Bad Mergentheim

Auftakt Gesangswettbewerb Gesprächsrunde mit Hochkarätern / Semifinalisten interpretieren Lied von Giorgio Battistelli

Faszination Stimme bleibt Rätsel

„Quo vadis Gesang?“: Im Kursaal fand der Auftakt für den zehnten Debut-Klassik-Gesangswettbewerb statt. Extra aus Rom angereist: Der angesehene Komponist Giorgio Battistelli.

Bad Mergentheim. Abseits der Opernkonventionen geht der italienische Komponist Giorgio Battistelli szenisch und klanglich neue Wege. Seine inzwischen über zehn Bühnenwerke werden an Opernhäusern in aller Welt aufgeführt. Dem zehnten Debut-Klassik-Gesangswettbewerb schenkte Battistelli ein zeitgenössisches Lied, das von allen Semifinalisten zu interpretieren ist.

Verheißungsvoller Start

Clarry Bartha, Künstlerische Leiterin von Debut, hat für eine Matinee zum Thema „Quo vadis Gesang?“ im Bad Mergentheimer Kursaal kompetente Gesprächspartner gewonnen: der aus Rom angereiste Tonschöpfer Battistelli, Generalmusikdirektor Enrico Calesso und Uwe Friedrich, Musikkritiker beim Deutschlandfunk Kultur. Bariton Kartal Karagedik, Debüt-Preisträger von 2012, sorgte mit Enrico Calesso am Klavier zum Abschluss der Diskussionsrunde für einen verheißungsvollen musikalischen Auftakt im Debut-Jubiläumsjahr 2020. Denn mit dem Vortrag des aus neun Preziosen bestehenden „Heine-Liederkreises“ opus 24, im Jahre 1840 von Robert Schumann zu Papier gebracht, sorgte das Duo für eine kleine Offenbarung. Die unfassbar schönen Melodieeinfälle lassen sich in Schumanns späteren Liedern immer wieder entdecken. Flexibel fühlte sich der Bariton mit wohltuend sparsamen Gesten, kongenial unterstützt vom Klaviervirtuosen Calesso, von einer Minute auf die andere in völlig schwankende Stimmungslagen ein. Von „Morgens steh’ ich auf“ bis „Mit Myrten und Rosen“ gewannen die Lieder voller Sehnsucht, Liebe, Schmerz, Verzweiflung und Melancholie rasch die Herzen der Zuhörer. In keiner Phase drohte ein Hauch von Kitsch oder – bei Heine wäre es kein Wunder – von Zynismus.

Alle Klänge durchdringen eine undefinierbare schwärmerische Hochstimmung des Komponisten, der im gleichen Jahr Clara heiratete. „Debut ist in dieser zweiten Jahreshälfte der erste und bisher einzige internationale Musikwettbewerb, der unter persönlicher Anwesenheit der Teilnehmer und Juroren und eines Publikums stattfindet“, sagte die Künstlerische Leiterin Clarry Bartha bei ihrer Begrüßung in dem – nach Corona-Maßstäben – gut besuchten Kursaal. Gehaltvolles zum Thema „Quo vadis Gesang? Die menschlichste aller Kunstformen im Spiegel unserer Zeit“ bekamen die Zuhörer zuerst vom italienischen Komponisten Giorgio Battistelli zu hören, der in diesem Jahr für Debut das Wettbewerbslied komponiert hat.

Er schuf bereits über zehn Opernwerke, die in aller Welt aufgeführt werden, weil sie abseits der Opernkonventionen szenisch und klanglich neue Wege gehen: „Oper ist eine offene Form für das menschliche Abenteuer“, ließ der auf Italienisch dozierende Battistelli von seinem Landsmann Enrico Calesso auf Deutsch übersetzen. Battistelli, der Komposition, Ästhetik und Philosophie studierte, lotete in seinem 50-minütigen Vortrag tiefgründig die unterschiedlichen Dimensionen von Sprache, Sprechen und Stimme aus und beklagte dabei die aktuell zunehmende Uniformität

Er plädierte für eine vieldeutige, für verschiedene Interpretationen offene Sprache und machte aus seiner Bewunderung für den Dichter und Regisseur Pier Paolo Pasolini keinen Hehl. Für die Münchener Biennale schrieb er 1992 die Oper „Teorema“ nach Motiven aus Pasolinis Film.

Spiegel der Persönlichkeit

Die Oper mit sechs Schauspielern und kleinem Orchester wird – wie im Film – von einem Sprecher kommentiert, verzichtet aber auf Gesang. Für Battistelli ist die Stimme Spiegel der ganzen Persönlichkeit. Es geht für ihn dabei nicht nur um Atemtechnik und Artikulation, sondern auch um psychische Aspekte: „Warum ein Sänger oder eine Sängerin berührt, bleibt ein Geheimnis.“

Der 1953 in Albano Laziale bei Rom geborene Komponist, der bereits mit 21 Jahren in Italien mit „Edgar Varese“ und „Beat 72“ zwei experimentelle Musik- und Instrumentalgruppen gründete, besuchte 1975 in Köln Kompositionskurse von Mauricio Kagel und Karlheinz Stockhausen. Battistelli erwähnte auch die Einflüsse der Darmstädter Schule auf seine Kompositionstechnik, die sich viel mit asymmetrischen Rhythmen beschäftigt. Uwe Friedrich, Musikkritiker beim Deutschlandfunk Kultur, nahm mit Enrico Calesso, Generalmusikdirektor am Mainfranken Theater Würzburg, zu einigen Fragen von Clarry Bartha Stellung, die sich insbesondere mit der Qualität der Sänger-Ausbildung und möglichen Rezepten für eine kluge Steuerung des Repertoires befassten. Uwe Friedrich gab der universitären Ausbildung eine gute Note, bemängelte aber die einseitige – und unrealistische – Fokussierung auf eine solistische Karriere und die ganz großen Rollen. So sei manchmal eine Identitätskrise die Folge, wenn es für die ganz großen Rollen wie die des Hagen an der Bayerischen Staatsoper oder der Turandot an der Mailänder Scala nicht reiche: „Der Markt braucht nicht so viele Sänger, wie derzeit ausgebildet werden.“ Negativ sah er auch die Einflüsse der Musikindustrie, die mit Gesang viel Geld verdienen könne. So komme es zu Studioaufnahmen mit hochgejubelten Stars, die vorher noch nie die Rollen auf einer Bühne gesungen haben. Genau umgekehrt sei es früher bei den großen Namen im Operngesang gewesen.

In die allgemeine Klage über den Niedergang des Gesangs mochte Friedrich dennoch nicht einstimmen. Enrico Calesso pflichtete ihm bei und plädierte für eine realistische Herangehensweise und mehr Ehrlichkeit den Sängern gegenüber. Er habe etwa erlebt, dass 20 Sängern bei einem Wettbewerb unisono erklärt wurde, dass man sicher von ihnen noch ganz viel hören werde. Auch die Opernchöre seien auf gute Stimmen angewiesen.

Uwe Friedrich sah die Notwendigkeit, die jungen Leute häufiger darauf hinzuweisen, mal über den Tellerrand der Oper und des Gesangs hinauszusehen, Lebenserfahrung zu sammeln und auch mal ein gutes Buch in die Hand zu nehmen. Viel Lob gab es von ihm für die in Hannover uraufgeführte Oper „Lot“ von Giorgio Battistelli, deren Libretto die deutsche Schriftstellerin Jenny Erpenbeck schrieb.

Diese textete das Debut-Wettbewerbslied 2020 von Battistelli mit dem Titel „Ja, lauft nur“ . Von allen sechs Finalisten wird es am Liederabend am 17. September in der TauberPhilharmonie gesungen. Uwe Friedrich begeisterte sich für die ungeheure suggestive Musik Battistellis und verglich dessen fruchtbare Zusammenarbeit mit der Librettistin, die ihn an den Gipfel der Schaffenskraft von Robert Schumann erinnert habe.

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