Bad Mergentheim

Konzert im Jeunesses-Keller Trio „Wildes Holz“ liefert einen „Wow!“-Abend mit Blockflöte, Kontrabass und Gitarre ab

Inspirierend perfekt und selbstironisch

Archivartikel

Einen „Wow!“-Abend mit Blockflöte, Kontrabass und Gitarre lieferte das Trio „Wildes Holz“ im Weikersheimer Jeunesses-Keller ab.

Weikersheim. Kontrabass? Geil. Gitarre? Ja, gerne. Aber Blockflöte? Von diesem Einsteigerinstrument ist doch eigentlich kaum was zu erwarten – zumindest nichts, was jazzt, rockt, von den Stühlen reißt. Am Samstagabend belehrte das Trio „Wildes Holz“ das Publikum im bis auf den letzten Platz ausgebuchten Jeunesses-Keller eines Besseren.

Ursprünglich sollte die Gruppe ja das als „musikalisches Holzinferno“ angekündigte Programm „Ungehobelt“ spielen. Dann verstarb jedoch völlig überraschend Gitarrist Anto Karaula, und es stand in den Sternen, ob „Wildes Holz“ heuer überhaupt auf Tour gehen würde. Sie sind unterwegs – mit Djamal Laroussi, der viel mehr ist als ein Ersatzmann.

Laroussi, gebürtiger Algerier, bekam als 15-jähriger eine Gitarre geschenkt. Die inspirierte den Autodidakten, der der erste Afrikaner an der Kölner Musikhochschule wurde.

Das Studium – Komposition, Jazz-Arrangement, Gitarre und Schlagzeug – schloss er mit Auszeichnung ab. Inzwischen gehört er zu den weltweit 20 besten Gitarristen. Der Linkshänder spielt die Rechtshänder-Gitarre mit unglaublicher Spielfreude einfach andersrum, ist nebenbei als algerischer Unicef-Botschafter unterwegs und tourte unter anderem in Russland mit dem Nationalballett, in Europa mit Stevie Wonder. Seine Welt: Die Weltmusik, der Brückenschlag zwischen arabischen Klangwelten und Jazz, Rock, Latino-Rhythmen.

Das passt perfekt zum „Wilden Holz“. Und so entstand schon vor über anderthalb Jahrzehnten eine Freundschaft mit dem Trio. Jetzt ergänzt er den Diplom-Jazz-Blockflötisten Tobias Reisige und den Jazz-Kontrabassisten Markus Conrads. Beide studierten an der Essener Folkwang-Universität, beide ergänzten das Hauptinstrument durch Zusatzausbildungen: Reisige ist auch Saxophonist, Conrads Mandolinenspieler.

Mit seinem Kontrabass war Conrads bereits in Fernost und Russland unterwegs und natürlich kreuz und quer in Europa. Besonders Italien hatte es schon dem Ur-Trio angetan, wo sie als Straßenmusikanten Reise- und Klanglust aufs Erquicklichste verbinden konnten.

In Weikersheim sorgten sie in neuer Besetzung auf Anhieb für beste Stimmung: Allererste italienische Sahne – auch wenn Komponist Markus Conrads eher das italienische Bier als Muse für den Titel „Moretti Swing“ nannte. Perfekte Soli werden mit Session-Applaus und Mitschnippen belohnt, zum Dank gab’ s gleich „Ein Küsschen“, dann aus der Feder von Djamal Laroussi „Africhaabi“. Das Publikum fragt sich vergeblich, wie so ein Tempo hinzubekommen ist, wie eine C-Flöte Glissandi blitzen lassen kann und eben mal mutiert zum sandig-klingenden Sound-Janus zwischen Querflöte und Percussion.

Im Blick zurück auf Heinz Rudolf Kunze und die bis zum Zerreißen der Kassette immer wieder gehörten Takte hat Tobias Reisige dem Trio ganz sanft „Brille“ so auf den Leib geschrieben, dass Laroussi die Gitarrensaiten regelrecht kitzelt, Conrads die des Kontrabasses streichelt und Reisige mit seiner Tenorflöte ein wohlig-wolkig-warmes Kuschelmoll anstimmt, tremolierend, dann pizzicato – ein Genuss. Gut ein Dutzend Blockflöten vom Sopranino-Flötchen bis zur Kontrabassblockflöte hat Reisige dabei, und er spielt sie mit Loop-Hilfe zum kompletten Flötenorchester aus oder auch mal zwei gleichzeitig. Flötenfaszination pur ist das, und man fragt sich wirklich, ganz wie von Kulturamtschefin Astrid Hackenbeck in der Vorrede angekündigt, warum man sich diesem jazz- und rocktauglichen Instrument nicht selbst mit Haut und Haar verschrieben hat.

Es ist ein Klangfestival der ganz besonderen Art, das „Wildes Holz“ erleben lässt – im ersten Teil vorwiegend mit Eigenkompositionen, nach der Pause mit einem wilden Ritt durch Zeiten, Welten und die Rock- und Popgeschichte.

Da hört man Doris Day in Jay Livingstons „Whatever will be“ mitsingen, da ist Jacques Brel mit „Ne me quitte pas“ zu Gast, da wird in „Canone“ Domenico Gabriellis gedacht: alles in erfrischender Uneitelkeit, mit köstlicher Selbstironie und in einer mit unglaublicher Spielfreude gepaarten Professionalität, die nicht nur den Ohren, sondern auch den Augen einen echten Festtagsschmaus serviert.

Zum Schluss brandender Applaus, drei Zugaben, ein bei Pippi Langstrumpf – begleitet von froschgrünem Plastikflötchen – mitsingendes und sogar mittanzendes Publikum. „So eine tolle Stimmung hab ich hier noch nie erlebt,“ schwärmte eine treue und eigentlich immer begeisterte Jeunesses-Keller-Konzert-Besucherin beim eher widerstrebenden Aufstieg aus der „Unterwelt“. Stundenlang hätte man noch abfeiern können mit dieser Truppe. Party, so viel ist sicher, kann man auch mit akustischen Holzinstrumenten machen – vorausgesetzt, sie sind aus wildem Holz geschnitzt.