Bad Mergentheim

„Caféhausplaudereien“ in Bad Mergentheim Veranstaltung mit Kurpfarrerin Angelika Segl-Johannsen fand Corona-bedingt in der Wandelhalle statt

Gerd Bayer kehrte Modewelt den Rücken

Archivartikel

Vom Modefotografen zum Bio-Landwirt: Gerd Bayer war zu Gast bei den„Caféhausplaudereien“.

Bad Mergentheim. Die Veranstaltungsreihe „Caféhausplaudereien“ mit Kurpfarrerin Angelika Segl-Johannsen wurde diese Woche fortgesetzt – allerdings nicht im Café Amadeus, sondern wegen der Abstands-Regeln in der Wandelhalle. Ein Glück, da um die 90 Besucherinnen und Besucher sich eingefunden hatten.

Talk-Gast des Abends war Gerd Bayer, der wegen seines einzigartigen Lebenslaufs in Funk und Presse Bekanntheit erlangt hat: vom hochbezahlten Modefotografen zum Bio-Landwirt in Rüsselhausen.

Dank der musikalischen Ausschmückung durch fünf Musiker des Kur- und Salonorchesters Hungarica gelang es, trotz der Sitzplatzstreuung in der Wandelhalle eine Kaffeehaus-Atmosphäre anzudeuten.

Im Zwiegespräch, das Gastgeberin und Gast auf der Bühne führten, entwickelte sich ein interessantes Bild vom Lebensweg Gerd Bayers.

Aufgewachsen in Rüsselhausen, einem Dorf hinter Markelsheim, wo seine Familie mit dem dortigen Martinshof schon seit Generationen verwachsen ist, war ihm die Landwirtschaft von Kindertagen an vertraut. In einem Mergentheimer Hotel absolvierte Bayer eine Ausbildung zum Koch.

Aber eine Reise nach Neuseeland (work and travel), die er nach der Schul- und Lehrzeit unternahm, brachte in sein Leben eine unvermutete Wende. Angeregt durch das Fotografieren der Naturschönheiten des Landes fand er zur Fotografie als Kunstform. Um Fotografie studieren zu können, drückte er in der Heimat wieder die Schulbank und erwarb die Fachhochschulreife. Wie es Gerd Bayer gelang, durch ein Praktikum in Hamburg und dann durch weitere Schritte in New York in die Welt der Modefotografen aufzusteigen, deutete er im Zwiegespräch mit Angelika Segl-Johannsen gerafft an. Kurzum: Er wirkte bei Porträts und Projekten über die Schönen und Reichen nicht nur mit, sondern wurde zu einem gefragten Fotografen, der rund um die Welt zu Terminen reiste.

Konsumverhalten fragwürdig

Doch in dieser Welt der Berühmten, Schönen und Reichen reifte in seinem Inneren eine Frage heran: „In welcher Welt möchte ich eigentlich leben?“ So konnte er es nicht weiter als sein Ziel ansehen, durch die Ergebnisse seines Jobs die Menschen zu animieren, immer mehr zu kaufen und Mode zu konsumieren. Das Konsumverhalten der reichen Länder, nicht nur in Bezug auf Kleidung, erschien ihm mehr und mehr fragwürdig.

Kehrtwende

So wagte er wieder eine Kehrtwendung: Er zog aus New York zurück in sein kleines Heimatdorf Rüsselhausen, um den konventionellen Bauernhof seiner Eltern zu übernehmen und in allmählichen Schritten und mit einigen Mühen zu einem Bio-Bauernhof umzubauen.

Die Nachfragen der Gastgeberin ließen die Schwierigkeiten transparent werden, die sich für den Landwirt in Sachen Wirtschaftlichkeit, Umweltschonung und Tierwohl ergeben. Auch die Mühen des Alltags wurden nicht verschwiegen: zum Beispiel das frühe Aufstehen für das Milchvieh oder die ausufernde Bürokratie.

Aber von seinen Eltern habe sich Bayer den Durchhaltewillen, Bescheidenheit und Flexibilität abgeschaut. Und obwohl er in seinem „alten Leben“ in New York die Vielseitigkeit, Bequemlichkeit und Abwechslung durchaus genossen habe, seien die Freuden seines „neuen Lebens“ auf dem Bauernhof letztendlich tiefgründiger – etwa die Pflege seines Bauerngartens oder die menschlichen Verwurzelungen. Erfüllung schenke es, wenn die Landwirtschaft gut gelingt, also ökologisch, naturschonend und nachhaltig gestaltet werden kann.

Fragen gestellt

Im Schlussteil der „Caféhausplaudereien“ konnten die Besucher Fragen stellen. Viele erwiesen sich als sehr sachkundig. So konnte Bayer Anregungen geben, die über sein Buch „Tausche Kamera gegen Kuh“ hinausgingen. Beispielsweise wurde er zu Themen wie artgerechter Haltung und Schlachtung von Rindern oder zum Import von Lebensmitteln oder zur Industrialisierung von Landwirtschaft befragt.

Hier zeigte sich Gerd Bayer als engagierter Landwirt mit einem hohen Reflexionsniveau. Dem zahlenden Verbraucher wies er eine Schlüsselrolle bei allen Veränderungen zum Besseren zu: Wer gesündere Lebensmittel und einen würdigen Umgang mit Tieren wünsche, dürfe sich als Kunde nicht an der Preisdrückerei der Supermärkte beteiligen, die auf Kosten der Landwirte ihren Profit erhöhen. uhe

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