Bad Mergentheim

Leserbrief Zum Kommentar „Digitale Dyslexie“ (FN, 11. Februar)

„Ich rate grundsätzlich zur Vorsicht“

Sehr geehrter Herr Schwab!

Dyslexien, also die eingeschränkte Fähigkeit zu lesen und das Gelesene zu verstehen (durch Entwicklungsstörungen oder Krankheiten des Gehirns), sind nur in Gesellschaften von Nachteil, die Lesenkönnen als unabdingbare Fähigkeit des Menschen voraussetzen oder gar daran dessen Wert bemessen.

Gesellschaften sind umso höher differenziert und müssen sich daran messen lassen, je eher sie in der Lage sind, Menschen in ihrer Vielfalt, mit ihren unterschiedlichen Schwächen, annehmend, fördernd, integrierend und sich gegenseitig bereichernd zusammenzuführen. Das geschieht durch soziales Lernen, und dabei hilft ein digitales Medium kaum.

Ich rate zur Vorsicht, die Digitalisierung der Gesellschaft als nur gut, richtig und wichtig darzustellen, sie uns unkritisch oder gar von Angst getrieben auf die Fahne zu schreiben und alle, die nicht mithalten können oder wollen, als „abgehängt“ zu bezeichnen. Schon jetzt zeigen sich neben sicher vielen guten auch sehr negative Auswirkungen der Digitalisierung.

Namhafte Wissenschaftler sprechen vom „Verlust der Kindheit“ seit Einführung von Handy & Co., von psychischer und sozialer Mangelentwicklung enormen Ausmaßes. Nicht umsonst boomen Kurse rund um Meditation und Natur. Mit gutem Grund verbieten psychosomatische Kliniken ihren Patienten Handygebrauch ähnlich wie Alkohol und Zigaretten. Ich bitte daher ergänzend kritisch abzuwägen, wo Digitalisierung wirklich hilfreich ist und wo sie uns Wichtiges verloren gehen lässt, eine Diskussion, die in der Ärzteschaft zum Beispiel zum Thema Einführung von Telematik und elektronischer Patientenakte intensiv geführt wird, und von der die Patienten, um deren Daten es doch geht, viel zu wenig informiert sind.

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