Bad Mergentheim

Grünen-Sprecher Matthias Gastel referierte im Mittelstandszentrum / Bushaltestellen müssen künftig barrierefrei sein

Gute Beispiele für nachhaltige Mobilität

Bad Mergentheim.Der bahnpolitische Sprecher der grünen Bundestagsfraktion Matthias Gastel und der baden-württembergische Landesvorsitzende Oliver Hildenbrand besuchten den Main-Tauber-Kreis. In einem Vortrag im Mittelstandszentrum stellte Gastel Positivbeispiele für eine nachhaltige Mobilität im dünn besiedelten ländlichen Raum vor.

Als ein Gemeinschaftsprojekt von drei Landkreisen im Südschwarzwald ist der sogenannten "3er-Ringzug" entwickelt worden. Hierzu wurden stillgelegte Eisenbahnstrecken reaktiviert. Der Omnibusverkehr werde dort als Zubringer zur Bahn eingesetzt. Skeptiker prognostizierten für den 3er-Ringzug lediglich 2000 Fahrgäste pro Tag. Die Planer gingen bereits von 5 000 aus. Im Jahr 2014 fuhren aber tatsächlich bereits 15 000 Menschen pro Tag damit, so dass das System inzwischen an seine Grenzen stößt und die Beförderungskapazität erhöht werden muss.

Erfolgreich reaktiviert worden sei auch die Usedomer Bäderbahn. Sie konnte die Fahrgastzahl von 700 auf 9000 pro Tag steigern. Ebenso erfolgreich arbeite die Schönbuchbahn. Deren Nutzerzahl sei von 2000 auf 9000 Fahrgäste täglich angewachsen.

Matthias Gastel wendet sich entschieden dagegen, den Schienennahverkehr auf dem Land abzubauen. Dabei verweist er darauf, dass "60 Prozent der Fahrgäste im Schienenpersonenfernverkehr nicht aus den Metropolregionen kommen". Die Hälfte aller Fernverkehrskunden reise mit dem Nahverkehr an. Er sei deshalb als Zubringer für den Fernverkehr unverzichtbar. In der Uckermark sei ein weiteres Konzept entwickelt worden, um öffentliche Verkehrsmittel in dünn besiedelten Gebieten aufrecht zu erhalten. Ein sogenannter Kombibus befördert dort nicht nur Personen, sondern auch Güter. Dies verbessere die Wirtschaftlichkeit des ÖPNV, so dass er fortbestehen kann.

Bei geringer Nachfrage im öffentlichen Nahverkehr, bei der sich kein Linienbus lohne, kämen Bürgerbusse oder auch Bürgerautos in Frage, meint Gastel. Letztere gewährleisteten einen Gelegenheitsverkehr, zum Beispiel zum Einkauf oder zum Arztbesuch.

Sehr erfolgreich etabliert worden sei die Konus-Gästekarte im Schwarzwald. Sie werde mit einem Preisaufschlag auf die Kurtaxe von 42 Cent pro Übernachtung finanziert. Damit könne der ÖPNV inklusive genutzt werden. Das werde sehr gut angenommen. 47 Prozent der Gäste nutzten die Konus-Karte, obwohl 82 Prozent mit dem Auto anreisten.

Auch Betriebe könnten dazu beitragen, dass die Mobilität nachhaltiger werde. Als Positivbeispiel nannte Gastel das Mobilitätskonzept der Firma Vaude im Allgäu. Sie habe beispielsweise Fahrradabstellanlagen geschaffen oder günstig gelegene Stellplätze für Mitfahrgemeinschaften. Eine Buslinie verlaufe direkt über das Betriebsgelände.

In kleinen Orten könne auch einfach eine "Mitfahr-Bank" aufgestellt werden. Wer dort Platz nehme signalisiere vorbeifahrenden Autos, dass er mitgenommen werden möchte. Mit einem Klappschild werde das Ziel angegeben. Im zweiten Teil seines Vortrags ging der grüne Verkehrsexperte auf das Thema Barrierefreiheit ein. Verkehrsmittel müssten so geschaffen werden, dass sie ohne besondere Erschwernis und ohne fremde Hilfe von allen genutzt werden können. Dies bedeute beispielsweise eine Veränderung der Bahnsteighöhe. Der Mindeststandard von 38 Zentimetern, wie etwa in Bad Mergentheim, reiche bei weitem nicht aus. Züge hätten eine Mindesteinstiegshöhe von 55 Zentimetern, S-Bahnen von 96 Zentimetern. Schwierig werde es, wenn an demselben Bahnsteig verschiedene Zuggattungen halten.

Das Personenbeförderungsgesetz des Bundes schreibe vor, dass alle Bushaltestellen bis zum Jahr 2022 vollständig barrierefrei sein müssen. Besonders Busparkbuchten seien problematisch, weil die Busse nicht so nah an den Bussteig herankämen. Viele Gemeinden hätten jedoch noch nicht einmal einen Plan mit einer Prioritätenliste, um diese gesetzliche Aufgabe schrittweise zu erfüllen. pm