Bad Mergentheim

Hospizarbeit in der Region Recht auf palliative Betreuung / „Da haben wir noch viel Öffentlichkeitsarbeit vor uns“ / Aus dem Leben von Helfern und Betroffenen

„Gut leben und gut sterben wollen viele“

„Ich habe gut gelebt und will jetzt auch gut sterben“ – diese Aussage eines Hospizbewohners sagt viel darüber aus, was Menschen am Ende ihres Lebens umtreibt.

Bad Mergentheim. Seit über 20 Jahren sorgte die Hospizgruppe in Bad Mergentheim dafür, dass man den letzten Teil des Lebensweges nicht alleine gehen muss. Nachdem die Aufgaben und die Begleitung der Sterbenden immer umfangreicher wurden, gründete man 2017 den Verein Ökumenischer Hospizdienst Bad Mergentheim e.V. Dadurch wurde es auch möglich eine hauptamtliche Koordinatorin zum 1. Juli 2018 anzustellen.

Sabine Strommer hat im Caritas-Krankenhaus eine Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin absolviert und ein Jahrzehnt Erfahrungen in der Pflege in Neurologie, Onkologie und Palliativeinheit gesammelt. Im Lauf der Jahre hat sie sich durch eine Palliative-Care-Zusatzausbildung, sowie den Aufbaukurs für diese spezielle Form der Pflege in der Schmerzmedizin und Begleitung von Schwerkranken und Sterbenden qualifiziert.

Ihre Aufgabe beschreibt sie sehr plastisch: „Ich vergleiche unsere Arbeit oft mit einem Lotsen. Alle wissen, wo die Reise hingeht, und wir können dafür sorgen, dass die Fahrt nicht so stürmisch wird. Viele wollen zu Hause sterben. Wir wollen das möglich machen und die Menschen am Lebensende gut begleiten. Und das geht nur gemeinsam.“

Der Wunsch daheim sterben zu dürfen, wird von sehr vielen geteilt. Fast wichtiger aber ist den Menschen, dass sie nicht alleine sind auf ihrem letzten Weg. So betreuen die ehrenamtlichen Helfer des Vereins die Sterbenden auch nicht nur in ihren eigenen vier Wänden, sondern sind auch in Pflegeheimen und im Caritas-Krankenhaus.

Viele engagierte Betreuer

Funktionieren kann dieser Dienst am Menschen nur, weil Sabine Strommer ein unglaublich motiviertes und qualifiziertes Team um sich herum hat. So unterschiedlich die Menschen sind, die betreut werden, so unterschiedlich sind auch die Lebensläufe der Mitarbeiter des Vereins.

Christine Dörner arbeitet als Krankenschwester, hat also auch berufsmäßig viel Erfahrung mit kranken Menschen und hat nach einer zusätzlichen palliativen Ausbildung auch die Qualifizierung zur Hospizbegleiterin durchlaufen. „Mir war es einfach ein Bedürfnis, dass die Menschen, nachdem sie aus dem Krankenhaus entlassen worden sind, auch den letzten Abschnitt ihres Lebens so gut wie irgend möglich verbringen können“, erklärt sie.

Reinhard Grauli als freiberuflicher Ingenieur hat einen ganz anderen beruflichen Background. „Als wir nach Mergentheim zogen, wollte ich mich ehrenamtlich engagieren. Damals gab es eine große Debatte um die aktive Sterbehilfe. Das brachte mich zum Nachdenken, wie das denn für die Menschen ist, die am Lebensende alleine dastehen und Hilfe brauchen“, schildert er seinen Weg zum Hospizbegleiter. Auf die Frage, ob dieses Engagement nicht auch sehr belastend ist, sind sich beide einig: „Natürlich ist das nicht immer einfach und kann auch schon sehr nahe gehen. Aber wir wurden vorher gut geschult, wussten, was uns erwartet und haben immer die Möglichkeit durch Supervisionen Hilfe zu bekommen. Und die Dankbarkeit, die Freude und die Erfahrungen, die man mit den Sterbenden und den Angehörigen macht, die geben uns auch viel!“ Und dann sagen sie etwas, das nachdenklich macht: „Jeder, der geht, lehrt uns etwas.“

Wer kann mithelfen? Diese Frage beantwortet Sabine Strommer mit einem freundlichen: „Grundsätzlich jeder. Es braucht keine bestimmte Ausbildung, kein bestimmtes Alter oder sonstige Voraussetzungen. Das Wichtigste ist Empathie und dass man authentisch bleibt. Und natürlich, dass man sich in bestimmten Situationen auch mal zurücknehmen kann.“

Durch Qualifizierungen wird sichergestellt, dass auch das theoretische Rüstzeug passt und in gemeinsamen Treffen, geben sich die Helfer Tipps und Unterstützung für ihre schwierigen Aufgaben. Und es ist auch niemand böse, wenn man mal eine Auszeit braucht, weil der eigene Akku aufgeladen werden muss.

Und wie sieht die Praxis aus? Für Hannah Müller (Name von der Redaktion geändert) veränderte sich vor fünf Jahren alles. Ihr Mann Horst bekam die Diagnose „Prostatakarzinom“. Die folgenden Jahre waren geprägt von Operationen, Chemotherapien und Krankenhausaufenthalten. Ende 2018 war dann klar, dass der gemeinsame Lebensweg nicht mehr lange sein würde. Ihr Mann hatte überall Metastasen und andere Begleitumstände der Krankheit machten sein Leben zur Qual.

„Wir waren wirklich verzweifelt, meinen Mann so leiden zu sehen war kaum auszuhalten“, schildert sie diese dunkle Zeit. In dieser Situation trat ihre Schwägerin auf den Plan. Seit Jahren schon war sie als Hospizbetreuerin unterwegs und sie wusste Rat: „Ruf Frau Strommer an, sie kümmert sich dann um alles!“

Selbst heute noch kann die Familie Müller kaum fassen, wie schnell und reibungslos dann alles klappte. „Auf Anraten der Hospizkoordinatorin holten wir uns eine Verordnung vom Hausarzt und schalteten Palldomo ein, ein Palliativ-Care-Team aus Buchen. Die kümmerten sich zunächst einmal um das, was meinen Vater am meisten quälte und verschafften ihm Linderung“, erzählt die Tochter Laura Müller (Name von der Redaktion geändert) und fährt fort: „Dann wurde er so eingestellt, dass er so beschwerdefrei wie irgend möglich blieb und wir hatten eine Notfallnummer, die wir rund um die Uhr erreichen konnten. Das war eine enorme Erleichterung.“

Nachdem alles richtig eingestellt war, begleiteten die Sozialstation und der Hospizverein ihn engmaschig bis zu seinem Tod. Es fällt Hannah Müller immer noch schwer über ihren Verlust zu reden, aber man merkt, dass sie sich für ihren Mann freut und sich sicher ist, dass man ihm den Weg erleichtern konnte. „Wir waren vollkommen hilflos und wussten nicht, wie wir ihm helfen sollten, aber durch den Hospizverein konnte er so sterben, wie er es sich gewünscht hatte. Er war daheim, sein Bett war so ausgerichtet, dass er den Garten und die Vögel sehen konnte und viele Freunde kamen zu Besuch, sprachen mit ihm und nahmen Abschied. So fiel es auch uns leichter ihn gehen zu lassen“, schildert sie die letzten Tage.

Recht auf palliative Betreuung

Viele Betroffene wissen nicht, dass es einen Hospizverein gibt und auch nicht, dass sie ein Recht auf palliative Betreuung haben. Strommer merkt dies in ihrer täglichen Arbeit: „Das Erstaunen ist oft groß und bei vielen Anrufen bekomme ich auch mit, dass viele nur zufällig auf uns gestoßen sind. Da haben wir noch viel Öffentlichkeitsarbeit vor uns.“