Bad Mergentheim

Citygemeinschaft Vor 120 Jahren wurde der Kaufmännische Verein gegründet / Bislang 25 Nachtbummel – eine Erfolgsstory / Online-Konkurrenz und Innenstadt-Schutz

„Einzelhandel funktioniert noch gut“

Archivartikel

Die Citygemeinschaft als Nachfolgerin des Kaufmännischen Vereins blickt auf 120 Jahre Einsatz für den Einzelhandel zurück. Trotz Sorgen und Nöten sieht man die Kurstadt noch gut aufgestellt.

Bad Mergentheim. Der wachsende Online-Handel bedroht die Einzelhändler in den Innenstädten. Immer mehr Filialisten machen sich breit, inhabergeführte Betriebe schließen. Die Kunden erwarten Auswahl, Aufenthaltsqualität und schöne Events. Kurzum: Die Herausforderungen sind groß und die Bad Mergentheimer Citygemeinschaft stellt sich ihnen, wie deren Vorsitzender Hans-Joachim Kuhn im Interview unterstreicht. Die Kurstadt sieht er dank Innenstadt-Schutzzone, guter Aktionen und gemeinsamer Anstrengungen auf dem richtigen Weg.

Wo steht Bad Mergentheim aus Sicht der Citygemeinschaft?

Hans-Joachim Kuhn: Wir haben hier ähnliche Entwicklungen mitgemacht wie andere Städte auch. Die Zahl der Filialen von großen Ketten hat ebenso zugenommen, während einheimische, inhabergeführte Geschäfte und Läden verschwunden sind. Die Schlagkräftigkeit der Gewerbevereine und eben unserer Citygemeinschaft, die aus der Fusion des Kaufmännischen Vereins und der Werbegemeinschaft hervorgegangen ist, leidet, weil hier nur die Einheimischen mitwirken, während sich die Ketten nicht beteiligen. Wenn ich mich nun aber in unserer Region und im Taubertal umschaue, was dort alles passiert ist und an Problemen da ist, dann kann man sagen, dass Bad Mergentheim trotzdem noch ganz gut dasteht.

Die Citygemeinschaft hatte zuletzt stabile Mitgliederzahlen und ist jetzt sogar um vier auf knapp 40 aktive Mitglieder gewachsen. Dazu kommen noch 55 passive.

Was bietet die Citygemeinschaft?

Kuhn: Die Citygemeinschaft ist ein Sprachrohr und eine Plattform für die Einzelhändler und Dienstleister. Wir versuchen über gemeinsame Aktionen und Dienstleistungen das Angebot in Bad Mergentheim für unsere Einwohner, Besucher und Gäste attraktiv zu machen und zu halten.

Weil unsere personellen Ressourcen und finanziellen Möglichkeiten begrenzt sind, bündelt die Citygemeinschaft ihre Kräfte in großen Projekten: Das sind die verkaufsoffenen Sonntage, die jährliche Weihnachtsaktion und die zwei langen Einkaufsnächte bis 24 Uhr, im Mai und September, die besser noch als „Nachtbummel“ bekannt und beliebt sind!

Speziell die beiden Nachtbummel bringen unheimlich viel auswärtiges Publikum in unsere Stadt und sie laufen sehr erfolgreich. Im Mai hat bereits der mittlerweile 25. Nachtbummel stattgefunden.

Ein weiteres sichtbares Zeichen der Citygemeinschaft ist der City-Einkaufsgutschein, der in knapp 30 Geschäften angeboten und eingelöst wird. Zwischen 100 000 und 150 000 Euro bewegt sich stets das Guthaben auf unserem Konto. Da staunt man, wie viele Gutscheine im Umlauf sind. Die Jahresumsätze durch die Gutscheine belaufen sich auf rund eine halbe Million Euro. Das ist toll!

Das allgemeine Wehklagen im Handel über die wachsende Online-Konkurrenz nimmt zu. Stimmen Sie hier mit ein?

Kuhn: In Bad Mergentheim funktioniert der Einzelhandel noch gut. Das ist nicht nur meine Einschätzung, sondern auch die von externen Beratern und anderen Mitstreitern. Wir haben einen guten Besatz, ein vielfältiges Angebot und nicht so viele große Leerstände. Das ist dem Engagement der Händler hier zuzuschreiben. Aber auch das Gesamtmarketingpaket einer Stadt muss stimmen. Eine Stadt muss attraktiv sein – und Bad Mergentheim ist es.

Wie ist der Einzelhandel aufgestellt und welche Entwicklungen in Deutschland sind aus Ihrer Sicht heute absehbar?

Kuhn: Bundesweit ist der Einzelhandel in keiner guten Situation, die Marktanteile der Online-Händler steigen. Im Textilbereich machen sie schon ein Drittel des Umsatzes aus. Marktbereinigungen sind die Folge. Es sind schwierige Grundvoraussetzungen für stationäre Einzelhändler. Die Innenstädte können sich gegen ein Ausbluten rüsten, wenn das Gesamtpaket stimmt.

Es braucht Aufenthaltsqualität, schöne Cafés, Restaurants, Events und andere Magnete, wie bei uns den Wildpark oder die „Solymar“-Therme. Nur noch die Türen im Einzelhandel aufzuschließen und abzukassieren, reicht nicht. Der Kunde will einen Mehrwert. Das ist anstrengend und aufwändig, aber unumgänglich. Der Erfolg liegt zudem im Personal, in der Beratung und im Service, in der Freundlichkeit und in der Kundenbindung. Motivierte Mitarbeiter, die die notwendigen Fachkenntnisse haben, werden benötigt.

Gibt es Ihrerseits Forderungen an die Große Politik?

Kuhn: Ich denke, der Online-Handel wird noch zunehmen, ich glaube aber auch, dass die Verbraucher schon einen gewissen Sättigungsgrad erreicht haben. Viele nervt es, die Pakete hin und her zu schleppen, dazu kommt ein Umdenken auch hinsichtlich der Umweltbelastungen durch die vielen Transporte und den Verpackungsmüll. Gefordert ist die Große Politik bezüglich der Dumpinglöhne im Logistik- und Transportwesen. Das kann man so nicht hinnehmen. Es müssen faire Bedingungen herrschen und Mindestlöhne eingehalten werden und sie dürfen nicht durch Scheinselbstständigkeiten ausgehebelt werden. Die ganze Lieferkette muss fair durchstrukturiert sein.

Wir hatten auch schon die zunehmende Zahl an Filialisten angesprochen. Gibt es positive Beispiele in der Citygemeinschaft hinsichtlich einer Zusammenarbeit?

Kuhn: Es ist schwierig Filialisten als Mitglieder für die Citygemeinschaft zu gewinnen, weil diese Angst haben, dann in allen Städten in denen sie aktiv sind, eintreten zu müssen. Für einzelne Aktionen lassen sich manche aber als Sponsoren gewinnen. Fielmann gibt beispielsweise wie die Buchhandlung Rupprecht etwas für die Nachtbummel-Aktionen dazu. Von vielen anderen kommt gar nichts. Sie verdoppeln zwar ihre Tagesumsätze an den langen Einkaufsnächten, blenden aber den Aufwand für die Citygemeinschaft aus. Das verstehe ich nicht und finde dieses Verhalten auch nicht gut. Unser Oberbürgermeister hat vor kurzem die Filialisten angeschrieben und sie alle um Unterstützung gebeten. Positive Rückmeldungen gab es aber noch keine!

Wie bewerten Sie die Zusammenarbeit mit der Stadt- und der Kurverwaltung?

Kuhn: Wir ziehen an einem Strang, sind gut vernetzt, haben regelmäßige Treffen und Besprechungen. Natürlich können nicht alle unsere Wünsche erfüllt werden, aber wir spielen uns gegenseitig die Bälle zu.

Was brennt der Citygemeinschaft an Wünschen unter den Nägeln?

Kuhn: Was schon lange im Gespräch ist, ist die neue Pflasterung in der Fußgängerzone. Es gibt zu viele Stolperfallen und die roten Porphyrsteine sind nicht attraktiv. Es ist schade, dass die Nebenstraßen Funkengasse, Ochsengasse und Holzapfelgasse schöner sind als die Hauptlaufwege zwischen Bahnhof, Gänsmarkt, Marktplatz und Deutschordenplatz. Gut wäre zudem, wenn die Stadt noch ein bisschen mehr Geld für den einen oder anderen besonderen Event, eine tolle Lightshow oder einen Topact zur Verfügung stellen könnte, der viel Publikum anlockt.

In Bad Mergentheim gibt es eine Schutzzone für den innenstadtrelevanten Einzelhandel. Nun wächst die Stadt Richtung Igersheim, im Weberdorf und Auenland. Kann die Schutzzone hierher ausgeweitet werden?

Kuhn: Man hat vor Jahren einen Innenstadtbereich definiert, in dem aller Einzelhandel möglich ist, ohne Einschränkungen. Dieser Bereich ist immer mal wieder ausgedehnt worden, um aktuelle Erfordernisse zu berücksichtigen, so zum Beispiel für das ehemalige Kaufland oder die Mall. Die beiden großen Flächen haben sich aus meiner Sicht gegenseitig geschadet. Nun ist das Kaufland weg und wir haben ein Problem der Lebensmittelversorgung im südlichen Teil von Bad Mergentheim da muss man schauen, wie es weitergeht. Ich halte den Innenstadtschutz für wichtig, weil eine Verkaufsfläche auf der grünen Wiese mit 2000 Quadratmetern sich viel einfacher realisieren lässt, als in einer beengten, bebauten Innenstadtlage mit wenigen Parkplätzen und höheren Bodenpreisen. In der Innenstadt muss man mit vorhandenen Immobilien arbeiten und viele Auflagen, unter anderem zum Brandschutz, beachten und hat generell deutlich höhere Investitionskosten, deshalb macht ein definierter Innenstadtbereich auch Sinn, wenn man die Attraktivität erhalten oder sogar steigern möchte.

Im Bereich Weberdorf/Auenland sollte eine gute Nahversorgung ermöglicht werden, in erster Linie mit Lebensmitteln, so wie auch in den Herrenwiesen geschehen. Wir sollten vorsichtig vorgehen und schauen, dass die neuen Gebiete versorgt sind, ohne dabei der Innenstadt zu schaden.

Nachdem Ende Juli die Studie über das Bettenangebot in der Stadt und die Steigerung der Übernachtungszahlen auf eine Million Thema im Gemeinderat waren, möchte ich hierzu noch anmerken, dass man sich hier viel Mühe gibt, es viele Befragungen gab und gute Ideen herausgearbeitet wurden. Mehr Angebote für Familien und kleinere Geldbeutel, aber auch ein großes Hotel mit Wellnessangebot würden unserer Stadt gut zu Gesicht stehen und die Kernkompetenz von Bad Mergentheim weiter stärken.

Wie wird der 120. Geburtstag des Kaufmännischen Vereins, sprich der Citygemeinschaft, in diesem Jahr gefeiert?

Kuhn: Wir feiern das im Rahmen der Weihnachtsaktion. Unsere Kunden können sich auf viele schöne Überraschungen im Dezember freuen. Übrigens: Der nächste Nachtbummel findet am Freitag, 6. September, mit viel Livemusik bei hoffentlich gutem Wetter statt.

Zum Thema