Bad Mergentheim

Aktion von BAGeno, Stadt Bad Mergentheim und Landkreis 1000 Bäume gegen den Klimawandel / Von kleinen Naturfreunden bis zur politischen Prominenz

„Einheitsbuddeln“ im Markelsheimer Wald

Archivartikel

Es war ein fröhliches Familienevent, das „Einheitsbuddeln“ am Feiertag im Markelsheimer Wald. Viele Menschen folgten der Einladung von BAGeno, Stadt und Landkreis und pflanzten Bäume auf einer Kahlfläche.

Markelsheim. Der Klimawandel ist unübersehbar: Der Wald leidet unter der Trockenheit. Längst sind nicht mehr nur Fichten und Kiefern betroffen, sondern auch Buchen und Eichen. Überall gibt es Kahlflächen. Die Frage „Was tun?“ beschäftigt viele Menschen. Frank Tremel, Mitarbeiter der BAGeno, fand eine Antwort. Am „Tag der deutschen Einheit“, dem 3. Oktober, wollte er etwas gegen den Klimawandel und für den Wald tun. „Einheitsbuddeln“ nennt sich eine Aktion, die seit einigen Jahren am 3. Oktober, dem „Tag der deutschen Einheit“, unter dem Motto „mein Baum für’s Land“ zum Baumpflanzen einlädt – zum Gedenken an die friedliche Revolution in der DDR und die dadurch ermöglichte und am 3. Oktober 1990 vollzogene Wiedervereinigung, aber ebenso zum Handeln, um den Herausforderungen des Klimawandels zu begegnen und dem Wald Gutes zu tun.

Die BAGeno-Leitung nahm Tremels Idee auf, ebenso die Stadt Bad Mergentheim und der Landkreis, und gemeinsam luden sie am Feiertag zum „Einheitsbuddeln“ in den Markelsheimer Wald. Die dafür und das Wiederbestocken einer Kahlfläche benötigten Setzlinge – klimaresistente Speierlinge und Walnussbäume – hatte Tremels Vater Klaus gezogen; insgesamt 2000 Stück. 700 davon standen für die Aktion bereit und wurden von rund 300 Wildbirnen- und Apfelbäumen ergänzt, die das Kreisforstsamt stellte. Die übrigen Walnuss- und Speierlingsetzlinge hatte die BAGeno zu Wochenbeginn an den Standorten Bad Mergentheim und Ingelfingen kostenlos an „Hobbyförster und -Gärtner“ abgegeben, wie Frank Tremel unserer Zeitung berichtete.

Keine formal-trockene Einheitsfeier sollte es sein, sagten die Vertreter der BAGeno, der Stadt und des Landkreises schon auf dem Weg zur Kahlfläche auf dem Sailberg, und das bunte Bild der Teilnehmer – Menschen aller Altersgruppen aus ganz Bad Mergentheim und den Nachbargemeinden – machte das augenfällig. Sie alle waren gekommen, um einen Baum zu pflanzen. Ganz bewusst am Tag der deutschen Einheit, ganz bewusst auch um ein Zeichen zu setzen und dem Klimawandel zu begegnen.

Ganz ohne Reden aber ging es dann doch nicht, und zuvor und zwischen den Redebeiträgen spielten die Parforcehornbläser der Kreis-Jägervereinigung. Nicht nur ganz grundsätzlich zum Wald passende jagdliche Klänge waren da zu hören, auch Beethovens optimistische „Ode an die Freude“ erklang. Ist doch eine solche Aktion durchaus geeignet, erstens Freude zu machen und zweitens Hoffnung zu geben, dass dem Wald und damit auch dem Klima geholfen werden kann. Die Stimmung unter den zahlreichen Teilnehmern war prächtig, und vor allem die Kinder konnten es kaum erwarten, mit ihren extra mitgebrachten Schäufelchen loslegen zu können, auch wenn Vater und Mutter mit dem Spaten nachhelfen mussten. Und wer kein Werkzeug dabei hatte, dem wurde ausgeholfen – einige forstlich versierte und mit Wiedehopfhacken „bewaffnete“ Fachleute standen bereit.

Oberbürgermeister Udo Glatthaar war sicherlich der glücklichste der Festredner, denn erst vor kurzem hatte er sich anlässlich des Starts der Aktion „1000 Mal 1000 Bäume“ des Gemeindetages Baden-Württemberg im Kurpark (wir berichteten) zuversichtlich gezeigt, dass die Stadt die 1000 Bäume „innerhalb eines Jahres“ setzen werde. Mit dem Einheitsbuddeln und den zusätzlich von der BAGeno verteilten Setzlingen ist dieses Ziel schon erreicht, ja um ein gutes Drittel übertroffen. Und so verwies das Stadtoberhaupt auf Gemeinderat und Ortschafsräte, die allesamt aktiv bei der Umsetzung seien. „Die Natur und unser Wald liegen uns am Herzen, wir gehen die Herausforderungen an“, betonte Glatthaar. Der OB sprach den Organisatoren, insbesondere der BAGeno und dem Kreis-forstamt, seinen Dank aus, ebenso wie der Kreisjägervereinigung für die musikalische Begleitung sowie den Bürgern für’s Mitmachen.

Landrat Reinhard Frank verwies auf den 3. Oktober als einen „besonderen Tag“. Das Einheitsbuddeln und damit das Handeln für den Wald sei „noch nachhaltiger als ’Fridays for Future-‘ Demonstrationen“.

BAGeno-Geschäftsführer Berthold Walter hob das Engagement seines Mitarbeiters Frank Tremel und von dessen Vater hervor, machte aber auch deutlich, dass „es uns als Genossenschaft wichtig ist, bei dieser Aktion dabei zu sein“. Eine massive Aufforstung sei ein wichtiger Beitrag zum Klimaschutz, betonte Walter. Was ihn bei der Klimadiskussion – „dass der Klimaschutz wichtig ist, wissen wir schon seit Jahren“ – störe, sei der vielfach verbreitete Populismus. „Schlagwörter, schlichtweg falsche Parolen und totale Unkenntnis schüren in vielen Medien eine Propaganda, die nicht nur schädlich für Landwirte ist, sondern letztendlich für ganz Deutschland“, sagte Walter. So sei es kein Wunder, dass einerseits „blühende Wiesen verlangt, aber jeder Löwenzahn im eigenen Vorgarten entfernt werde“. Das Einfordern von umweltgerechtem Verhalten kollidiere oft genug mit entgegengesetztem persönlichen Tun, etwa durch jährlich mehrmalige Urlaubsflüge und „Billig-Einkauf“ beim Discounter. Walter forderte die Anwesenden auf, nicht auf populistische Schlagworte hereinzufallen, sondern sich zu informieren. „Klimaschutz ist wichtig, aber er braucht Augenmaß, Ehrlichkeit, Objektivität, Hintergrundwissen, Fairness und Vernunft.“

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Alois Gerig verwies auf die Folgen des nun schon zweiten Trockenjahres – nicht nur Fichten und Kiefern, auch Buchen und Eichen seien mittlerweile schwer geschädigt, und im Taubertal wie auch im gesamten Wahlkreis seien überall Kahlflächen zu sehen. 30 Jahre deutsche Einheit seien ein Anlass zum Feiern, aber auch zum Nachdenken. Gerig sprach auch den „wohlstandsbedingten Klimawandel“ an – jeder könne durch sein persönliches Verhalten einen Beitrag zum Klimaschutz leisten; „das geht nicht nur am Freitag“. Besonders hervor hob er das Engagement eines anwesenden Mädchens – das nahm das Markelsheimer Einheitsbuddeln zum Anlass, ein „Thursday for Future“-Plakat zu malen. Der Bund und die Länder leisten mit einem Einsatz von zusammen 800 Millionen Euro in den kommenden Jahren viel für den Wald, doch erscheine dies angesichts von 100 Millionen Festmetern Schadholz als „Tropfen auf dem heißen Stein“. Nötig sei es, dass die Menschen ihr Verhalten überdenken und ändern.

Der CDU-Landtagsabgeordnete Wolfgang Reinhart bezeichnete Baden-Württemberg und den Landkreis als „Waldland“, und das stehe für viele Fragen und Herausforderungen.

Mit Wald Geld zu verdienen sei schlichtweg nicht mehr möglich, betroffen davon seien neben den Privatwaldbesitzern auch die Kommunen. Das Land sei aktiv beim Klimaschutz, und gerade beim Wald könne man sehr effektiv handeln.

Reinhart verwies auf wissenschaftliche Berechnungen, nach denen – ausgehend von einem Anteil von 2,7 Milliarden Hektar Waldfläche auf der Erde – die Erderwärmung bei einer Aufforstungsrate von 25 Prozent deutlich und nachhaltig auf einen Wert unter 1,5 Grad Celsius begrenzt werden könnte. Auch er dankte den Initiatoren für ihr Engagement und den Bürgern für’s Mitmachen beim Einheitsbuddeln.

Zum Thema