Bad Mergentheim

Gedenkfeier zum Volkstrauertag Raimund Scheidel: „Nein, meine Enkel geb’ ich nicht!“ / Schülergedanken zum Frieden

Krieg ist stets ungerecht und kennt nur Verlierer

Archivartikel

Es war eine durchaus bewegende Gedenkfeier, die am Volkstrauertag auf dem Alten Friedhof stattfand. Die Redebeiträge widmeten sich ausführlich dem Thema Frieden.

Bad Mergentheim. Die Mahnung, aus der Geschichte zu lernen, ist altbekannt. Doch immer wieder wird sie missachtet. Die Folge: Menschliches Leid, Millionen Tote und sinnlose Zerstörung. Dabei wäre Frieden so leicht – wenn nur endlich neu gedacht und gehandelt würde.

Dabei gibt es auch spezifisch deutsche Aspekte, wie der örtliche Vertrauensmann des Volksbundes deutscher Kriegsgräberfürsorge, Raimund Scheidel, am Sonntag in seiner Rede anlässlich der Gedenkfeier zum Volkstrauertag auf dem Alten Friedhof deutlich machte. Musikalisch umrahmt wurde die Gedenkfeier für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft von der Stadtkapelle, dem Sängerkranz Harmonie und der Schulband der Kopernikus-Realschule. Redebeiträge kamen von Schülern der Lorenz-Fries-Schule und der Kopernikus-Realschule, und auch die Grundschüler waren beteiligt.

Abordnungen stellten die Reservistenkameradschaft und die Historische Deutschordens-Compagnie. Das Gebet sprachen der evangelische Pfarrer Karl-Gottfried Kraft und Pater Basil von der katholischen Kirchengemeinde. Oberbürgermeister Udo Glatthaar dankte in seinem Grußwort allen Beteiligten für die würdevolle Ausgestaltung der Gedenkfeier.

Das Jahr 2019 sei aus historischer Sicht bedeutungsvoll, sagte Scheidel. 1919, vor 100 Jahren, wurde das Frauenwahlrecht Gesetz, vor 70 Jahren, 1949, wurde das Grundgesetz in Kraft gesetzt. 1989 fiel die Mauer, die Deutschland und Europa teilte. 1944, also vor 75 Jahren, wurde mit der Landung der Alliierten in der Normandie der entscheidende Schritt gemacht zur Befreiung Europas und damit auch Deutschlands von der Nazi-Tyrannei. Der Zweite Weltkrieg begann 1939 mit dem brutalen Überfall auf Polen – der Beginn einer Katastrophe, wie sie die Menschheit noch nie zuvor erlebt hatte. Der Krieg hinterließ Leichenberge, Millionen Vertriebene, physische und psychische Wracks, ein zerstörtes Europa und brachte den von Deutschland betriebenen Völkermord ans Tageslicht. Nicht an alle diese Daten möchte man sich gerne erinnern, gleichwohl aber müsse man es, wie Scheidel betonte.

Da sich die Reichsregierung 1919 (nach dem Ersten Weltkrieg) nicht in der Lage sah, sich um die Gräber der Gefallenen zu kümmern, wurde der Volksbund deutscher Kriegsgräberfürsorge gegründet und in der Nazizeit gleich- und ausgeschaltet. Neu gegründet nach dem Zweiten Weltkrieg, legte der Volksbund seit 1946 mehr als 400 Kriegsgräberstätten an – auch die Soldatengräber auf dem Gelände des Alten Friedhofes gehören dazu.

Allen Toten gebühre eine würdige Grabstelle, mahnte Scheidel, der auch daran erinnerte, dass der hiesige Soldatenfriedhof von der Reservistenkameradschaft und der Stadt gemeinsam gepflegt werde.

„Wenn durch diese Veranstaltung ein erinnernder Hinweis an die Bevölkerung und vor allem an die Jugend gelangt, dann geschieht etwas Positives“, sagte Scheidel weiter. „Das Vergessen darf nicht Platz greifen! Wir müssen Antennen dafür haben, um zu sehen und zu hören, wo sich Ansätze von Revanchismus und Hass zeigen. Wir müssen am Staat teilhaben, wählen gehen und dem eigenen Gewissen folgen“, also nicht dem populistischen Geschrei. „Und wir müssen den Mut haben, extremistischen Aussagen jederzeit deutlich zu widersprechen.“

Klare Worte fand Scheidel zur Diskussion um einen Bundeswehr-Kampfeinsatz in Syrien. „Wer leichtfertig solche Forderungen erhebt, hat immer noch nicht verstanden, welche Wirkung die Tatsache hat, dass Deutschland bereits zweimal mit seinem Militär die Welt in Brand setzte. Die Welt schaut mit Argusaugen auf uns.“ Scheidel machte deutlich, dass dies seine persönliche Meinung sei. „Dazu stehe ich, und das vertrete ich.“ Und er berichtete, erst vor wenigen Tagen ein Reinhard-Mey-Lied im Radio gehört zu haben, in dem der Liedermacher darlegt: „Nein, meine Söhne geb’ ich nicht!“ Scheidel dazu: „Ich habe ihm kopfnickend beigepflichtet und gesagt: Nein, meine Enkel geb’ ich nicht!“

Krieg kenne keine Sieger, sondern auf allen Seiten nur Verlierer und Zerstörung.

Der Volksbund Kriegsgräberfürsorge sei auch nach 100 Jahren noch zeitgemäß. „Er ist kein Altherren-Club, keine Modeerscheinung, kein Event.“ Vielmehr sei er eine Notwendigkeit, denn „die Welt ist voller Kriege, und wir Deutschen sind eben mittendrin in dieser Welt“. Kriegsgräber mahnen zum Frieden, und deswegen sei es wichtig, dass sich weiterhin Menschen bereitfinden, die Arbeit des Volksbundes zu unterstützen, sagte Scheidel.

Was Schülern durch den Kopf geht, wenn sie an Grabsteine denken, schilderte die Direktorin der Lorenz-Fries-Schule, Karin Endres, anhand von Gesprächsfetzen zweier Sechstklässler. Da seien offene Fragen wie zum Beispiel: „Warum streiten Länder und was können Menschen tun, damit es nicht zu Kriegen kommt?“ Und es folgten erste, zaghafte Lösungsansätze wie: „Alle Länder sollten etwas für die Welt machen.“ Und: „Lasst uns doch ehrlich sein und Fehler einsehen, aus ihnen lernen und uns gemeinsam um die Welt kümmern.“

Danach trugen Schüler der Kopernikus-Realschule ihre Gedanken vor: „Jedes Jahr gibt es am Volkstrauertag mehr Menschen, derer wir gedenken müssen, und das sollte uns zu denken geben“, sagte eine Schülerin. „Ich selber habe nie Krieg erfahren müssen. Ich musste nie um mein Leben fürchten und das war immer selbstverständlich. Auch bei uns an der Schule gibt es Schüler mit Fluchterfahrung. Sie mussten alles zurücklassen und haben Dinge erlebt, die meine Generation hier in Deutschland sich nicht einmal annähernd vorstellen kann. Je länger ich darüber nachdenke, wie viel Glück ich habe, in Frieden aufwachsen zu können, desto dankbarer werde ich“, sagte ein Achtklässler.

„Frieden braucht Mut! Jede und jeder kann etwas zum Frieden tun: Toleranz gegenüber anderen gehört ebenso dazu wie der Einsatz für Menschen, die wegen ihrer Sprache oder ihres Aussehens ausgeschlossen werden“, war ein weiterer Beitrag.

Die Grundschüler hatten „Friedenstauben“ mit ihren Wünschen und Gedanken zum Thema Frieden beschrieben. Auch die Kleinsten machten deutlich, dass Frieden mehr als nur ein Wort ist.

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