Bad Mergentheim

Das Ende des zweiten Weltkriegs Junge Männer aus dem Kreis Mergentheim schilderten ihre Erlebnisse im Mai 1945 / Manche kehrten heim, andere mussten in Kriegsgefangenschaft

„Fühlten uns verloren, wertlos, weniger als Tiere“

Archivartikel

Ganz unterschiedlich erlebten Soldaten das Kriegsende im Mai 1945, wie aus Berichten hervorgeht, die Hartwig Behr gesammelt hat und die von Männern aus dem Kreis Mergentheim stammen.

Bad Mergentheim. Für einige Soldaten bedeutete die Unterzeichnung des Waffenstillstands mit der totalen Kapitulation in Reims am 7. Mai und der am 8. Mai 1945 in Berlin-Karlshorst das Ende der Kämpfe, für viele war der Krieg schon vorher zu Ende gegangen, für manche aber dauerte dieser „Krieg“ noch lange an. Sie hatten mit einer mehrjährigen Kriegsgefangenschaft auszubaden, was die Führer ihres Staates am 1. September 1939 angezettelt hatten. Diese stürzten in den nächsten fast sechs Jahren große Teile der Weltbevölkerung ins Unglück.

„Der Krieg war für mich indirekt am Tag der totalen Kapitulation, am 8. Mai 1945, in der Tschechei beendet. Ich war damals Funker bei einer Funkfeuer-Kompanie. Wir haben in aller Eile und Hetze sämtliche geheimen Unterlagen verbrannt und vernichtet, unsre Sachen gepackt, sind auf unsre motorisierten Fahrzeuge gesprungen und ohne Unterbrechung den Nachmittag und die Nacht hindurch in Richtung Westen gefahren. Am anderen Morgen um 8.30 trafen wir auf die Amerikaner, die uns entwaffneten und uns auf einer großen Wiese festhielten.“ So beschrieb der Bäcker Richard Bürckert den letzten Tag der Kriegshandlungen und den ersten des Waffenstillstands.

Er hoffte, wie seine Kameraden, in zwei bis drei Wochen zu Hause zu sein, bei der Frau und dem vor drei Monaten geborenen Kind. Doch es kam anders. „Nach zehn Tagen haben uns die Amerikaner den Russen ausgeliefert. Wir waren alle total am Boden zerstört, deprimiert, hilf- und kopflos.“ So kommentierte er die Lage: „Noch vor kurzem waren wir das Großdeutsche Reich, die große deutsche Wehrmacht, und heute nichts mehr, wir fühlten uns verloren, wertlos, weniger als Tiere!“ Und: „ . . . ich habe unter mein Leben einen Schlussstrich gemacht und abgeschlossen, ich sah für mich und uns keine Zukunft und Hoffnung mehr“.

Für Bürckert war der Krieg nur „indirekt“ zu Ende: „Wir alle kamen für mehrere Jahre als Arbeitssklaven und Kriegsverbrecher (wie die Russen sagten) in russische Kriegsgefangenschaft. Ich war vier Jahre und zwei Monate in zwei verschiedenen Lagern und auf einer Kolchose. Doch da ich sofort russisch sprechen und kyrillisch schreiben gelernt habe und mich mit Zeichnen und Malen beschäftigte, habe ich die Gefangenschaft besser als andere überstanden.“ Im Grunde hat Richard Bürckert ein Jahrzehnt durch Militärzeit und Kriegsgefangenschaft verloren. Sein Leben kam erst Jahre später in geordnete Bahnen, meinte er, eigentlich erst 1953 mit der Gründung eines Geschäftes in Bad Mergentheim.

Andere Männer, die nach ihrem persönlichen Kriegsende befragt wurden, sprechen von Glück, dass ihnen nicht Schlimmeres passiert ist. Wenn man liest, wie für Günther Deeg nach kurzem Einsatz das Kriegsende aussah, so kann man schließen, dass das Kriegsende für die Soldaten sehr unterschiedliche Formen und damit auch Folgen hatte. Für Millionen aber war der Krieg mit dem „Soldatentod“ zu Ende. Bürckert schreibt: „Wir haben in unserer engeren Verwandtschaft zehn junge Söhne an den Fronten hergeben müssen. Ein Bruder von mir ist mit 21 Jahren im Kaukasus gefallen. Ein Granatsplitter riss ihm eine Hüfte weg und er musste unter jämmerlichen Schmerzen einen bitteren Tod sterben.“

Dass Friedrich Dosch seinen Bericht noch schreiben konnte, grenzt an ein Wunder. Er lag als Funktruppführer in der Nähe des ungarischen Plattensees: „Am Ostersonntagmorgen wurde ich zusammen mit zwei Kameraden schwer verwundet. In einem Viehwagen wurden wir zusammen mit anderen Verwundeten ohne jegliche Unterlage und Versorgung weggebracht. Die Wirren des Rückzuges mit Fliegerangriffen und immer wieder gesprengten Bahnkörpern machten eine nötige Behandlung in einer Krankenanstalt unmöglich. Am 15. April lag ich, wie man mir später gesagt hat, beim Bahnhof in Pörtschach am Wörthersee neben mehreren Toten, die bei einem Halt während der Nacht herausgelegt worden waren.“

Für Dosch war es nicht das einzige „Wunder“, wieder unter die Lebenden eingereiht zu werden. Sein Leben war auch nach dem offiziellen Kriegsende in Gefahr: „Nach einigen Tagen in einem Lazarett in Pörtschach und Leoben in der Steiermark wurden alle Verwundeten und Pflegepersonal vor dem Einrücken der Russen weggebracht. Spätestens um 24 Uhr musste der Lazarettzug an der westlichen Grenze der Steiermark sein. Die Steiermark wurde von den Russen besetzt, wir sollten ins amerikanische Besatzungsgebiet gebracht werden. Wir kamen aber erst am Morgen des 9. Mai vor der Grenze an. Die Russen waren schon da, durchsuchten alle Wagen. Bis auf wenige Schwerverwundete wurde der ganze Zug von den Russen geräumt.

Als dienstuntauglich entlassen

Nach schlimmen Monaten in verschiedenen Lazaretten konnte Dosch sagen: „Am 15. August 1945 bin ich, von einem französischen Arzt als dienstuntauglich entlassen, in Bad Mergentheim angekommen“. Erst damit – so lässt sich vermuten – war der Krieg für ihn beendet. Er engagierte sich später in der Mergentheimer Gemeindepolitik.

Für den Soldaten Paul Jag, der am 23. April 1945 im Kampf um Berlin durch einen Armdurchschuss schwer verletzt wurde, war mit der Einlieferung ins Lazarett der Kampf für das NS-Reich zu Ende. Er hatte die Hoffnung, in den Bereich der Amerikaner zu gelangen, was auch geschah – zu seinem Glück, wie er glaubte. Fast allen Berichten gemein ist die große, ja riesige Angst vor einer Gefangenschaft bei den Russen, aber auch bei den Franzosen. Fritz Ehrler, der später die Kinos in Bad Mergentheim leitete, vernahm im Lager Westerland auf Sylt, dass auffällige Gefangene von den Briten an die Franzosen ausgeliefert würden, die einen „verheerenden Ruf der Gefangenenschinderei und langer Lageraufenthalte“ hatten. Die Gedanken an die Familie und den Zustand der Heimatstadt bewegten die Männer sicher genau so wie die eigene Sicherheit. Dosch hat sein Leben riskiert, als er sein Funkgerät so einstellte, dass er am 31. März 1945 hörte: „Amerikanische Panzereinheiten sind in das Taubertal bei Bad Mergentheim vorgestoßen.“ Sein unvermutet mithörender Kommandeur fragte ihn aber zu seinem Glück nur: „Was gibt es Neues in der Heimat?“

Mancher Heimweg aus der Gefangenschaft war mühsam. Umso erfreulicher erschienen den ehemaligen Landsern Gesten der Hilfsbereitschaft. Dosch war schon über die Freundlichkeit eines marokkanischen Soldaten erfreut. Dieser hatte Gutes in deutscher Kriegsgefangenschaft erlebt und wollte jetzt Gutes tun. Wer zu einem Skelett abgemagert war, den erfreute schon ein Apfel, der über den Zaun gereicht wurde, oder auch nur eine Zwiebel. Auf dem Weg ins Taubertal erlebte ein entlassener Soldat bei Marburg etwas Ungeahntes: Ein Lastwagen überholte ihn und blieb stehen. Angst stieg in dem Deutschen auf. Die amerikanischen Soldaten winkten ihn heran. Sie zogen ihn auf die Pritsche und nahmen ihn mit.

Die Zeit nach dem 8. Mai 1945, das Kriegsende, erschien ihm wie den meisten als ein Glück, ohne dass deswegen auch die Nachkriegszeit das reine Glück gewesen wäre. Viele waren durch den Kriegseinsatz aus der Bahn geworfen, konnten den angestrebten Beruf nicht erlernen. Mancher wie Ehrler verdiente seinen Lebensunterhalt zunächst als Tellerwäscher bei den „Amis“, mancher als Nachtwächter. Zwanzigjährige drückten die Schulbank mit viel Jüngeren, konnten aber danach studieren. Wer es aber schließlich schaffte, sich ins bürgerliche Leben einzugliedern, dem kann heute das Jahr 1945 als Wende zum Besseren erscheinen. So verwundert es nicht, dass „bei allem Leid und Untergang in jenen Wochen“ das Davongekommensein mehr als glückliche Fügung denn als Zufall erschien“.

Mit Erinnerungen gequält

„Doch die Spuren des Krieges sind geblieben. Ebenso die Erinnerung an die große Zahl derer, die nicht heimkommen durften“, meinte Friedrich Dosch. Dazu gehören auch die Hunderttausende, die noch nach dem 8. Mai 1945 in der Gefangenschaft oder bei der Vertreibung zugrunde gingen.

Deshalb kann am Schluss das Urteil eines Überlebenden stehen, der von den Angesprochenen wohl am längsten den Krieg und die Folgen erleiden musste und den lange noch schlimme Erinnerungen quälen: „Die Bedeutung des Kriegsendes ist für mich, dass wir Deutsche uns immer wieder vergegenwärtigen sollten, was unsere überhebliche, menschenverachtende und großkotzige Staatsführung in zwölf Jahren an Leid, Trauer, Schmerz, Zerstörung, Abwertung, Verunglimpfung und Schande über unser Volk und Land und über unsere Nachbarstaaten gebracht hat.“

Das Unrecht der Deutschen, insbesondere vom 1.9.1939 an, gebar jenes Unrecht, das Deutschen – vor allem auch nach dem Krieg – widerfuhr. Auch insofern ist das Kriegsende eine Wende, allerdings nicht immer eine, die Hoffnungen erfüllte. Für viele der Befragten ist es mit Richard Bürckerts Worten „ein wohltuendes und befriedigendes Gefühl, dass wir uns mit unseren ehemaligen Feinden und Kriegsgegnern ausgesöhnt haben.“

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