Bad Mergentheim

Straßennamen (Teil 23) In der Törkelgasse spielte sich fast das ganze Leben ab / Beim Bummel mit Erinnerungen an frühere Zeiten werden vergangene Jahrzehnte wach

Kopfschlächter, Katzen-Marie und Sahne

Archivartikel

Besonders interessant ist, wenn wir bei unserer Serie über Straßennamen auf ältere Unterlagen stoßen, die von früheren Zeiten erzählen, wie hier von der Törkelgasse.

Bad Mergentheim. Wenn man durch die stillen Gassen der ehemaligen Deutschordensstadt geht, begegnet man kaum mal einem Passanten. Manchmal kommt jemand zur Haustür heraus. Aber ansonsten scheint es menschenleer zu sein. Man bekommt fast den Eindruck, dass sich das Leben in den Gassen heutzutage vor allem nur noch hinter den Gardinen abspielt.

Blick zurück

War das früher auch so? Nein, möchte man fast spontan ausrufen. Früher hat sich das Leben in den Gassen mit den vielen Hausbewohnern in beengten Wohnverhältnissen, wo jeder jeden kannte, sehr lebhaft vor der Haustür abgespielt. Eindrucksvoll schildert dies Wilhelm Bamberger, der seinen „Einstand“ in der Törkelgasse im Jahr 1925 hatte. Im Jahr 2002, also 77 Jahre später, hat er alte Erinnerungen an das Leben und Treiben in der Gasse niedergeschrieben, die von den 20er Jahren bis in die 90er Jahre des letzten Jahrhunderts reichen und die im Stadtarchiv als Teil der Sammlung Spellbrink aufbewahrt werden.

Zusammen mit den ebenfalls in den 20er Jahren geborenen Gassenkindern Hede Landwehr und ihrer Schwester Irmgard, verwitwete Springauf, unternimmt er einen „Straßenbummel durch unsere liebe, altvertraute Gass mit ihren bescheidenen, aber arbeitsfrohen, freundlichen und ebenso friedlichen Bewohnern“ und erinnert sich zusammen mit seinen Gassennachbarinnen an die früheren Zeiten, als es in der Törkelgasse noch ein Milchgeschäft gab, in dem vor allem in der Erdbeerzeit frische Sahne die Kunden lockte.

Im Gebäude daneben befand sich im ersten Stock eine Waschmaschine, in der die Arbeitsmäntel der Kopfschlächter, die für das Zerlegen der Tiere zuständig waren, und ebenso der Metzger des Schlachthofs in der Zaisenmühlstraße gereinigt wurden.

Für private Auftraggeber, aber auch für Kurpensionen wurden in einem kleinen Handwerksbetrieb Matratzen hergestellt, ebenso Stühle und Sessel. Und dann gab es die Katzen-Marie, die in einem kleinen Häuschen mit viel Mijau wohnte und sich das Futter für ihre Tiere bei den Metzgereien erbettelte, das „wahrscheinlich auch für sie selbst die fleischliche Nahrung war“, wie Wilhelm Bamberger vermutet. Bei der Katzen-Marie, die auch mit Petroleum und Ölen hausieren ging und daher auch den Spitznamen Öl-Marie hatte, wohnte ein Sattler, der Saumzeuge für Pferde fertigte und Pferdegeschirre und Reitsättel flickte. Für die Gassenkinder war es immer ein großes Vergnügen, wenn die Beiden sich in den Haaren lagen und sich ausgiebig vor der Haustür stritten.

Schimpfen und Fluchen

Natürlich gab es auch Bauern, die in der Törkelgasse ihre kleinen landwirtschaftlichen Betriebe hatten. Wenn die Ernte eingefahren war, wurde in der Scheune das Getreide gedroschen. „Mit viel hü und hott und vor allem mit Muskelkraft und noch mehr Schimpfen und Fluchen wurde das Aufstellen der Dreschmaschine begleitet. Wenn dann am nächsten Morgen der Drusch begann und der Wind aus der entsprechenden Richtung wehte, konnte man kaum die Augen vor lauter Staub offenhalten“, erinnert sich Bamberger.

Auch einen Herren- und Damenschneider gab es in der Gasse, einen Schuhmacher und Lebensmittelladen, einen Bäcker, der mit seinen Gesellen und Stiften in der Backstube werkelte, einen Schreiner und einen Kohlenhandel, und vor dem Eckhaus Törkelgasse/Untere Mauergasse standen zwei Oleanderstöcke und dazwischen eine grün gestrichene Sitzbank.

Besonderen Eindruck machten die Rindviecher, Pferde und Esel, die in den Stallungen und der Scheune einer Exportschlächterei von der Törkelgasse in den Schlachthof getrieben wurden, wobei manch wildgewordenes Tier gebändigt werden musste.

Der Kuh- und Pferdemist auf der Gasse wurde gern von Rossbollensammlern aufgelesen und per Leiterwägelchen zum Garten transportiert.

Und auch das gab es in der Törkelgasse, dass Nachbarsöhne nicht mehr aus dem Krieg heimkehrten. Erinnert sei nur an Paul, der 1944 „gefallen“ war, und „Peppi“, der seit 1945 vermisst wurde. Insgesamt sind zwölf Männer und Jugendliche durch die damaligen „Kriegseinflüsse“ ums Leben gekommen. Eine große Zahl für eine kleine Gasse, in der die meisten Häuser ein Gärtchen besaßen, in dem vor allem in der Kriegszeit einige Hühner und Stallhasen gehalten wurden.

Schlafplätze vermietet

Interessant auch, dass im Wirtschaftswunderland Deutschland, von dem auch das Heilbad Bad Mergentheim profitierte, selbst Törkelgassenbewohner vom Kurgastboom profitierten, indem sie jede freie Schlafstelle an Gaststätten, Kuranstalten und Pensionen vermieteten, welche diese Übernachtungsmöglichkeiten für Gäste benötigten, die ihre Angehörigen in den Kuranstalten vor allem an Feiertagen besuchten. An Fronleichnam stellte eine Familie am Ende der Gasse einen großen Altar auf. Alle Familien, egal ob katholisch oder evangelisch, brachten Blumen aus ihren Hausgärten und praktizierten damit auf einfache Weise, was wir heute ökumenisches Handeln nennen.

Vor lauter Gassenerzählungen dürfen wir natürlich nicht vergessen zu fragen, warum heißt die Törkelgasse eigentlich Törkelgasse? Genaues weiß man nicht. Aber es könnte so sein: Am Eingang der Gasse, am Gänsmarkt, stand einst die große Scheuer des Spitals, zu dem viele Weinberge gehörten.

Vermutlich wird dort auch eine große Kelter gestanden haben mit einer Torkel, also einer Weinpresse, so dass die Gasse im Laufe der Zeit Törkelgasse genannt wurde. 1659 taucht allerdings die Bezeichnung Türkelgasse auf, womit wir aber auch nicht ganz weit entfernt von Törkelgasse und damit jetzt am Ende unserer Gassenwanderung angelangt wären.

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