Bad Mergentheim

„Spuren jüdischen Lebens“ in Bad Mergentheim Streifzug durch die Altstadt / Interessante Einblicke

Einst anerkannt und sehr erfolgreich

Archivartikel

Aus Anlass des „Europäischen Tages der Jüdischen Kultur“ bot Klaus Huth, Vorsitzender des Vereins „Stolpersteine“, am Sonntag eine Führung unter dem Titel „Spuren jüdischen Lebens“ an.

Bad Mergentheim. Der Holocaust war der Endpunkt eines langen Zusammenlebens von Christen und Juden in Bad Mergentheim. Seit 1293 lebten hier Angehörige des mosaischen Glaubens, und nach der „Emanzipation“ im 19. Jahrhundert nahmen sie rasch eine geachtete Position im öffentlichen Leben der Stadt ein. All dies ist Geschichte, doch sie darf nicht vergessen werden.

Klaus Huth führte die 20 Interessierten aus der Stadt und der Umgebung – auch aus Lauda waren zwei Teilnehmer gekommen – an Orte, also Gebäude, die an die einstige jüdische Gemeinde in der Stadt erinnern. Und natürlich verwies Huth dabei auf die Menschen, die hier lebten. Das Arbeitsergebnis von Schülerprojekten, die Jüdischen Kulturtage, die Museen in Bad Mergentheim und in Creglingen – es sei viel zu sehen und zu erfahren, betonte Huth. Das Projekt „Stolpersteine“ sei ein Stück „Erinnerungskultur“. Und ja, sagte Huth eingangs seiner Führung, „es hat lange gedauert, bis Erinnerung möglich wurde“. Nach wie vor sei sie mit Hindernissen verbunden, wie er am Beispiel der Rechnung der Stadt für die Absperrung der Stolpersteinverlegung deutlich machte.

Die erste Station, das Haus in der Burgstraße 22 mit den davor platzierten drei Stolpersteinen, die an Emanuel, seine Frau Fanny und den Sohn Sigmund Furchheimer erinnern, habe eine besondere Geschichte. Hier nämlich verbrachte Adolf Jandorf aus Hengstfeld seine Lehrzeit im Aussteuerartikel-Geschäft von Falk Furchheimer. Jandorf gründete später unter anderem das berühmte „Kaufhaus des Westens“ in Berlin. Emanuel und Fanny wurden am 1. September 1942 deportiert, Fanny wurde am 3. September ermordet, Emanuel am 19. September. Sigmund gelang auf abenteuerlichen Wegen die Flucht nach Italien – er überlebte die Nazi-Zeit, allerdings erlitt er auch dabei Furchtbares. „Viele, die noch fliehen konnten, wähnten sich beispielsweise in Frankreich, den Niederlanden, in Italien oder Jugoslawien in Sicherheit. Nach dem Einmarsch der Deutschen fielen sie erneut der Verfolgung zum Opfer. Nur wenigen gelang es, im Untergrund zu überleben.“

Die zweite Station, der Marienbrunnen auf dem Hans-Heinrich-Ehrler-Platz, war ebenso mit Bedacht ausgewählt, denn hier standen mehrere jüdische Häuser. „Mergentheim war lange Jahre eine gute Stadt für die hier lebenden Juden“, machte Huth deutlich. Und: Die Mergentheimer Juden waren anerkannt und geschätzt in der Bevölkerung. Mit Bezug auf Hermann Fechenbachs Buch „Die letzten Bad Mergentheimer Juden“ verwies er auf mehrere Namen sowie die Ereignisse von 1938. Dem im Ersten Weltkrieg schwer verwundeten Mergentheimer Künstler gelang noch rechtzeitig die Flucht nach England. Huth erinnerte auch an Aron Adler, der als Stadtrat wirkte. Sein Enkel verstarb kurz vor einem geplanten Treffen.

Es folgte ein Halt vor dem Eingang zum Münster. Auch hier, in unmittelbarer Nähe zum katholischen Gotteshaus, lebte einst eine jüdische Mergentheimerin. Huth verwies an dieser Stelle auf den heute unbegreiflichen Hang vieler deutschen Juden, im Lande zu bleiben. „So schlimm wird es nicht kommen“ hätten viele gedacht. „Palästina war für die meisten deutschen Juden kein Thema; man war doch anerkannt, lebte seit Jahrhunderten hier, war ein Teil der Gesellschaft, hatte sich assimiliert.“

Das „geistige Zentrum“ der jüdischen Gemeinde war in der Holzapfelgasse. Dort stand die Synagoge und das Rabbinerhaus. Im Hof der Realschule St. Bernhard erinnert eine Wandtafel an das Gotteshaus, das von den Nazis 1938 geschändet, 1946 wieder als Synagoge genutzt und schließlich 1957 abgebrochen wurde. Im Hof erinnern drei Stolpersteine – die ersten in der Stadt, allerdings auf Privatgelände – an die Familie des Rabbiners Dr. Moses Kahn. Auch dazu konnte Huth einige Details nennen. Das Erinnern, darauf machte Huth an dieser Stelle ebenfalls aufmerksam, habe in der Stadt spät eingesetzt: 1978, anlässlich des 40. Jahrestages der Reichspogromnacht (Kristallnacht), wurde auf dem Grundstück der evangelischen Kirchengemeinde in der Härterichstraße ein Denkmal zur Erinnerung an die ehemaligen jüdischen Mitbürger aufgestellt.

Vorletzte Station war der Gänsmarkt, der zusammen mit den einmündenden Straßen eine Art „ökonomisches Zentrum“ der Bad Mergentheimer Gemeinde bildete. Mehr noch: Felix Fechenbach – eine Tafel erinnert heute an den Standort seines Geburtshauses – war ein Kind der Badestadt, auch wenn er nur drei Jahre hier lebte. Er half 1918, die Republik zu errichten, bekämpfte die Nazis als Redakteur und wurde 1933 von Nazi-Schergen „auf der Flucht“ erschossen. „Es gilt aber auch, den Blick auf die ’Namenlosen’, also die ganz normalen jüdischen Einwohner, zu richten“, betonte Huth. Dem widme sich der Verein „Stolpersteine“. Und so erinnerte Huth an das ehemals am Platz zu findende Lokal der Fechenbachs, die Eisenwarenhandlung Heidelberger oder auch die Bäckerei von Max Hirschhorn, dessen Sohn Kurt bereits 1932 im Hetzblatt „Der Stürmer“ übelst verleumdet wurde. Weiter erwähnte Huth diverse jüdische Geschäfte und Betriebe, etwa in der Holzapfelgasse, darunter die Exportschlächterei Fröhlich.

Dass und wie die Mergentheimer Juden von den Nazis regelrecht ausgeplündert wurden, wurde amtlich festgehalten und ist heute nachzulesen. Die Steuerakten wurden nämlich nicht, wie sonst üblich, vernichtet und vor einigen Jahren im Finanzamt entdeckt. Auf der Homepage des Vereins „Stolpersteine“ sind sie einsehbar.

Den Schlusspunkt bildete dann das Denkmal im Schlosshof. Auch hier ging Huth am Beispiel einiger Namen auf die lange Geschichte und das furchtbare Ende der jüdischen Gemeinde und deren Mitglieder ein.

Zum Thema