Bad Mergentheim

Begehung in den Weinbergen Weingärtner haben mit Witterung zu kämpfen / Wasserbehälter könnte Abhilfe schaffen / Kosten auf 12,7 Millionen Euro geschätzt

„Es geht nicht ohne Speicherbecken“

Archivartikel

Der Frost macht den Weingärtnern seit jeher zu schaffen, in den letzten Jahren aber übermäßig. Gegenmaßnahmen müssen her. Die kosten jedoch – Geld und Wasser.

Markelsheim/Main-Tauber-Kreis. Starkregen, zwei extreme Trockenjahre und am 20. April 2017 eine bitterkalte Frostnacht, die viele Ertragshoffnungen zerstörte: Weingärtner mussten in den letzten Jahren viele Wetterkapriolen ertragen. Aber was tun?

Weingärtner, Landwirtschaftsamt und Landratsamt haben gemeinsam Ideen entwickelt und eine Machbarkeitsstudie in Gang gebracht. Diese federführend von der BIT-Ingenieurin Sabrina Theel und Andreas Nußbaum verfasste Studie wurde jetzt den maßgeblichen Vertretern des Ministeriums für den Ländlichen Raum (MLR) Thomas Lochmann und Georg Schmitt in der Weingenossenschaft (WG) vorgestellt. Michael Schmitt und Jürgen Stilling von der WG Markelsheim sind dankbar, dass sie beim Leiter des Landwirtschaftsamtes Meinhard Stärkel und Weinbauberater Roland Zipf und dem MLR tatkräftige Unterstützung erfahren. Was ist untersucht und geplant worden? In der Machbarkeitsstudie „Frostschutz Weinbau Taubertal“ nennt Sabrina Theel folgende Negativfaktoren für den Weinbau: Starkregen (2016), Frost (2017), Trockenheit und Dürre und die Energiewende (2018).

Enorme Mengen Wasser

In einzelnen Lagen des Main-Tauber-Kreises wird seit einigen Jahren erfolgreich Frostberegnung eingesetzt, so in Gerlachsheim und Unterschüpf. Entscheidend ist der Einsatz von Frostbeginn bis -ende. Dabei sind enorme Wassermengen erforderlich. Theel hat die Rebflächen in Weikersheim und am Tauberberg in Markelsheim in Augenschau genommen. Weikersheim werde vorerst nicht weiterverfolgt, weil die Wasserentnahme aus dem Vorbach höchst kritisch sei. „In Markelsheim kommen 85 Hektar Anbaufläche in Betracht. Bei einer nächtlichen Beregnungsdauer von zehn Stunden und einem Wasserbedarf von 35 Kubikmetern pro Hektar geht es nicht ohne Speicherbecken“, stellte Theel klar. Bei einer Wasserentnahme von 100 Litern in der Sekunde sei ein Speichervolumen von 68 000 Kubikmeter notwendig.

Zwei oberhalb der Weinberge gelegene Standorte seien gut denkbar. Die Abstimmung werde mit den Winzern und den Trägern öffentlicher Belange weiterverfolgt. Interessante Synergieeffekte ergäben sich für den Hochwasserschutz durch zusätzlichen Retentionsraum (Fläche, die bei Hochwasser eines Flusses überflutet wird), eine nachhaltige Regenwasserbewirtschaftung und ein Schutz bei Starkregen. Auch eine energetische Nutzung durch einen Pumpspeicherbetrieb und die denkbare Stromversorgung durch Verknüpfung mit Windenergieanlagen und Freiflächenphotovoltaik seien möglich. Dies stieß bereits auf Interesse beim örtlichen Energieerzeuger. Die Randbedingungen seien der Naturschutz und die Wasserwirtschaft mit einer kontrollierten Grundwasserentnahme.

Nutzen höher als Kosten

Die möglichen Kosten schätzt die Ingenieurin auf 12,7 Millionen Euro pro Jahr. Unter der Annahme von starken Frostschäden im Zehn-Jahres-Takt – und mittleren alle zwei Jahre – sowie einer Nutzungsdauer von 60 Jahren ergibt sich ein wirtschaftliches Nutzen-Kosten-Verhältnis von 1,07. Das bedeutet, dass der Nutzen das 1,07-fache der Kosten beträgt. Zum geringeren Ertragsausfall käme eine bessere Produktqualität hinzu.

Jedoch ist die Bedingung, dass das Land eine Fördermöglichkeit findet. „Jetzt liegt der Ball in Stuttgart beim MLR“, unterstrichen die Gesprächsteilnehmer. Seit jeher haben die Weingärtner im Taubertal mit Spätfrösten und erheblichen Ertragseinbußen zu rechnen. Einst traten die Spätfröste im Mai auf, durch die Klimaerwärmung und den früheren Austrieb schaden heute schon Aprilfröste. Früher wurden die Reben in drei von zehn Jahren durch Spätfröste geschädigt. Besonders gefährlich waren die Eisheiligen. Vor den Eisheiligen wurden früher mit Heizöl gefüllte Öfen in den Weinbergen aufgestellt. Setzte Frost ein, dann weckte die Frostwache die Winzer und die Öfen wurden gestartet. Bei Wind bekamen auch die Badestädter den Ruß ab. Diese wenig umweltfreundliche Methode ist schon länger untersagt.

Wie wird heute der Spätfrostgefahr begegnet? Es gibt viele Einzelmaßnahmen wie den Bodenbewuchs kurzhalten, Vernebeln als Räucherersatz, Heizdraht, Hubschrauber, Motorwindräder und die Austriebsverzögerung. Am wirkungsvollsten und sichersten ist die Frostschutzberegnung.

Blütenknospen schützen

Die Erstarrungswärme, die beim Gefrieren des Wassers frei wird, schützt die Blütenknospen je nach Rebsorte und Entwicklungsstadium bis Minus -6 Grad Celsius. Es werden dabei die besonderen Eigenschaften des Wassers genutzt. Wasser gibt Energie ab, wenn es sich vom flüssigen in den festen Aggregatzustand umwandelt. Wird ständig Wasser auf die Reben geregnet, wird der Gefrierprozess erhalten. So bleibt die Temperatur im Inneren der vereisten Rebenteile bei 0 Grad Celsius und schützt so die grünen Teile vor dem Erfrieren, denn Eis ist ein guter Wärmeleiter. Der Nachteil der Frostschutzberegnung ist der hohe Wasserbedarf, denn die Frostschutzberegnung klappt nur, wenn ständig frisches Wasser auf die Pflanzen gelangt. Wird die Beregnung eingestellt, dann erfrieren die grünen Teile, denn es kommt dann auf der Oberfläche des Eises statt zu einer Wärmeabgabe zu einem -verlust durch Verdunstungskälte.

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