Bad Mergentheim

Bürgerforum „Stadtbild“ Serie „Mergentheimer Hausfassaden“ (Folge 10) / Das Ritterhaus in der Mühlwehrstraße 29

Eines der markantesten Häuser der Stadt

Archivartikel

Bad Mergentheim.Eines der markantesten Häuser von Bad Mergentheim steht am Knick der Mühlwehrstraße. Es entstand in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, einer Zeit, in der Mergentheim zur Residenzstadt des Deutschen Ordens ausgebaut wurde und zeugt von einer prosperierenden Phase der Stadtentwicklung.

Der Auftraggeber dieses Baus kann heute laut Berichterstatterin Alice Ehrmann-Pösch nicht mehr ermittelt werden. Eventuell kommt eine Familie Gurr in Betracht, die Ratsmitglieder und auch Bürgermeister zu dieser Zeit waren. Anna Gurr fiel 1629 der Hexenverfolgung zum Opfer und das daraufhin aufgestellte Inventarium ihres Besitzes nennt sowohl ein Haus in der Burgstraße, als auch eines in der Mühlwehrgasse, das neben Erdgeschoss noch weitere zwei Stockwerke aufwies – ein für die damalige Zeit ausgesprochen großes Gebäude.

1666 wird ein Stephan Stellwag als Besitzer genannt, dessen Nachfahre Joh. Kaspar Stellwag auch Bürgermeister von Mergentheim war. Im Verlauf des 18. Jahrhunderts ging es in die Hände von Hofrat und Archivar von Handel über, nach dessen Tod wurde es 1784 an Jörg Adam Speidel verkauft.

1810 erhalten die Pidot’schen Erben das Gebäude, die wiederum verkaufen es spätestens 1842 an Nikolaus Lochner. Ab 1896 übernimmt Joh. Walz das Anwesen, dessen Witwe Maria im Jahr 1921 das Haus den Comboni-Missionaren überließ. 1929 wurde hier ein Seminar mit Priester und Ordensschwestern eingerichtet. Verwalter war Pater Anton Blank. 1955 wurde ein Studienheim eingerichtet, betreut von den Ordensschwestern, zuletzt unter der Leitung von Pater Kohnle. 1981 wurde es vom Orden wieder in Privathand verkauft (Joh. Thiel/Ilse Thiel) und 2011 erwarb es schließlich Dominik Möhler.

Es handelt sich hier um ein typisches Patrizierhaus der Renaissance, dessen Wohntrakt mit der Fassade zur Straße steht, das ein seitliches großes, rundbogiges Tor aufweist, damit die rückwärtigen Gebäudeteile und der Hof/Garten zugänglich waren.

Die Grundstücke weisen die typische Längserstreckung auf wie wir es ebenfalls am Büdelschen Haus in der Burgstraße 7 oder auch am Kanzlerhaus am Oberen Markt 27 noch erkennen.

Der hohe repräsentative Anspruch dieses Gebäudes ist nicht nur durch die Größe und massive steinerne Bauweise, sondern in besonderer Weise durch die Fassadengliederung gegeben. Die steinernen Fenstergewände haben kleine „Ohren“, die in typischer Weise die Doppelfenster der Fassade zieren. Die Fenster sitzen auf durchlaufenden Gesimsen auf, die zusammen mit den die Stockwerke abgrenzenden Gesimsen eine breit lagernde, ausgewogene Gewichtung des Baues geben. Begrenzt wird die Fassade durch farblich hervorgehobene Eckquader. In der Oberamtsbeschreibung wird die Fassade als „keck“ bezeichnet und meint wohl die überaus reiche Verzierung des Giebels mit sehr freistehenden Voluten, die in Beschlagornament (den Beschlägen von Truhen nachempfunden) eingebunden sind. Der Giebel wurde durch Pilaster in Felder untergliedert und erstreckt sich über zwei Dachgeschosse. Die Fenster im Giebel sind durch die Pilaster getrennt und dadurch zunächst in drei Felder, dann in zwei verteilt. Dabei wird die Mittelachse durch die Superposition der Fenster vom Erdgeschoss an durchgehalten.

Auf der Giebelspitze ist der im Jahr 1570 hergestellte Ritter als Bekrönung aufgrund des ruinösen Zustandes im 20. Jahrhundert ausgetauscht worden. Er trägt in seiner Rechten eine Fahne, seine Linke stützt einen Wappenschild.

Eine weitere Figur ist in einer Muschelnische mittig über dem Erdgeschoss vorhanden, die ein bisschen ein Schattendasein führt, aber eine der in Mergentheim zuhauf vorhandenen Hausmadonnen darstellt. Maria ist mit dem Jesusknaben in der beliebten Form der Mondsichelmadonna gestaltet.

Das Ritterhaus, das im Volksmund auch Geisterhaus genannt wird, hat schon immer die Fantasie der Mergentheimer beflügelt. Bekannt ist die Sage vom Klopferle, das in Jahren, in denen eine gute Weinernte zu erwarten war, schon im Winter davor mit einem silbernen Hämmerchen an die Fässer im Keller schlug. Doch sollte man sich vor diesen Klopfern hüten, die auch im Spitalkeller ihr Unwesen treiben, denn sie sind boshaft und werfen Gemüse und Schüsseln im Keller um. Der heute in diesem Gebäude untergebrachte Bioladen kann vielleicht ein Lied davon singen. . . bfs

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