Bad Mergentheim

„Literatur im Schloss“-Sommerfestival Open-Air-Lesungen im Klanggarten des Kurparks

Karl-Heinz Ott widmet sich „Hölderlins Geistern“

Archivartikel

Bad Mergentheim.Das „Literatur im Schloss“-Sommerfestival im Klanggarten des Bad Mergentheimer Kurparks, das am Freitag, 28. August, mit Anna Katharina Hahn beginnt, findet am Samstag, 29. August, seine Fortsetzung mit den Autoren Karl-Heinz Ott und Helmut Böttiger. Beginn ist um 20 Uhr, Einlass um 19 Uhr.

Friedrich Hölderlins Geburtstag jährt sich dieses Jahr zum 250. Mal, Paul Celan würde 100. Der eine ist der bedeutendste Dichter des 19., der andere der wichtigste des 20. Jahrhunderts. Es sind in den letzten Monaten etliche Bücher zu diesen Jubiläen erschienen. Die beiden besten Neuveröffentlichungen werden an diesem Abend vorgestellt: Der Essayist und Romancier Karl-Heinz Ott, der letztes Jahr sein Beethoven-Buch in Bad Mergentheim präsentierte, widmet sich auf erzählerische, kluge und vielschichtige Weise „Hölderlins Geistern“. Am Eingang des Tübinger Hölderlin-Turms stand jahrelang der Satz aufgesprüht: „Der Hölderlin isch et veruckt gwä!“ Ein Verrückter? Ein Revolutionär? Schwäbischer Idylliker? Oder der Vorreiter aller modernen Poesie?

Friedrich Hölderlin, der Mann im Turm, ist umkämpft wie kein zweiter deutscher Dichter. Im 19. Jahrhundert fast vergessen, im 20. Jahrhundert vom George-Kreis wiederentdeckt, von den 68ern als Revolutionär gefeiert: In seinem so witzigen wie gelehrten Essay zeigt Karl-Heinz Ott Hölderlin als großen Spiegel Deutschlands. Tübingen ist der Rahmen; dort hat der Dichter den größten Teil seines Lebens zugebracht, dort geistert er bis heute faszinierend umher.

Heidegger war Hölderlin-Verehrer. Und zwischen Heidegger, dessen Begrüßung des Nazi-Regimes bis heute einen Schatten auf sein philosophisches Werk wirft, und dem Juden Paul Celan gab es ebenfalls eine Nähe. Wie das geht? Und warum Celan wiederum sich Heidegger verwandt fühlte – und Hölderlin –, das erfährt man unter anderem im neuen Buch von Helmut Böttiger: „Celans Zerrissenheit. Ein jüdischer Dichter und der deutsche Geist“. Böttiger räumt mit vielen Mythen und Vorurteilen rund um Celan auf.

An kaum einem deutschsprachigen Autor zeigen sich die Verwerfungen der Nachkriegszeit deutlicher als an Celan. Auf Knüppelpfaden und Holzwegen war er unterwegs, der Ausnahmedichter Paul Celan. Bis heute ist das Bild, das man sich von ihm macht, geprägt von Missverständnissen, falschen Vorstellungen und heroischen Romantisierungen. Zum „Schmerzensmann“ und in die Rolle des „jüdischen Opfers“ stilisiert; wurde der Dichter auf vertrackte Weise ein „ideales Vehikel für die allgemeine Verdrängung“, so Helmut Böttiger, seine Todesfuge avancierte zum Schulgedicht, der Rest des Werks trat dagegen zurück.

Dass Celans Suche nach einer neuen dichterischen Sprache ihn paradoxerweise (vergeblich) die Nähe von Ernst Jünger, des von Celan „Denk-Herrn“ genannten Martin Heidegger oder sogar Figuren wie Rolf Schroers suchen ließ, während er mit der Sprachhaltung seiner Förderer Böll und Grass wenig anfangen konnte, wurde dabei oft übersehen oder passte nicht ins Bild. Helmut Böttiger zeichnet Leben und Werk Celans auf dem Hintergrund des literarischen Betriebs seiner Zeit. Heraus kommt dabei ein ganz neuer Blick auf Celan.

Was Hölderlin und Celan außerdem miteinander verbindet, wie man sie heute lesen kann und welche ihrer Texte bleiben – das wird bei diesem Gipfeltreffen ebenfalls geklärt. Ein Abend über die Magie des Poetischen – an dem auch das eine oder andere Gedicht zu Gehör gebracht wird!

Das „Literatur im Schloss“-Sommerfestival – eine Kooperation mit der Stadt und der Kurverwaltung Bad Mergentheim – findet vom 28. bis 30. August statt. Neben Karl-Heinz Ott und Helmut Böttiger ist bereits am Freitagabend (28. August, 20 Uhr) Anna Katharina Hahn mit ihrem Familienroman „Aus und davon“ zu Gast.

Am Sonntagvormittag (30. August, 11 Uhr) nimmt Katrin Schumacher die Fährte auf, die Füchse in der Kulturgeschichte gelegt haben. Und am Sonntagabend (20 Uhr) liest Friedrich Ani aus seinem neuen Bestseller-Krimi „All die unbewohnten Zimmer“.

Durch das Programm im Klanggarten des Kurparks führt an allen Tagen die Übersetzerin und Journalistin Beatrice Faßbender. Bei schlechtem Wetter werden die Lesungen übrigens nach nebenan in die Wandelhalle verlegt, wo alle Corona-bedingten Maßgaben zur Sicherheit des Publikums ebenso erfüllt werden können wie im Klanggarten.

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