Bad Mergentheim

Online-Rinderfachtagung Die Gesundheit von Milchkühen in den deutschen Kuhställen war Thema

Lahmheitsgrade werden oft unterschätzt

Archivartikel

Bad Mergentheim.Die Premiere der gemeinsamen Online-Rinderfachtagung des Landwirtschaftsamtes Bad Mergentheim, des Vereins für Landwirtschaftliche Fortbildung und der Tierärzte Weikersheim wurde bestens gemeistert. Meinhard Stärkel begrüßte ungefähr 80 Rinderhalter und die zugeschalteten Fachschüler der Akademie Kupferzell. Carolin Fischer und Günter Grieser vom Sachgebiet Betriebswirtschaft und Tierhaltung moderierten die vier Fachvorträge und sammelten die Fragen der Teilnehmer.

Zum Teil unbefriedigend

Die Gesundheit von Milchkühen ist in den deutschen Kuhställen zum Teil unbefriedigend. Das geht aus einer Studie unter Leitung der Tierärztlichen Hochschule Hannover hervor, die der Tierarzt Matthias Riedel in seinem Vortrag vorstellte. Demnach lahmen im Osten in den untersuchten 249 Betrieben mit 48 682 Kühen 39,4 Prozent der Tiere. Hier leidet jede zweite bis dritte Kuh unter Lahmheiten. In den 249 norddeutschen Ställen mit 24 297 Kühen waren es 22,8 Prozent und in den 190 süddeutschen Ställen mit 9482 Kühen waren es 22,7 Prozent. Es gibt viel zu tun. Die „Region Ost“ ist nicht schlechter, sie ist strukturell anders aufgestellt. Die Lahmheitsgrade werden häufig unterschätzt und Einzeltiere gehen in Herden von über 200 Tieren unter. „Deshalb müssten die Bestandsuntersuchung, die Bestandsbetreuung und die Quantifizierung der erste Schritt sein.“

Das Ergebnis zeige, dass im Bereich der Gliedmaßengesundheit von Kühen eine große Herausforderung für die landwirtschaftliche Nutztierhaltung bestehe, so der Tierarzt. Er zeigte den Einfluss von Haltungsbedingungen auf Lahmheiten bei der Milchkuh und die Behandlungserfolge bei verschiedenen Behandlungsansätzen auf. „Kühe werden krank, wenn wir einen Fehler gemacht haben. Weil wir die Bedürfnisse der Tiere falsch verstanden haben“, unterstrich der Veterinär mit dem Schwerpunkt Bestandsbetreuung Milchvieh. Die Lahmheit geht meist auf Klauenerkrankungen zurück und zu lange Zeit, die zwischen dem Auftreten dieser Krankheiten und einer Behandlung vergeht. Ungefähr 20 Prozent der infizierten Tiere gehen lahm. Derartige Erkrankungen schränken Kühe in ihrer Bewegungsfreiheit ein und verursachen ihnen meist länger anhaltende Schmerzen.

Zu den Ursachen für die Klauenerkrankungen gehören auch schlechte Haltungsbedingungen – beispielsweise unhygienische oder enge Ställe, ungeeignete Böden mit Spalten oder zu kurze Liegezeiten der Tiere. Zuerst sei die Hygiene und der Kuhkomfort zu verbessern und der Stress für die Tiere zu vermindern. „Sauber liegt es sich länger“. Dementsprechend kann die Liegedauer von Milchkühen als Indikator für das Wohlbefinden herangezogen werden. Nur im Liegen wird wiedergekaut. Lahme Kühe stehen mehr und belasten mit 700 Kilogramm ihre Füße, fressen weniger und geben dementsprechend weniger Milch. Menschen mögen es lieber warm, Kühe lieber kalt. Eine längere Liegephase ist günstig für den Zwischenklauenspalt, denn er trocknet besser ab, die Gelenke sind entlastet, die Blutzirkulation der Lederhaut ist besser und die Wiederkauphase hat einen gleichbleibenden pH-Wert. Zur Stressreduktion gehören ein Liegekomfort mit sauberen und trockenen Liegeboxen , ausreichend Platz und keine Überbelegung, denn vor allem die Überbelegung kommt mit einer Quittung. Die Erregerreservoire Zukauf, Jungvieh, Trockensteher sind auf Biosicherheit nach außen wie innen zu prüfen. „Wir haben noch viel zu tun, denn die Lahmheiten haben die Eutererkrankungen fast als Abgangsursache Nr. 1 abgelöst“ resümierte Matthias Riedel.

Weicher Untergrund wichtig

Was Rinderklauen mögen und warum weicher Untergrund so wichtig ist, schilderte anschaulich und aufgrund ihrer Praxis im elterlichen Milchviehbetrieb die Agrarmanagerin Ramona Kellner. Rinder sind Weichbodengänger und wählen, wenn sie können, weichen Boden. Warum ist weiches Laufen wichtig für die Gesundheit des Rindes ? Gegenüber dem Laufen auf Beton werden die Druckspitzen reduziert, gibt es eine bessere Druckverteilung und eine Entlastung der Außenklaue und Belastung der Innenklaue und damit eine gleichmäßigere Verteilung der Last. Auch haben aktivere Tiere eine bessere Hornqualität, denn eine bessere Durchblutung mit weniger Druckpunkten macht das Horn resistenter gegenüber mechanischen, chemischen und bakteriellen Belastungen.

Genauso wie der Tierarzt unterstrich sie die Bedeutung des Liegekomforts für die Stehzeit. Sechs Stunden am Tag sollen die Kühe beim Fressen stehen. Erhöhte Fressstände mit weicher Gummimatte erlauben ein ungestörtes Fressen mit weniger Verdrängungen und der Mistschieber kann laufen, ohne die Kühe zu stören.

Trockener Liegebereich

Jürg Wiesendanger ist Kollege von Ramona Kellner und für die Beratung und den Betrieb beim Gummiwerk Kraiburg verantwortlich. Er schilderte die Auswirkungen der vom Bundesrat beschlossenen Änderungen der Tierschutz-NutztierVerordnung auf die Bodengestaltung in der Kälberhaltung. Kälbern muss ein trockener Liegebereich zur Verfügung stehen. Der Boden muss rutschfest und trittsicher sein. Die Neufassung der Kälberhaltungsverordnung verlangt einen weichen oder verformbaren Liegebereich. Das heißt: Vollspaltenböden sind in Zukunft verboten und die Übergangszeit ist auf drei Jahre begrenzt. „Deshalb heiße es rechtzeitig nachzurüsten!“Langfristig käme auch ein Verbot des Vollspaltenbodens in der Bullenmast“, berichtete Wiesendanger. Werden diese Vorgaben nicht eingehalten, dann könnten die Verstöße zu Kürzungen der Ausgleichsleistungen führen, warnte der Berater. tze

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