Bad Mergentheim

Bad Mergentheimer Student suchte eine Herausforderung Benedikt Selbach stieg in Oberstdorf auf sein Rennrad, um in den hohen Norden zu fahren

In sieben Tagen mit dem Rad bis Sylt

Archivartikel

Bad Mergentheim/Sylt.Benedikt Selbach startete nicht von seinem Heimatort Bad Mergentheim, sondern vom südlichsten Ort Deutschlands, von Oberstdorf, in den nördlichsten, nach List auf Sylt. Er hat’s geschafft und ist mit zahllosen neuen Eindrücken in die Heimat zurückgekehrt. Der „Sylter Rundschau“ hat er bei seiner Ankunft von seinen Erlebnissen erzählt. Hier der Bericht:

Selbach studiert sonst Betriebswirtschaft an der Universität Mannheim. In der Freizeit setzt er sich am liebsten aufs Rennrad, um durch die Region zu sprinten, oder auf das Mountainbike, wenn es durch Wald und Wiesen geht. Manchmal auch gemeinsam mit Gleichgesinnten aus seinem Radsportverein des TV Bad Mergentheim.

Die 1070 Kilometer lange Strecke zwischen den beiden „Zipfelgemeinden“ Oberstdorf und List auf Sylt absolvierte er in einer Fahrzeit von insgesamt 40 Stunden und 15 Minuten. Nach den Angaben der Navigations-App auf seinem Smartphone musste Benedikt Selbach dabei „nur“ knapp 6000 Höhenmeter bergauf fahren. Die erste Etappe von Bad Mergentheim nach Oberstdorf legte der junge Student mit seinem Rennrad im Zug zurück. Mittags ging es los. Die eigentliche Radtour startete dann einen Tag später um 9 Uhr morgens in Oberstdorf.

Neue Menschen kennengelernt

„Mein erstes Etappenziel war ein kleiner Ort namens Staufen bei Heidenheim“, erzählt der Radsportler. „Ich hatte ein paar Tage zuvor in sozialen Medien nach einem Schlafplatz in der Nähe gefragt, woraufhin sich eine Kommilitonin aus Mannheim meldete und mir einen Unterkunft bei ihrer Familie in Staufen anbot.“ Dass sie selbst zu dieser Zeit nicht zuhause war, machte die Sache für Benedikt Selbach eigentlich nur lustiger. So bot sich die Gelegenheit, viele neue Menschen kennenzulernen – für den jungen Studenten eine der wichtigsten Erfahrungen auf seiner weiten Reise.

Am ersten Tag legte er von Oberstdorf nach Staufen eine Fahrstrecke von 165 Kilometern zurück. Für den zweiten Tag hatte sich Selbach ein ehrgeiziges Ziel gesetzt – 215 Kilometer bis zum Ziel Bad Kissingen. Bis abends um 21.30 Uhr trat er in die Pedale seines Drahtesels – eine Erfahrung, die Selbach lieber nicht noch einmal machen würde. Sicher fühlte er sich auf der Landstraße nicht. „Als Rennradfahrer wird man in der Dämmerung trotz Vorder- und Rücklicht nicht mehr allzu gut gesehen.“ 215 Kilometer war die längste Tagesetappe, die kürzeste 130 Kilometer, im Tagesdurchschnitt legte Benedikt Selbach 156 Kilometer zurück. „Meine Durchschnittsgeschwindigkeit lag täglich zwischen 26 und 29 Stundenkilometern“, erläutert er. Als Maximalgeschwindigkeit zeigte seine Navigations-App einen Wert von knapp 71 km/h. Die fünfte Tagesetappe endete für Benedikt Selbach mit einer Panne – nur einen Kilometer vor dem Ziel war ein Reifen platt. Der Student hatte für solche Fälle vorgesorgt und einen Ersatzschlauch dabei. „Während ich dabei war, meinen Schlauch zu wechseln, kam ein Mann mit seiner Tochter in einem Auto vorbei.“

Auf ihre Frage, ob er Hilfe benötige, antwortete er, er könne Unterstützung beim Aufpumpen gebrauchen. Er habe nur eine kleine Handpumpe dabei. „Der Mann namens Karsten lud mich und mein Fahrrad ein und fuhr mich zu seinem nahe gelegenen Hof, auf dem er einen Kompressor hatte.“ Dort mussten sie feststellen, dass bei der Reparatur auch der Ersatzschlauch kaputtgegangen war. Schließlich brachte der Autofahrer den Radler mitsamt seinem kaputten Fahrrad noch zum Hotel. „Karsten und seine Tochter gaben also für eine wildfremde Person eine gute Stunde ihres Feierabends auf, um zu helfen.“ Eine Begegnung, die Benedikt Selbach sehr beeindruckt hat.

Sprint auf der Insel

Am siebten Tag stieg der Radrennfahrer in Klanxbüll in den Zug und fuhr bis Morsum.

Auf der Insel legte er einen Sprint ein: Die 22 Kilometer bis zu seinem Ziel im Sylter Norden absolvierte er mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 35 km/h. „Ich kam an den Ortsschildern der Lister Ortsteile vorbei, wollte aber nun nach über 1000 Kilometern nicht an den letzten paar Metern sparen und fuhr bis zum offiziellen Ortseingang von List.“ Nach dem Sprint auf der letzten Etappe und nicht zuletzt den Anforderungen der vergangenen sechseinhalb Tage war Selbach buchstäblich am Ende, seine Beine machten schlapp. „Ich bin dann noch in den Lister Hafen gefahren, habe mich auf eine Bank gesetzt und auf die Nordsee geschaut.“

Die weite Tour allein geschafft zu haben war für ihn eine sehr emotionale Erfahrung. Sehr beeindruckt hat Benedikt Selbach auch eine Begegnung am letzten Abend am Roten Kliff auf Sylt. „Während des Sonnenunterganges sprach ich kurzerhand eine allein sitzende ältere Dame an und fragte sie, ob ich ihr Gesellschaft leisten dürfe.“ Die Frau stellte sich als Ruth (85) vor und erzählte, dass sie auf Sylt geboren sei. „Das Gespräch war einer der wichtigsten Momente meiner Tour“, blickt Benedikt Selbach zurück. „Ich kann nun also guten Herzens sagen, dass ich mich mit einer waschechten Sylterin unterhalten habe.“

Große Preisunterschiede

„Ich habe die Zeit auf Sylt genossen“, erzählt der junge Student im Gespräch mit der Sylter Rundschau. Er blieb noch zwei Nächte bis Donnerstag auf der Insel.

Eingeprägt haben sich aber auch die hohen Hotelpreise, die er aufgrund der kurzfristigen Buchung zur Hochsaison auf der Ferieninsel zahlen musste. Eine Nacht für 93 Euro und in der zweiten Nacht ein kleines Appartement für 180 Euro – das war deutlich mehr als in den anderen Nächten seiner Deutschland-Radtour. Da reichten zum Teil 40 Euro für eine Übernachtung mit Frühstück.

Doch im Rückblick überwiegen bei weitem die positiven Eindrücke: „Der Sonnenuntergang am Roten Kliff war spektakulär“, erinnert sich der 21-Jährige, „die Sylter Dünenlandschaft ist einfach atemberaubend.“ Für ihn steht fest: „Ich werde auf jeden Fall wieder kommen.“ Auf dem Fahrrad? Selbach lacht. „Vermutlich nicht. Das macht man nur einmal im Leben.“

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