. Höchste Zeit für die Bewerber, sich den Wählern zu präsentieren. Das Interesse an der Kandidatenvorstellung im „Movies“ war aber gering.

Bad Mergentheim. Vom Wahlkampf ist nicht viel zu bemerken, das öffentliche Interesse scheint gering. Das Engagement der Kandidaten für den neuen Jugendgemeinderat (JGR) hingegen ist beachtlich – die jungen Leute haben sich im Vorfeld viele Gedanken gemacht. Und sie haben den Schritt gewagt, sich um einen Sitz in diesem Gremium zu bewerben.

Donnerstag, 17 Uhr, im „Movies“, dem Kino in der Badestadt. Im Saal 5 soll in einer halben Stunde die Kandidatenvorstellung beginnen, und nach und nach kommen die Bewerber für den Jugendgemeinderat. Giuseppe Tarantini von der Stadtverwaltung begrüßt jeden Neuankömmling mit Handschlag, ebenso wie die vier aktiven Jugendgemeinderäte, deren Amtszeit in wenigen Tagen abläuft und eine fünfte, Jule Ulshöfer, die erneut kandidiert.

Auch einige Stadträte kommen, sie erweisen dem alten und neuen JGR damit ihren Respekt und ihre Sympathie. Da der OB abwesend ist, hat er seinen Stellvertreter geschickt – Andreas Lehr wird ein Grußwort sprechen.

Nicht alle JGR-Kandidaten kommen – vielleicht liegt es an den Herbstferien. Der Saal ist klein, und das ist gut, denn – das hingegen ist schlecht – das Interesse bei den jugendlichen Wählern ist zumindest an diesem Abend gering. Doch nur rund 15 Wähler tauchen auf, dazu gut noch einmal so viele Erwachsene und die vier noch amtierenden Jugendgemeinderäte. Die JGR-Kandidaten haben in der ersten Sitzreihe Platz genommen.

Bürgermeister-Stellverteter Andreas Lehr begrüßt die Anwesenden im Namen der Stadt und des OB. Dass „leider“ nur wenige Wahlberechtigte gekommen seien, das müssen man halt so hinnehmen. Dass aber fast alle Kandidaten da seien, das freut den Stadtrat und Bürgermeister-Stellverteter, denn: „Ihr seid die Hauptpersonen!“

Lehr dankt den Jugendlichen „für das Engagement für die Demokratie“ und macht deutlich, dass politische Partizipation nicht erst im Bundes- oder Landtag beginnt, sondern „ganz unten, in der Gemeinde, da, wo man sich einbringen kann“, also im Gemeinde- und Ortschaftsrat. „Und natürlich auch im Jugendgemeinderat“.

Und da Reformationstag ist, nutzt Lehr ein Luther-Wort. „Macht’s Maul auf!“ forderte der Reformator, und das könnten sich die JGR-Kandidaten und später die Gewählten durchaus zu Herzen nehmen, schließlich seien sie das „Sprachrohr der Jugendlichen in unserer Stadt“. Allerdings appelliert er auch an die Wähler, („ohne die geht’s nicht“), sich im Freundes- und Bekanntenkreis, in der Schule und in der Freizeit zu engagieren und den Kandidaten den Rücken zu stärken. Der Jugendgemeinderat solle „keine Gruppe der Wenigen sein“, sagt Lehr. Vielmehr müsse deutlich werden, „dass ihr viele seid!“ Und weil es viele sind, müssten auch ihre Forderungen und Interessen politisch rübergebracht werden – eben durch und mit dem Jugendgemeinderat.

Tarantini erläutert dann nochmals die Wahlformalien sowie die Kandidatenliste. 19 Bewerber blieben übrig; einer musste, da nicht in der Stadt oder einem Stadtteil lebend, ausscheiden.

Die Wahl findet am Mittwoch, 6. November, statt – es ist also Endspurt angesagt für die Bewerber beim Kampf um die Stimmen. Die Wahllokale schließen um 18 Uhr, das offizielle Endergebnis werde noch am Wahlabend bekannt gegeben. Im Anschluss bittet er die Kandidaten nach vorn – sie sollen sagen, was sie bewegt. Und da wird, um es vorwegzunehmen, schnell klar, dass Partymachen hinten ansteht. Der Jugendgemeinderat wird zunehmend politischer. Die Worte „Nachhaltigkeit“ und „Umwelt“ fallen, und auch das Soziale spielt eine große Rolle.

Und noch eines verdient, festgehalten zu werden: Die jungen Leute zwischen 15 und 18 Jahren sind keine „Profis“, und nicht allen fällt es leicht, vor Publikum zu reden. Doch fällt die anfängliche Scheu ab, dann treten sie sehr selbstbewusst auf und können ihre Sache deutlich machen. Das gelingt gut, weil lange Reden nicht ihr Ding sind. Und die eine oder der andere sagt es freiweg: „Es ist ja schon so viel gesagt worden, das brauche ich nicht zu wiederholen.“

Politischer Realismus

Zu erkennen, dass das Rad nicht ständig neu erfunden werden muss, ist ja auch ein Stück politischer Reife und Realismus, und diese Eigenschaften zeichnen die Kandidaten aus. Zudem: Es wird keine Konkurrenz spürbar, alle applaudieren allen. Niemand greift andere Kandidaten und deren Formulierungen an.

Sie wolle nicht meckern, sondern aktiv werden und etwas bewegen, sagt Simea Bopp zu den Gründen ihrer Kandidatur. Engagement mache auch Spaß. Smilla Hauck – vielen bekannt durch ihr Engagement bei „Fridays for Future“-Demos – nennt Umweltfragen, „Themen, die uns Jugendliche bewegen“. Aktiv an der Demokratie teilzuhaben, dazu biete der Jugendgemeinderat die ideale Basis. Felix Joeres zählt ganz generelle politische Punkte auf: Teilhabe, Einflussnahme und die Vertretung der Interessen junger Leute. Jakob Stahnke will sich „einmischen“ und er bringt einen ganz neuen Gedanken in die Diskussion: Für die Erwachsenen gibt es den Gemeinderat, für die Jugendlichen den Jugendgemeinderat, nur für die Kinder gebe es nichts. Ein interessantes Motiv, der „Kinder-Gemeinderat“. Man darf gespannt sein, wie weit das Projekt gedeiht, wenn der junge Mann gewählt wird.

In der Stadt werde „viel für Kurgäste, aber zu wenig für Jugendliche getan“, sagt Sana Wecker. Folglich müsse man „aufzeigen, was junge Leute wollen“ – und wer könnte das besser als der Jugendgemeinderat.

Lea Wiessner fasst sich kurz, es sei ja schon vieles gesagt. Die Freude am Engagement teilt sie mit ihrer Vorrednerin.

Er wolle einfach „politisch etwas bewegen“, sagt Luis Willich. Der Austausch mit Gleichaltrigen, gemeinsame Projekte entwerfen und dann abzuarbeiten, das „macht mir Spaß“. Paul Zhang will „der Jugend (und damit ihren Forderungen) eine Stimme geben“ – eine nachvollziehbare Begründung für das Engagement als Kandidat.

Nach den Bewerbern aus der Kernstadt ruft Tarantini die Kandidaten aus den Stadtteilen nach vorn. Sina Ehrsam will einen Beitrag dafür leisten, dass man in der Stadt „mehr auf die jungen Leute hört“. Und die hätten ja durchaus vielschichtige Interessen.

Alisa Fitzgerald – ihr Bruder ist aktuell noch Mitglied des Gremiums – hat „Spaß und Freude an der Sache“, womit sie das Handeln und Eintreten für die Belange der Jugendlichen meint. Lia-Luisa Markert will nicht viel reden – das Engagement für ihre Generation ist ihr wichtiger als viele Worte. Teresa Rosenitsch sagt es klipp und klar: „Man kann was bewegen im Jugendgemeinderat“, und deshalb habe sie sich zur Kandidatur entschlossen.

Jule Ulshöfer ist die einzige Kandidatin mit Erfahrung, sie gehört dem aktuellen Gremium an. Dieses Wissen einzubringen sei aber nur ein Motiv, denn ganz generell brauche die Jugend Fürsprecher. Und das sieht auch Mirjam Ulshöfer so.

Für Tim Velthaus ist der JGR die „ideale Möglichkeit, jugendspezifische Themen“ in die Diskussion zu bringen. Dazu zählen für ihn auch Umweltfragen und die Forderung der Nachhaltigkeit. Nayeli Zaffran hat sich ein ganz besonderes Schwerpunktthema ausgesucht: Sie will einen Beitrag dafür leisten, dass das Jugendhaus „Marabu“ und seine Angebot „besser genutzt wird“.

Nach der Vorstellungsrunde geben die vier demnächst ausscheidenden Jugendgemeinderäte Robin Biere, Bastian Frasch, Lucas Fitzgerald und Anja Hermann noch Tipps für die Kandidaten. „Bleibt dran, ihr seid sehr engagiert“, hören die Bewerber. Und sie bekommen Lob, denn die Arbeit im JGR sei „mehr als Partymachen“. Dass man Einblick in viele kommunalpolitische Fragen bekomme – auch in die Bewerbung zur Landesgartenschau – sei ebenfalls ein besonderes Moment. Diese Erfahrungen machen zu können, sei aller Mühen wert. Aber auch eine Warnung gab es: „Der größte Feind eurer Vorschläge wird die Zeit sein“, sagt Lucas Fitzgerald. Bei einer Amtszeit von zwei Jahren ist dieser Rat sicherlich angemessen.

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