Bad Mergentheim

Leserbrief Zum Bericht aus dem Gemeinderat „Glatthaar: Mahnung an Verein ’Stolpersteine’ ausgesetzt“ (22. Mai)

Erinnern über Impulse, die in unser Leben „stolpern“

Die letzten Zeitzeugen des Holocaust sind (demnächst) verstummt: aufs schwerste traumatisierte und gequälte Opfer und deren Familien, stumme Mitbürger und verblendete und skrupellose Akteure.

Unsere Sozialgemeinschaft muss alle Chancen nutzen, um diese menschenverachtende Massenvernichtung in Erinnerung zu halten. Es reicht nicht aus, auf unser Grundgesetz zu vertrauen. Dies muss auch von uns Bürgern gelebt werden: im Großen (internationale Staatengemeinschaft), wie auch im Kleinen (also in der Gemeinde).

Erinnern funktioniert nur über Impulse, die in unser Leben „stolpern“ : Erzählungen, Bilder, Berichte, Gedenktage, Aktionen. „Stolpersteine“ sind eine Chance, das Kreisen um uns selbst zu stören und den Blick auf unsere Sozialgemeinschaft zu öffnen.

Aber nur wenn man den Weg, den man selbst einschlägt, bewusst wahrnimmt. Auch in einer Demokratie mit einem Grundgesetz kann man von der Gesellschaft ausgegrenzt werden, stranden und hilflos verletzt werden.

Es gilt auch für Bad Mergentheim, dieses Verbrechen und die Erinnerung an die Deportation und Ermordung von Bad Mergentheimer Bürgern im Holocaust wach zu halten: und zwar nicht nur im Museum, kleinen Bronzetafeln und Straßennamen, sondern in Aktionen, wie zum Beispiel im Alltag mit „Stolpersteinen“.

Für das ehrenamtliche Engagement wacher Mitbürger eine Rechnung zu stellen und die Stundung eines hierfür eröffneten Mahnverfahrens sind beschämend. Oder vielleicht auch eine Chance, die unsensible Reduktion dieses wichtigen Signals „Stolpersteine“ auf einen belanglosen formalen Verwaltungsakt zu erkennen. Und über die mediale Wirkung stärker in unser Bewusstsein zu rufen.