Bad Mergentheim

Gesundheit Große Arbeitsbelastung, 7-Tage-Woche, aber auch viele glückliche Momente / Berufshaftpflichtversicherung ein Problem / Berufsanfänger gesucht

Lage bei Hebammen bleibt angespannt

In der Region gibt es zu wenige Hebammen. Eine Verbesserung der Lage scheint im Moment nicht in Sicht.

Bad Mergentheim/Weikersheim. Vor einigen Jahren war das Thema Hebammen in aller Munde. Grund war die Explosion der Versicherungsbeiträge und die Befürchtung, dass dadurch einige Hebammen ihre Tätigkeit beenden müssten.

Letztendlich konnte dies aber durch die Zahlung des so genannten „Sicherstellungszuschlages“, der einen Teil der Versicherungsprämie ausgleicht, verhindert werden. Dazu Sebastian Gülde vom Bundesgesundheitsministerium: „Der Sicherstellungszuschlag gleicht Prämiensteigerungen bei der Berufshaftpflichtversicherung der freiberuflich tätigen Hebammen, die Leistungen der Geburtshilfe erbringen, aus und sorgt für dauerhafte finanzielle Entlastung der Hebammen. Der Sicherstellungszuschlag wird seit Januar 2016 ausgezahlt und wurde nach Information des GKV-Spitzenverbands (Stand: Januar 2018) inzwischen von rund 2800 freiberuflichen Hebammen beantragt.“

Mit welchen anderen Schwierigkeiten haben die Hebammen derzeit zu kämpfen? Wir fragten nach.

Jacquy Goffinet-Stiehle ist seit Jahrzehnten Hebamme. Mittlerweile leitet sie in Schäftersheim das Lebenshaus, in dem sie mit zwei weiteren Hebammen arbeitet. Sie haben sich die Langzeitbetreuung schwangerer Frauen von der Feststellung der Schwangerschaft bis zum Ende der Stillzeit zur Aufgabe gemacht. Hier bekommen die Frauen das Rundum-Paket von Vorbereitungskursen bis zur Betreuung der Familie für das erste Jahr nach der Geburt. Dabei arbeiten ihre Tochter Leonie und Anna Becker, die dritte im Bunde, teilweise im Lebenshaus und teilweise als angestellte Hebammen in der Klinik. „Wir haben einfach zu wenige Hebammen“, erklärt Jacquy Goffinet-Stiehle. Und es gebe derzeit wenig Aussicht auf Besserung. „Als ich meine Ausbildung anfing, gab es ein hartes Auswahlverfahren um die wenigen Plätze an den Schulen“, sagt Leonie Stiehle. „Mittlerweile werben die gleichen Schulen um Berufsanfänger, weil sich zu wenige anmelden.“

Wie ernst die Lage ist, konnte man beim Internationalen Hebammentag am Anfang Mai erfahren. Dort erklärte der Hebammenverband: „Der Verbleib von Hebammen in ihrem Beruf ist mittlerweile kurz und liegt bei durchschnittlich nicht mehr als sieben Jahren.“ Erschreckend auch die Tatsache, dass immer mehr Krankenhäuser ihre Abteilungen für Geburtshilfe ganz oder zeitweise schließen müssen, weil es nicht genügend angestellte Hebammen gibt.

Viel Verantwortung

Warum der Beruf scheinbar nicht mehr so interessant ist, hat viele Gründe: „Zum einen ist es schlicht und ergreifend nicht lukrativ genug“, ist sich eine junge Hebamme aus dem Raum Tauberbischofsheim sicher. „Wer sein Leben als Business-Plan begreift, kann mit weniger Aufwand und vor allem sehr viel weniger Verantwortung woanders mehr Geld verdienen.“ Auch rund um die Kreisstadt gibt es daher zu wenige Hebammen und vor allem viel zu wenige Kurse im Bereich Vorbereitung, Rückbildung und dergleichen.

Dazu kommt dann noch die fehlende Planungssicherheit. Niemand kann sagen, wie es mit dem Sicherstellungszuschlag und anderen Regelungen weitergeht. Es werden immer nur wenige Jahre fest vereinbart, danach muss neu verhandelt werden. Das weckt nicht unbedingt Vertrauen. Und man muss sich immer wieder an die neuen Gegebenheiten anpassen. So bezahlte beispielsweise die Hebamme Ute Krippner aus Bad Mergentheim zu Beginn ihrer Tätigkeit 500 DM pro Jahr an die Berufshaftpflichtversicherung. Mittlerweile sind es stolze 8000 Euro und bis 2020 werden es 10 000 Euro pro Jahr sein! Gerade für Berufsanfängerinnen ist das ein echtes Problem, denn die Zahlung des Sicherstellungszuschlages erfolgt meist erst viele Monate, nachdem der Beitrag an die Versicherungsgesellschaften fällig war.

Ute Krippner arbeitet in einer Hebammenpraxis mit vier weiteren Kolleginnen. Außer der üblichen Hebammentätigkeit (Kurse, Schwangeren- und Wochenbettbetreuung) bieten sie auch Beleggeburten mit 1:1-Betreuung an. Bereits seit 1984 ist sie als Hebamme tätig und seit 1991 vor allem sehr aktiv in der Hausgeburtshilfe. Das bringt eine Menge Zeit auf der Straße mit sich. Sie betreut Frauen von Crailsheim über Miltenberg bis in den Spessart hinein. Über 45 000 Kilometer legt sie pro Jahr zurück und arbeitet dabei an sieben Tagen die Woche. 70 bis 80 Sunden kommen da wöchentlich schnell zusammen.

Große Belastung

Sie ist der gleichen Meinung wie Jacquy Goffinet-Stiehle, was die Belastung angeht: „Ohne einen Rückhalt in der Familie geht es nicht. Man muss jemanden haben, der einem den Rücken freihält und damit leben kann, wenn der Partner kurzfristig mitten in der Nacht los muss und erst am nächsten Abend wieder daheim ist.“ Besonders bei jungen Hebammen, die selbst kleine Kinder haben, ist dies unglaublich schwer zu bewerkstelligen. Schule, Kindergarten und beispielsweise Krankheitszeiten der Kinder sind irgendwie in Einklang mit der eigenen Arbeit zu bringen.

Familien- und Urlaubsplanung

Wie gravierend der Mangel an Hebammen ist, lässt sich nicht zuletzt daran festmachen, dass bei ihr wie auch im Lebenshaus gilt, dass man am besten direkt nach einem positiven Schwangerschaftstest anruft. „Es gab auch schon telefonische Nachfragen, wie ich meinen Urlaub das nächste Jahr plane, damit das dann auch mit der Familienplanung passt“, lacht Ute Krippner.

Weniger zum Lachen ist ihr zumute, wenn sie von einem ganz aktuellen Problem berichtet. Wie ihre Kolleginnen in Schäftersheim und Tauberbischofsheim, beklagt sie die abnehmende Fähigkeit der Schwangeren auf sich und ihren Körper zu hören. „Eine Schwangerschaft ist keine Krankheit, aber ein anderer Umstand“ – mit diesem Satz fasst sie das Dilemma kurz, aber sehr treffend zusammen. In Zeiten von „Dr. Google“ und der Möglichkeit sich von Informationen fast erschlagen zu lassen, versuchten viele die Schwangerschaft rein rational anzugehen und nachzuforschen, warum ihr Körper so reagiert, wie er es gerade tut. „Wenn man merkt, dass man müde ist, sollte man sich schlicht und ergreifend eine Auszeit gönnen“, rät Ute Krippner, „der Körper sagt uns schon, was er will, wir müssen es nur ernst nehmen und dann auch umsetzen“!

Für alle Hebammen ist es wichtig, den Wert der Familienarbeit zu betonen. Eine Hebamme betreut letztendlich nicht nur die Schwangere und das Kind, sondern die ganze Familie. Oft kann sie als Erste erkennen, wenn es Probleme und Überlastungen gibt und kann dann eingreifen und helfen, um beispielsweise eine Wochenbettdepression gar nicht erst aufkommen zu lassen.

In den Gesprächen wird sehr schnell deutlich, wie anstrengend, aufreibend und kraftraubend dieser Beruf ist. Man spürt aber auch, dass Beruf und Berufung durchaus etwas miteinander zu tun haben und dass die tollen Erlebnisse und Glücksmomente für vieles entschädigen. So wundert es auch nicht, dass Ute Krippners Antwort auf die Frage, ob sie den Beruf noch einmal wählen würde, kurz, aber sehr überzeugend ausfällt: „Ja!“ Mit einem dicken Ausrufezeichen.