Bad Mergentheim

Diabetes-Akademie Kinder- und Jugendtag mit 400 Teilnehmern / Herbstkongress 2019 mit zahlreichen prominenten Referenten

Eine Tablette soll die Insulintherapie ergänzen

Archivartikel

Bad Mergentheim.Zwei Großveranstaltungen an der Diabetes-Akademie Bad Mergentheim: 400 Teilnehmer waren beim Kinder- und Jugendtag sowie beim Herbstkongress 2019.

An den beiden vergangenen Wochenenden war an der Diabetes-Akademie Bad Mergentheim Einiges geboten. Die erste Großveranstaltung war der Kinder- und Jugendtag, der sich an Kinder mit Typ 1-Diabetes und deren Eltern richtete. Bei dieser Veranstaltung wurde Spaß und Spiel sinnvoll mit Fortbildung verknüpft. Während die Eltern und älteren Kinder in Vorträgen über Diabetes informierten, durften die Kleinen spielen, basteln oder sich sportlich betätigen.

Aktuelle Therapieformen

Die Oberärztin des Bereichs Kinder- und Jugenddiabetologie, Dr. Julia Schwab, gab einen Überblick über aktuelle Therapieformen mit Insulin. Im übernächsten Jahr werde das lebensrettende Molekül 100 Jahre alt. Vor der Einführung von Insulin sei der Typ 1-Diabetes eine tödliche Erkrankung gewesen. Heute könne mit einer modernen Insulintherapie eine hervorragende Lebensqualität und eine Lebenserwartung von altersgleichen Gesunden erzielt werden.

Ergänzt wurde der Vortrag von der Kinderärztin Dr. Thekla von dem Berge aus Hannover. Diese berichtete über neue Messverfahren zur Überwachung des Zuckerspiegels im Körper. Gemeint seien sogenannte Sensoren, die auf der Haut kleben und den Glukoseverlauf im Unterhautfettgewebe messen. Dabei könnten die Betroffenen jederzeit sehen, wo der Glukosewert liege und in welche Richtung er sich bewege, etwa ob er steige oder falle. Manche hätten jedoch Probleme mit der Fixierung der Sensoren, da sie allergisch gegen die Pflaster seien. Doch es gebe mittlerweile viele Tricks und gute Möglichkeiten, trotzdem mit den Sensoren zurecht zu kommen. Beispielsweise könne man die Haut durch spezielle Hautschutzprodukte effektiv schützen oder es würden einfach Pflaster zwischen den Sensor und die Haut angebracht.

Dies leitete auf das nächste Thema über, nämlich die sogenannte sensorgestützte Pumpentherapie. Dabei steuert die Messeinrichtung für den Glukosewert auch gleichzeitig die Pumpe, das heißt die Pumpe reagiert auf einen abfallenden Zucker durch geringere Insulinabgabe und auf steigenden Zucker durch eine Erhöhung der Insulinabgabe. „Es ist fast wie der Autopilot bei einem Flugzeug: Die Flugrichtung und Flughöhe wird gehalten, aber starten und landen müssen die Patienten“, erläuterte Dr. Astrid Tombek vom Diabetes Zentrum Mergentheim. Mit Starten und Landen im übertragenen Sinne sei gemeint, dass die Patienten der Pumpe vermitteln müssten, dass jetzt akut Kohlenhydrate gegessen würden oder eine sportliche Betätigung folgen werde.

Gutes Zurechtkommen wichtig

Da ein gutes Zurechtkommen mit den Diabetes auch immer etwas mit Stärke und Selbstbewusstsein zu tun habe, gab es einen interessanten Dialog zwischen Professor Dr. Bernhard Kulzer, dem leitenden Psychologen der Diabetes-Klinik, und Lisa Schütte, einer jungen Frau, die mit dem Diabetes sehr gut zurecht kommt.

Umrahmt wurde die Veranstaltung durch zahlreiche Workshops, bei denen sich die Betroffenen und deren Eltern untereinander austauschten oder die Referenten in spannende Diskussionen verwickelten.

Eine Woche später begrüßte Professor Thomas Haak, Chefarzt der Diabetes-Klinik Bad Mergentheim und Vorsitzender der Diabetes-Akademie,zahlreiche Top-Referenten, darunter Professor Monika Kellerer, Präsidentin der Deutschen Diabetes Gesellschaft. Der Herbstkongress richtete sich an Ärzte und Behandler.

Richtige Behandlung wichtig

Den Auftakt machte auch direkt Professor Kellerer, indem sie die aktuellen Therapien bei kardial erkrankten Menschen mit Diabetes vorstellte. Viele Menschen mit Diabetes hätten eine Herzschwäche oder eine Durchblutungsstörung am Herzen. Diese müsse natürlich entsprechend vom Facharzt behandelt werden. Aber auch die Diabetestherapie sei bei Menschen mit Herzerkrankungen eine andere als bei Menschen mit Diabetes ohne eine Herzerkrankung.

Über ein stark diskutiertes Thema sprach Professor Baptist Gallwitz von der Universitätsklinik Tübingen. Zum ersten Mal in der Geschichte der Diabetologie gebe es ein Medikament für die Behandlung des Typ 1-Diabetes, das als Tablette geschluckt werde und eine Insulintherapie ergänze. Dabei handele es sich um sogenannte Medikamente, die Glukose über die Niere ausscheiden. „Erst einmal attraktiv“, meinte der Referent, „aber nicht ungefährlich, wenn Patienten eine akute Gesundheitsstörung bekommen.“ Dann müssten diese Medikamente nämlich abgesetzt werden, da sie ansonsten eine schwerwiegende Akutkomplikation des Diabetes maskierten, nämlich die Ketoazidose. Dabei entgleite die Stoffwechseleinstellung und es komme zur Übersäuerung des Blutes. Dies merkten Patienten üblicherweise durch einen Anstieg des Blutzuckers, aber eben nicht, wenn sie dieses spezielle Medikament erhalten, da der Blutzucker nicht ansteige, weil er ja über die Niere ausgeschieden werde.

Gefolgt wurde der Beitrag durch den Vortrag von Professor Armin Steinmetz aus München. Er gab einen Überblick über die Behandlung von Fettstoffwechselstörungen, die viele Menschen hätten, die aber für Menschen mit Diabetes einen besonderen Risikofaktor darstellten, weil sie neben dem Diabetes die Blutgefäße weiter schädigen könnten. „Daher müssen die Blutfette kontrolliert und optimal eingestellt werden“, so der Referent. Dafür gebe es gute Medikamente.

Den Abschluss des Kongresses bildete Professor Jörg Bojunga aus Frankfurt, der zu den Problemen bei einer gezielten Gewichtsabnahme sprach. Es gebe viele Diätprodukte auf dem Markt, die teilweise umstritten seien. Aber nicht für jeden Patient sei jede Ernährungsform geeignet. Sie müsse patientenindividuell ausgewählt werden. Am besten sei eine mediterrane Ernährung, so der Internist aus Frankfurt.

Empfehlung gegeben

Zum Schluss sprach Dr. Bernhard Zweigle aus Aalen über die Anpassung der Diabetestherapie im Alter. „Muss wirklich auch ein 90-Jähriger all die Medikament erhalten, die ein 50-Jähriger üblicherweise bekommt?“ so der Referent. Seine Empfehlung war, nicht auf das Alter des Patienten zu schauen, sondern auf dessen Gesundheitszustand. Je kränker der Patient, desto eher könnten auch Medikamente weggelassen werden, weil gerade bei diesen Patienten die Organe auf zahlreiche Medikamente reagierten und zwar anders als bei Jüngeren.

Insgesamt zeigten die beiden Veranstaltungen, dass die Diabetes-Akademie Bad Mergentheim weiterhin eine attraktive Einrichtung zur Fortbildung für Menschen mit Diabetes und Behandler des Diabetes ist.

Weitere Informationen zu den restlichen Veranstaltungen dieses Jahres findet man im Internet unter www.diabetes-akademie.de tjh

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