Bad Mergentheim

Historisches Im August 1918, vier Jahre nach Beginn des Ersten Weltkriegs, war die materielle Lage der Menschen verheerend

Einen Tag Käse, einen Tag Kaffee

Archivartikel

Das Essen war knapp, aber das Heilwasser sprudelte – auch während des Ersten Weltkriegs ging der Kurbetrieb in Bad Mergentheim weiter.

Bad Mergentheim. Im August 1914 waren junge Männer – Soldaten und Kriegsfreiwillige - mit Begeisterung in den Krieg gezogen – so scheinen es Bilder und Berichte zu beweisen. Veröffentlichte Fotografien von ausrückenden bejubelten Männern in Uniform und von Aufschriften auf Eisenbahnwaggons versprühten Optimismus und die Überzeugung, dass der Krieg in vier Monaten siegreich beendet sein werde: „Weihnachten auf dem Boulevard!“– so lautete eine der Parolen.

Beteuerungen von Kaiser Wilhelm II. wie „Ich kenne keine Parteien mehr, nur noch Deutsche“ hatten vorerst die Reihen geschlossen, selbst mit Oppositionellen – und auch mit pazifistisch Gesinnten, weil diese glauben sollten, dass man sich verteidigen müsse: „Uns treibt nicht Eroberungslust, uns beseelt der unbeugsame Wille, den Platz zu bewahren, auf den Gott uns gestellt hat.“

Weinend an die Front

Es gab aber durchaus auch leise Stimmen, die bereits zu Beginn des Krieges Angst und Zweifel ausdrückten. Skeptische Äußerungen sind wohl nur auf Postkarten oder in privaten Briefen zu finden. Die Botschaft aus Mergentheim an eine Ehefrau lautete, ihr Mann sei weinend an die Front gefahren.

Wie sah es vier Jahre später aus? Worte des Kaisers „An mein Volk!“ klangen am 1. August 1918 noch ähnlich wie vier Jahre zuvor: „Was im Osten durch unsere Waffen erreicht und durch Friedensschlüsse gesichert ist, was im Westen sich vollendet, das gibt uns die feste Gewissheit, dass Deutschland aus diesem Völkersturm stark und kraftvoll hervorgehen wird.“

Der eigentliche politische Führer, Generalfeldmarschall von Hindenburg, zeigte sich in jenen Tagen zuversichtlich, weil „unsere braven Truppen sich auch jetzt in dem Kampfe im freien Felde dem Feinde wieder überlegen zeigen … so würden wir’s bestimmt schaffen.“

Zweifel scheinen allerdings – bei aller Zuversicht – bei Ludendorff, dem zweiten Mann der Obersten Heeresleitung, mitzuklingen. Folgende Sätze von ihm werden in der TZ vom 5. August 1918 zitiert: „Diesmal sei unser strategischer Angriffsplan nicht geglückt (…) den Maßnahmen des französischen Oberbefehlshaber könne man die Anerkennung nicht versagen.“

„Wo sollen unsere Helden ruhen“, fragt am 1. August 1918 das lokale Blatt, das regelmäßig Auszüge der württembergischen Verlustlisten (leicht Verletzte, schwer Verwundete, Gefallene) abdruckt und natürlich die Todesanzeigen der „Kriegshelden“. Ein Kommentator meint dazu, als schon zwei Millionen deutsche Soldaten gefallen sind: „... lasst ihn schlafen, wo er gefallen ist (…) mehr ehrt ihn, wenn man ihn inmitten seiner Waffengefährten ruhen lässt, als wenn ihr seine sterblichen Überreste in die Heimat holt.“

Die Listen der Toten und Verletzten sowie die Todesanzeigen sprechen eine deutliche Sprache. Es war kein Spaziergang nach Paris gewesen und es wurde schon gar nicht ein Fest auf einem Pariser Boulevard. Der Bewegungskrieg war nach wenigen Wochen zum Stellungskrieg geworden. Die Heere lagen sich im Elsass und in Lothringen gegenüber; nicht der individuelle Mut der Soldaten und die Taktik der Feldherrn, sondern die Menge des Kriegsmaterials und der Versorgung wurde 1918 entscheidend.

Aber auch die Menschen in der Heimat waren von vier Jahren Krieg und den Ereignissen an der Front stark betroffen. Nicht nur der Kummer über den Tod der Männer, auch der Mangel an Lebensmitteln und den Dingen des Alltags, die Teuerung und die Reglementierungen setzten ihnen sehr zu, auch in einer Kurstadt wie Mergentheim.

Obwohl die Kurgäste bei Kriegsbeginn 1914 aufgefordert worden waren, das Karlsbad zu verlassen, lief die Kur in den nächsten Jahren weiter. Zwar wurden einige Kurhäuser wie das „Paxheim“ vollständig als Lazarett genutzt, andere wie das „Hotel Kurhaus“ und die „Diätkuranstalt am Frauenberg“ von Dr. Bofinger nur zu einem Teil.

Annoncen wie die in der Festschrift zum 25-jährigen Regierungsjubiläum des württembergischen Königs Wilhelm II. im Jahr 1916 zeigen, dass auch in den Kriegszeiten die Kursaison vom 1. Mai bis zum 30. September geplant war. Das „Mergentheimer Badeblatt“, das „Publikation-Organ der Badeverwaltung“ hingegen wurde nach Kriegsbeginn eingestellt, so dass man nicht mehr – wie bis 1914 – erfahren kann, welche Patienten sich neben den verletzten Soldaten im Karlsbad aufhielten.

Die Kur geht weiter

Überraschenderweise wird die Zeitung mit „Kurliste und Kuranzeiger“ vom 8. Juni 1918 an wieder veröffentlicht. Man kann erkennen, dass das „Kurhaus“ und die „Kuranstalt Hohenlohe“ neben ihrer Funktion als Lazarett recht viele Gäste hatten, ihrer Größe entsprechend weniger Dr. Bofingers Sanatorium, das „St. Rochusstift“ und das „Carolinum“. Hotels und Gasthäuser wie „Deutscher Hof“, „Hirsch“, „Adler“, „Rose“, „Straußen“, „Hasen“, „Ochsen“, „Durst zum Kreuz“ und „Fechenbach“ gaben zahleichen Kursuchenden Quartier, vor allem aber Mergentheimer Privatleute von Bäcker Bauer bis Frau Dr. Zenneck; man findet etwa 70 Namen hiesiger Einwohner, die durchschnittlich zwei auswärtige Personen beherbergten. Es wäre ein großes Problem gewesen, diese aus den eigenen Vorräten zu versorgen, aber die Gäste hatten wohl ihre Lebensmittelmarken mitgebracht. Es gibt zahlreiche Anzeichen und Dokumente, an denen man ablesen kann, dass vieles, ja fast alles knapp und deshalb rationiert wurde.

Das begann im Januar 1915 mit der „Brotkarte“. Diese Lebensmittelkarte ist nur eines von vielen folgenden Beispielen. Im Königreich Württemberg – und nicht nur da – gab es Getreideverordnungen, Fleischverordnungen und viele andere Regulierungen. Der anscheinend beliebte Mergentheimer Oberamtmann Ekert wurde im August 1918 auf einen wichtigen Posten berufen; er wurde zum Leiter der Versorgungsstelle in Stuttgart ernannt, was die hiesige Bevölkerung nach Äußerungen in der TZ bedauerte.

„Fleischlose Woche“

Der Satz „Kaufe zu Höchstpreisen“ hatte eine andere Bedeutung als heute. Vom Staat wurde festgelegt und in der TZ verkündet, wie teuer Fleisch, Öl und Bier, Gemüse und Obst, beispielsweise Bohnen und Zwetschgen, und vieles andere mehr im Höchstfall verkauft werden dürfe. Andererseits findet man im August 1918 in der TZ mehrere von Stadtvorstand Theodor Klotzbücher unterzeichnete Anzeigen die verkünden, dass „berechtigte“, Besitzer von Lebensmittelkarten, an einem bestimmten Tag eine Portion Emmentaler oder Weichkäse, Suppengerste, Rinderfett oder Kaffee-Ersatz kaufen können. Vor allem war der Fleischverbrauch eingeschränkt, es wurde die erste „Fleischlose Woche“ vom 19. bis zum 25 August angeordnet; es gab als Ersatz anstelle von Fleisch 185 Gramm Mehl.

Nicht nur Lebensmittel sind im Krieg knapp geworden: Nickelgeld wird aus dem Verkehr gezogen, Kriegsnotgeld tritt an seine Stelle. Gummireifen müssen abgegeben werden. Nur wer nachweisen kann, dass er sein Fahrrad unbedingt geschäftlich braucht, bekommt einen Fahrradausweis. Abgeschnittene, ausgefallene oder ausgekämmte Frauenhaare werden zu „Kriegszwecken“ von Friseuren zu kaufen gesucht. Das Wasser wird von 22 bis 5 Uhr abgestellt. Die Anschlussfahrt des Schnellzuges von Berlin nach Stuttgart nach Mergentheim muss ab Königshofen im Güterzug gemacht werden.

Schüler sammeln Pferdefutter

Es wird darüber gestritten, ob Schüler „Laubheu“ sammeln sollen; die einen haben Bedenken, dass die Schüler nicht mehr genug lernen und ihre Schuhe ramponiert werden, den anderen sind die Lernziele in dieser „großen Zeit“ nicht wichtig, wichtiger sei, dass die Tiere und damit die Frontsoldaten versorgt werden. Es werden Vorschläge gemacht, wie man die Schuhe schützt und wie man sogenannte Kriegsstrümpfe herstellt; es heißt, die Schüler könnten barfuß in den Wald gehen, um Laubheu zu sammeln. „Laubheu“, das hieß, es werden möglichst junge Blätter von Laubbäumen gepflückt; sie werden gedörrt, vermahlen und mit Melasse vermischt. Die Pferde an der Front bekommen den „Laubfutterkuchen zum Ersatz von Hafer (...) zugeführt“. „Ersatzstoffe“ sind für die durch die Seeblockade vom Überseehandel fast gänzlich abgeschlossenen Mächte Deutschland und Österreich seit 1914 ein ständiges Thema.

Eier und Mehl an Kurgäste

In solchen Notzeiten werden die Menschen erfinderisch, um an die knappen Lebensmittel und Sachen oder an mehr Geld zu gelangen. Bezeichnend dafür ist ein Bericht, der am 24. August in der TZ abgedruckt ist, sei er wahr oder als Abschreckung gemeint: „Man schreibt uns von folgendem Vorfall, der sich am hellen Tag in der hiesigen Kuranlage abgespielt hat: Kommt da plötzlich eine einfach gekleidete Frau mit einem Paket des Wegs entlang und spricht eine Dame an, die sich als Kurgast im Park ergeht und erzählt dieser – wahrscheinlich unbegründet, und nur um einen Anlass zu geben – sie habe hier ein Paket mit Eiern und Mehl, das für einen Kurgast aus Berlin bestimmt sei, aber sie könne denselben nicht finden. Wenn jedoch die Dame die Eier und das Mehl haben wolle, so gäbe sie es auch ihr, morgen könne sie auch Butter bringen, so viel sie nur wolle. Das Ei verkaufe sie zu M. 1,20, das Pfund Mehl zu M. 2,50 und das Pfund Butter zu M. 20,00. Darauf forderte die Kurdame die Frau auf, sie solle das Mehl und die Eier sofort an das naheliegende Lazarett für die Soldaten kostenlos abliefern, anderenfalls Anzeige erstattet werde. Die Dame rief zu diesem Zweck ein paar an Krücken gehende, in Sehweite befindliche Verwundete zu Hilfe, und der sonst so kuraschierten Frau schien es nun doch nicht mehr geheuer zu sein. In einem Wutausbruch nahm sie das Eier und Mehl enthaltende Paket, schleuderte es mit voller Wucht auf die Erde und zerstampfte es mit den Worten eines heroischen Pathos: ’Die Soldata sölles a net howa!’, nahm ihre Beine unter die Arme und machte sich aus dem Staub.“

Die Frau hatte offenbar mitgekommen, dass manche Kurgäste darauf aus waren, sich Lebensmittel unter Umgehung der geltenden Regelungen zu besorgen. Man nannte es auch damals schon „hamstern“.

Das ist offenbar nicht nur in den Kurstädten wie Mergentheim oder Freudenstadt ein Problem, sondern tritt bei der Not im Lande vielerorts auf, wie man aus mehreren Zeitungsberichten entnehmen kann, die diesen Handel als „Landplage“ bezeichnen. Im August 1918 werden zwei Kurgäste aus dem gesamten Oberamt verwiesen, weil sie überführt worden waren zu hamstern: ein Weinhändler aus Mainz, der mit seiner Familie im Hohenlohe logierte, und ein Kaufmann aus Berlin, der im St. Rochus untergebracht war. Diese Ausweisungen wurden sowohl klein als Meldungen sowie auch groß als amtliche Anzeigen in der TZ bekannt gemacht. Man wollte damit offenbar sehr deutlich vor nicht legitimierten Geschäften öffentlich warnen.

Das Hamstern diente indirekt auch als Begründung dafür, dass die Kurzeit mancherorts verkürzt wurde, in Mergentheim um zwei Wochen: „Die diesjährige Kurzeit endigt am 15. September 1918. (…) Sämtliche Kurfremden haben mit dem gleichen Tage dem Oberamtsbezirk Mergentheim zu verlassen.“ (…) „Zuwiderhandlungen gegen vorstehende Anordnungen werden gemäß § 10 der Min.-Verf. mit Geldstrafe bis zu 1500 M. oder mit Haft bestraft“, heißt es schließlich.

Mitte August liest man in einem Kommentar, dass die Bevölkerung „Ruhig Blut“ trotz der langen Dauer des Krieges bewahren müsse, und etwas später, dass es „nicht den geringsten Anlass zur Nervosität“ gebe. Tatsächlich aber hatten nach einer deutschen Frühjahrsoffensive die Gegner Ende Juli 1918 die Initiative übernommen. In den letzten Augusttagen lauten Überschriften in der TZ: „Schwere Kämpfe im Westen“ und „Große Schlacht im Westen“. Hindenburg, der in jenen Tagen auf Krankheitsgerüchte reagiert, bezeichnet sich als „kerngesund“ und meint zur Kriegslage: „Wir werden es schon schaffen.“

Schuld an der Niederlage

Vier Wochen später aber gaben er und Ludendorff zu, dass der Krieg nicht zu gewinnen sei, sondern die Front schon bald zusammenbrechen könne. Sie drangen deshalb darauf, dass – unter allen Umständen und zu allen Bedingungen – ein Waffenstillstand geschlossen werde.

Diesen unterzeichneten von deutscher Seite Zivilisten, was einerseits zur Folge hatte, dass diese zum Hassobjekt von Nationalisten wurden, und andererseits von Militärs die Dolchstoßlegende lanciert werden konnte, dass das Heer „im Felde unbesiegt“ sei und die Heimat Schuld an der Niederlage habe.

Wer auf die materielle Lage der Menschen in Deutschland nach vier Jahren Krieg schaut, der wird daran zweifeln. Die meisten konnten kaum mehr Verzicht leisten, als sie es tun mussten und bereits seit langem auch taten.