Bad Mergentheim

Mobilität Reporter tat sich schwer, Gesprächspartner zu finden / Aktuell ist zu viel los / E-Bikes sehr stark gefragt

Fahrrad-Boom lastet Händler voll aus

Archivartikel

Während die Automobilindustrie nach Staatshilfen ruft, haben die Fahrradhändler und -werkstätten ganz andere Probleme: Der Tag hat nur 24 Stunden, im Moment definitiv zu wenig. . .

Bad Mergentheim/Weikersheim. Ganz alleine unterwegs auf den einsamen Wegen des Main-Tauber-Kreises, das war einmal. Seit März hat man den Eindruck als wären ganze Ortschaften mit dem Drahtesel unterwegs. Oder täuscht man sich?

Arne Bischoff vom Pressedienst-Fahrrad bestätigt den Eindruck: „Die Nachfrage ist groß. Industrie und Handel berichten unisono von einem hohen Interesse am Fahrrad nicht nur als corona-sicheres Fortbewegungsmittel, sondern auch als zukunftsfähiger und ökologischer Mobilitätsgarant wie als Freizeitgefährt.“

Ins Gespräch mit Fahrradhändlern in der Region zu kommen, ist aktuell auch nicht einfach, denn sie haben schlicht keine Zeit – zu viel zu tun. Doch dazu später mehr.

Interessante Zahlen

Genaue Zahlen liegen noch nicht vor, aber schon 2019 wurden rund 1 360 000 E-Bikes und 2 950 000 unmotorisierte Fahrräder in Deutschland abgesetzt. Der Trend zu E-Bikes und qualitativ hochwertigen Rädern schlägt sich dann auch im Preis nieder, im Schnitt ließen sich die Käufer ihren fahrbaren Untersatz 982 Euro kosten, insgesamt wurden Fahrräder im Wert von 4,23 Milliarden Euro verkauft, wie der Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) bei der Wirtschaftspressekonferenz Anfang März in Berlin bekannt gab.

Und es sieht so aus, als könne 2020 diesen Wert noch toppen. Das führt mitunter zu fast schon skurrilen Situationen. Mit der Öffnung der stationären Verkaufsflächen haben sich ganz neue Konstellationen ergeben. Je nach Bundesland gab es zunächst Vorschriften wie viele Kunden sich gleichzeitig im Verkaufsraum aufhalten durften. Das führte dazu, dass Kunden Wartezeiten bis zu zwei Stunden vor dem Laden für ein Beratungsgespräch in Kauf nehmen mussten – eine ganz neue Erfahrung für viele.

Aber die Branche reagierte schnell. So gibt es nun beispielsweise Telefon- und Videoberatung, Hol-und -Bring-Dienste sowie feste Beratungstermine. Der Umsatzausfall von März und April scheint trotz dieser Maßnahmen und den wegfallenden Spontankäufen bei manchem Händler schon wieder komplett aufgeholt, bei anderen gar überholt.

Radreise ist neue Fernreise

Radfahren boomt gerade auch wegen den bislang geltenden Reisebeschränkungen. Viele Kunden wollen sich jetzt was gönnen und es sich zu Hause schön machen, das merken nicht nur die Baumärkte. Dazu gehört auch, dass man statt der geplanten Fernreise nun lieber über eine Radreise nachdenkt und das dafür notwendige Equipment braucht. Und auch bei den Kinderrädern wird gerne zugegriffen, wenn nichts mehr geht – Radfahren als Beschäftigung geht fast immer.

Alle Sparten von Rädern boomen

Noch einmal Arne Bischoff auf die Frage, wie sich die Klientel aktuell zusammensetzt: „Die Zeiten in denen E-Bikes nur von Älteren gekauft wurden sind lange vorbei. Fahrrad – ob mit oder ohne Motor – ist ein gesamtgesellschaftliches Thema. Für viele Familien in der Stadt ersetzt das Lastenrad den Zweit- oder gar Erstwagen. Kinderanhänger machen das Elterntaxi überflüssig und das City-E-Bike ist auch für Anzugträger ein optimales Pendelfahrzeug. Kurz: alle kaufen.“

Was gilt es zu beachten

Experten raten dazu Fahrräder immer beim Fachhändler zu kaufen und eine Probefahrt zu machen. Die Fahreindrücke seien dabei wichtiger als Leistungsdaten im Katalog. Im Zweifel sollte man ruhig zu mehreren Händlern gehen, um sich einen Überblick zu verschaffen. Und: Es hilft, sich vorher klar zu machen, was der eigene Einsatzzweck ist, was das Rad können soll und wie groß das Budget ist. So zeigt das Beratungsgespräch im Handel schneller bessere Ergebnisse.

Teilweise lange Wartezeiten

Wie beim Autokauf auch, gilt, dass es umso länger dauert, je individueller man sein Rad konfigurieren will. Wenn es eine bestimmte Farbe sein muss, wenn besonders gefragte Accessoires angebaut sein sollen, dann muss man mit teilweise heftigen Wartezeiten rechnen. Dies umso mehr, weil nicht nur die Fahrradproduzenten, sondern auch die Teilelieferanten mehrere Wochen nicht produzieren konnten. Da empfiehlt es sich manchmal doch lieber vorrätige Modelle zu nehmen, um schneller in den Sattel zu kommen.

Auch Werkstattbesuche bedürfen im Moment oft guter Planung. In Städten, in denen die Infrastruktur schon gut für die Fahrradfahrer angepasst wurde, gibt es oft viele Händler und auch Werkstätten, dort ist die Lage nicht so angespannt. In anderen Gegenden arbeiten die Werkstätten schon an der Grenze des Machbaren, Land ist allerdings noch lange nicht in Sicht.

Wie sieht es im Landkreis aus?

Am einfachsten klärt sich die Frage, wenn man versucht, die örtlichen Händler und Werkstätten zu erreichen. Nach vielen Versuchen konnten die Firmen Sycoo E-Bikes in Bad Mergentheim und Zweirad Center Seyfer in Weikersheim von unserem Reporter telefonisch erreicht werden und bestätigten beide, dass sie bis nachts durcharbeiten würden und deswegen leider überhaupt keine Zeit für Gespräche mit der Zeitung hätten.

Bei Hartmut Halbritter aus Weikersheim hatte der Berichterstatter mehr Glück und konnte auf einen kurzen Termin vorbeischauen. Bei der Ankunft verabschiedet er gerade einen Kunden, der ganz dringend sein Fahrrad repariert haben möchte, weil es morgen auf Tour gehen soll und es wird schnell klar, dass es wieder nichts wird mit dem pünktlichen Feierabend.

Seit 2008 repariert und verkauft Halbritter Fahrräder, wobei er eher Schrauber als Händler ist, wie er uns erzählt und 75 Prozent seiner Zeit mit dem Reparieren oder Umbauen zubringt. Auch er ist seit März diesen Jahres am Limit. Auf die Frage wie sehr er denn ausgelastet ist, antwortet er lachend: „Jenseits der 100 Prozent!“

Von Tauberbischofsheim über Blaufelden bis nach Aub kommen die Kunden zu ihm und seine Klientel reicht von Kindern über Sportler bis zu Rentnern. Und auch ihnen empfiehlt er lieber vorher anzurufen, um sich allzu lange Wartezeiten zu ersparen. Die Nachfrage ist so groß, dass er trotz des Lockdowns mit Stand 30. Juni schon mehr Fahrräder verkauft hat, als 2019 um diese Zeit. Und das, obwohl die Lieferzeit teilweise bis Oktober reicht. Viel mehr Probleme als die lange Lieferzeit bereitet ihm im Moment die Versorgung mit Ersatzteilen. Er deutet auf ein Paket in der Ecke: „18 Positionen hatte ich bestellt. Gekommen sind genau drei!“

Gefragt sind im Moment fast ausschließlich E-Bikes, so wurden bei ihm dieses Jahr drei Kinderfahrräder gekauft, der Rest waren komplett motorisierte Fahrräder.

Die Frage, was für ihn bei der Beratung am wichtigsten sei, lässt sich für ihn ganz leicht beantworten: „Ehrlichkeit. Nichts aufschwätzen, keine falschen Versprechungen machen und sich viel Zeit nehmen, damit das Rad dann optimal auf die Bedürfnisse des Kunden angepasst ist. Dann sind der Kunde und ich zufrieden und glücklich!“ Mit diesem Schlusssatz beginnt er dann auch schon wieder zu schrauben. Der Tag hat im Moment einfach zu wenig Stunden für all die Fahrräder, die auf ihn warten. . .

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