Bad Mergentheim

Liebe, die frei macht!

Kleine Kinder führen mir immer wieder vor Augen, wie mühsam es ist, Regeln zu lernen, sie zu akzeptieren und einzuhalten. Da braucht es in der Erziehung schon mal Tricks, Verhandlungsgeschick und die klare Kante: Lob und Belohnungen gehören genauso dazu, wie negative Konsequenzen und Strafen. Manche Regel fordert so einen kleinen Menschen aber auch unheimlich heraus. Und nicht jede Regel, die aufgestellt wird, lässt sich gut argumentieren – aber selbst wenn, ist das auch noch kein Erfolgsgarant.

Für Kinder wie Eltern ist wichtig, sich der gemeinsamen Grundlage zu vergewissern: Die bedingungslose kindliche und elterliche Liebe, die sich keine der beiden Seiten verdienen muss. Das macht die kleinen Machtkämpfe des Erziehungsalltags zumindest erträglicher und rückt das Ganze ins rechte Licht.

Regeln sind aber natürlich nicht nur ein Thema der Familie, sondern aller Gemeinschaften. Für uns Christen sind es etwa die zehn Gebote, die uns Anweisungen für ein gutes Miteinander geben sollen. Dabei sind aber nicht einmal die intuitiv nachvollziehbaren Regeln, wie etwa das Tötungsverbot, in gesellschaftlichen Debatten völlig unumstritten – was ist mit Sterbehilfe oder der Todesstrafe? Und als würde das nicht genügen, lesen wir im Evangelium, wie Jesus die Regeln auch noch verschärft – wie etwa im Evangelium vom Sonntag aus der Bergpredigt (Mt 5,17-37). Warum? Als eine Art besondere Frömmigkeitsübung, um sich die Liebe Gottes und den Zugang zu seinem Reich zu verdienen? Nein! Der Forderung geht die Zusage voraus, dass wir uns Gottes Liebe eben nicht verdienen können und müssen – sie wird uns geschenkt! Gott liebt uns bedingungslos, alle! Gerade auch die, die am Rand stehen, die es nicht so gut haben und die, die das mit dem Leben nicht so gut hinbekommen. Diese Zusage soll Hoffnung und Mut machen, soll uns frei machen für eine neue Grundhaltung im Leben. Aus dieser Grundhaltung heraus kann es nicht nur darum gehen, stur die Gesetze zu erfüllen – quasi Dienst nach Vorschrift. Nein, es geht darum, es übertreffen zu wollen! Das will Jesus klar machen. Es geht ihm um die Hingabe des ganzen Menschen an Gott – aus Dankbarkeit darüber, dass er uns so liebt, wie wir sind. Die Beispiele Jesu machen deutlich, wie diese größere Gerechtigkeit aussehen kann: Nicht nur nicht töten, sondern nicht mal Zorn zulassen. Es geht ihm darum, es gar nicht erst zu Übertretungen kommen zu lassen, sondern in den kleinen Anfängen von Beziehungsstörungen bereits entgegenzuwirken. Mit Liebe und viel gutem Willen sollen wir uns um ein gutes Miteinander bemühen.

Natürlich ändert es nichts daran, dass die Forderungen Jesu in der Bergpredigt für uns kaum je konsequent zu erfüllen sind. Vermutlich ist das auch nicht ihr Sinn. Vielleicht geht es vielmehr um eine Vision menschlichen Miteinanders, an dem wir heute schon nach Kräften mitgestalten sollen – vollendet wird es aber wohl erst durch Gott. Bis dahin sollen wir uns redlich und ernsthaft darum bemühen.

Und wie die kleinen Kinder sich der Liebe ihrer Eltern hoffentlich auch sicher sein können, wenn sie Fehler machen, so dürfen wir auch darauf vertrauen, dass Gottes Liebe nicht davon abhängt, wie gut wir das hinbekommen.

Jens Jörgensmann, Pastoralreferent in der Seelsorgeeinheit L.A.M.M. im Dekanat Mergentheim

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