Bad Mergentheim

Industrie 4.0 Umfrage unter Firmen / Würth Industrie Service und VS-Vereinigte Spezialmöbelfabriken gaben Auskunft / „Menschen bleibt unverzichtbar“

Intelligente Vernetzung optimiert Ablauf

Archivartikel

Globalisierung, Digitalisierung und Industrie 4.0 – das sind alles Schlagwörter, die in der Wirtschaft in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen haben, aber auch für die Gesellschaft wichtig sind.

Bad Mergentheim/Tauberbischofsheim. Das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnugsbau Baden-Württemberg erklärt Industrie 4.0 als ein „vertieftes Zusammenwachsen von Maschinenbau und Elektrotechnik mit der Informationstechnologie zu einer intelligent vernetzten Produktionsweise in den Fabriken der Zukunft“.

Was bedeutet das konkret für Firmen im Main-Tauber-Kreis, fragte unsere Reporterin und nahm Kontakt zu verschiedenen Firmen der Region auf, doch nicht alle wollten dazu Auskunft geben.

Alexander Ille, Teil der Geschäftsleitung Unternehmensplanung bei der VS (Vereinigte Spezialmöbelfabriken GmbH & Co. KG) in Tauberbischofsheim teilt zur Herausforderung Industrie 4.0 Folgendes mit: „Die Herausforderung besteht nicht nur darin, die kleinste Einheit Mensch-Maschine-Objekt im Unternehmen zu vernetzen.“ Die Aufgabe läge darin mehrere Einheiten zu einem Prozess zu verbinden und schließlich „alle Prozesse eines Unternehmens miteinander zu koppeln“. Im Idealfall kämen noch weitere Prozesse von Kunden und Lieferanten hinzu, die „integriert“ werden.

Voll automatisiert

Um diese abstrakte Idee zu konkretisieren, nennt VS als Beispiel die Schrankfertigung: Alle Prozessstufen sind sowohl fertigungs-, als auch datentechnisch voll automatisiert vernetzt. Es beginnt bei der Warenannahme der Rohstoffe, beispielsweise beschichtete Holzwerkstoffe. Deren Einlagerung und Verwaltung, sowie die kundenbezogene Auslagerung ist voll automatisiert. Alle Prozesse, angefangen beim Zuschnitt der Rohstoffe, über die Bearbeitung, etwa Bohren, Fräsen und Verpressen bis hin zum Versand des vollendeten Produkt, sind miteinander verbunden.

Gibt es im Ländlichen Raum die nötigen Strukturen um Industrie 4.0 erfolgreich zu bestreiten? Mit einem klaren „Ja“ beantwortet dies auch Stefan Reuss, Head of Digital Business Development & Innovation der Würth Industrie Service: „Bereits seit 2011 setzt die Würth Industrie Service zur Steuerung der Materialflüsse für ihre Kunden auf RFID-gestützte Kanban-Systeme.“

Kanban-Systeme dienen der Bestandsführung. Das Herzstück dieser Technologie sind die integrierten RFID-Transponder, die Informationen wie „Behältertyp, Artikelnummer, Bezeichnung, Füllmenge und Charge speichern“ und im Bedarfsfall automatisiert eine Bestellung auslösen können. „Die Datenübermittlung erfolgt direkt von der Produktion des Kunden zum Zentrallager in Bad Mergentheim.“

Auch VS-Vertreter Alexander Ille meint: „Die intelligente Vernetzung macht unsere Abläufe in Verwaltung und Produktion effizienter und transparenter. Davon profitieren in erster Linie unsere Kunden. So können wir ihnen eine extrem breite Varianz an Modellen und Ausführungen in großen Stückzahlen genauso wie auch in Kleinstmengen bis Losgröße 1 anbieten, je nach Anforderung. Die Produkte lassen sich dabei individuell nach Kundenwünschen anpassen.“

Klare Vorteile

Die Entwicklung biete also den Kunden klare Vorteile, da man ihren Anforderungen besser gerecht werden könne.

„Industrie 4.0 und damit die Interaktion beziehungsweise Integration und angestrebte kognitive Kopplung von Mensch, Maschine und Objekt haben deshalb schon lange in unsere Abläufe Einzug gehalten und wir verbessern uns kontinuierlich“, fasst Alexander Ille die bisherige Entwicklung zusammen.

Der Mensch verschwindet also nicht aus dem Prozess. Stefan Reuss von Würth Industrie Service unterstreicht: „Es ist die Interaktion, die Industrie 4.0 auszeichnet. Die Interaktion von Mensch und Maschine, das Zusammenspiel des Menschen in einer mit ihm vernetzten Systemwelt.“

Der Mensch stehe weiterhin im Zentrum des Unternehmens.

Reuss ist sich sicher: „Die Arbeitswelt wird sich verändern. Maschinen sind jedoch dazu da, Arbeit zu erleichtern – und nicht, Arbeit wegzunehmen.“ Der Mensch müsse also weniger körperlich arbeiten und durch die Konstruktion neuer Maschinen, ihre Wartung und Überwachung würden neue Jobs geschaffen werden. Dafür brauche es den Menschen und sein Wissen, so Reuss. Die Arbeit, die der Mensch verrichtet, werde sich verändern, doch der Mensch bleibe unverzichtbar.

Auch die Sorge um den ländlichen Raum als Standort scheint unbegründet. Für die VS zahle sich die Vernetzung aus, weil man damit überhaupt erst in der Lage sei, die „Komplexität im internationalen Wettbewerb wirtschaftlich zu beherrschen und den Standort Tauberbischofsheim zu sichern“.

Ähnlich sieht das Reuss von Würth Industrie Service aus Bad Mergentheim: „Die Stadt Bad Mergentheim ist der perfekte Standort, nicht zuletzt durch das Kasernengelände mit der vorhandenen Infrastruktur.“ Das 1999 von der Würth-Gruppe erworbene und von der Würth Industrie Service für die Belange der Industriekunden zum europäischen Logistikzentrum umgebaute Gelände, beschreibt Reuss als „Glücksgriff“ für das Unternehmen.

Jedoch dürfe man auch nicht still stehen: „Weiterbildung ist an dieser Stelle das Schlüsselwort. Neue Technologien rufen neue Produktionsbedingungen, sowie Formen der Arbeitsorganisation hervor.

In diesem Zuge wird bei der Würth Industrie Service der Studiengang ’Digital Business Management’ angeboten, um im Zeitalter von Industrie 4.0, die Nachwuchskräfte auf die sich verändernden Prozesse vorzubereiten.“

Industrie 4.0 ist also ein Impulsgeber auch für die Firmen aus der Region, die sich parallel dazu weiterentwickeln und ihren Platz im Markt so sichern.

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