Bad Mergentheim

Natur Klimaerwärmung begünstigt Population / Im Umgang mit den Insekten Ruhe bewahren / Nester dürfen nicht grundlos entfernt werden

Ein sehr starkes Wespenjahr 2020

Der milde Winter und der trockene Sommer bescherten 2020 auch dem Main-Tauber-Kreis eine besonders starke Wespensaison.

Main-Tauber-Kreis. Im Frühjahr und Sommer sind Wespen die ungebetenen Gäste jedes Biergartenbesuchs und jeder Kaffeestunde im Freien. Im Gegensatz zu ihren entspannteren Verwandten, den Bienen, genießen sie daher einen eher schlechten Ruf, gelten als aggressiv und aufdringlich. Dabei nähern sich in der Regel nur zwei der acht hierzulande beheimateten Wespenarten dem Menschen und seiner Nahrung.

„Am meisten Kontakt hat der Mensch in der Regel im Spätsommer mit den Tieren“, weiß Karl-Heinz Geier, Naturschutzexperte des Landratsamtes. „Im Frühjahr sind die Tiere viel zu sehr damit beschäftigt eiweißreiche Nahrung für ihre Brut herbeizuschaffen. Im August und September haben sie quasi Freizeit und machen sich auf die Suche nach Süßem.“ Und das finden sie meist in Form von Gebäck, Obst und süßen Getränken auf der Kaffeetafel des Menschen. Dabei kann es schon einmal vorkommen, dass die Tiere den Menschen selbst mit einer Nahrungsquelle verwechseln. „Manchmal setzen sich Wespen zum Beispiel an die Zehen und versuchen den Menschen anzuknabbern“, erzählt Elmar Patermann, Bienen- und Wespenexperte der Naturschutzgruppe Taubergrund, „aber auch dann sollte man unbedingt ruhig bleiben und die Tiere nur sachte beiseiteschieben. Das Schlechteste, was man tun kann, ist wild um sich zu schlagen“.

Auch Anpusten sollte man vermeiden, denn gerade während des Essens enthält der Atem Gerüche, die die Insekten erst recht anlocken. Zudem werten sie das in der Atemluft enthaltene Kohlenstoffdioxid als Alarmsignal und geraten in Angriffslaune. Dennoch sollte man die Tiere von Nahrungsmitteln fernhalten. Da sie sich das benötigte Eiweiß für die Nachzucht der Brut unter anderem von toten Tieren holen, werden sie zu potenziellen Keimüberträgern.

Ein Trick

Als Trick, um die Tiere vom eigenen Essen abzuhalten, hat sich eine so genannte Ablenkungsfütterung bewährt. „Einfach den Rand eines Glases in Honig tauchen und ein bis zwei Meter vom Tisch entfernt aufstellen“, rät Elmar Patermann, „wenn die Wespen reinkrabbeln, das Glas abdecken und die Tiere nach dem Essen wieder freilassen“. Auch das leichte Besprühen mit Wasser erweist sich als effektiv. „Ein paar Stöße aus einer Sprühflasche in die Flugbahn reichen erfahrungsgemäß aus“, berichtet Naturschutzexperte Karl-Heinz Geier, „die Wespe zieht sich zum Trocknen zurück und man hat für eine Weile seine Ruhe“.

Obwohl Wespen und Hornissen im Ökosystem eine wichtige Rolle einnehmen, etwa durch den Verzehr anderer Insekten und Schädlinge, sind ihre Nester in der Nähe von Wohnhäusern meist nicht gern gesehen.

Dabei geht gerade von Hornissen wenig Gefahr aus. „Hornissen interessieren eigentlich sich kaum für den Menschen“, meint Elmar Patermann, „sie können ihm aber nützen, denn sie fressen unter anderem auch Wespen“. Bei Wespennestern am Wohnhaus gilt es zunächst, zu beobachten, ob es sich überhaupt um eine der zwei aufdringlichen Arten handelt. Denn in vielen Fällen ist eine relativ friedliche Koexistenz möglich, wenn man das Nest in Ruhe lässt. Zwar fallen Wespen im Gegensatz zu Hornissen, die besonderen Artenschutz genießen, lediglich unter den allgemeinen Artenschutz, ihre Nester dürfen dennoch nicht einfach entfernt werden. „Für eine Entfernung müssen triftige Gründe vorliegen“, gibt Patermann zu bedenken, „beispielsweise die Nähe zu Kindern oder Allergikern oder wenn es eine zentrale Stelle ist, an der man ständig vorbeigehen muss“.

Bei Fragen und Problemen mit den gestreiften Insekten gibt auch das Landratsamt Auskunft „Wir bekommen täglich bis zu zehn Anrufe von Bürgern, die nicht wissen, wie sie mit den Tieren umgehen sollen oder die Nester entfernen lassen wollen“, sagt Karl-Heinz Geier, „das sind deutlich mehr als sonst um diese Zeit“.

Schon 2018 war viel los

Grund dafür seien milde Winter und trockene Sommer, die bereits 2018 für ein Rekord-Wespenjahr sorgten. „Ab September stirbt zunächst die alte Brut ab, dann die Arbeiterinnen und die Drohnen und nur die Königin überwintert an einem trockenen Ort“, erklärt Elmar Patermann, „durch die milden Winter überleben immer mehr von ihnen und gründen im nächsten Jahr neue Völker“. Da Wespen nie ein Nest zweimal verwenden, kann dieser Zeitraum bei Völkern in Wohnhausnähe in der Regel einfach ausgesessen werden. „Wer kein Allergiker ist, kann mit den Tieren normalerweise gut klarkommen“, meint Patermann.

Sollte dies aus triftigen Gründen nicht möglich sein, können die Betroffenen auf verschiedene Weise tätig werden. „Wir beraten gerne und klopfen ab, ob eine Entfernung wirklich nötig und gerechtfertigt ist“, sagt Karl-Heinz Geier, „ist dies der Fall, weisen wir Betroffene darauf hin, dass sie die Nester entweder eigenverantwortlich entfernen oder sich an einen Kammerjäger wenden können“. Gerade bei den besonders geschützten Hornissennestern herrscht bei einer geplanten Entfernung Meldepflicht beim Landratsamt. Andernfalls kann ordnungswidriges Handanlegen in extremen Fällen empfindliche Geldstrafen von bis zu 50 000 Euro nach sich ziehen. Da die Populationen tendenziell zunehmen und dadurch auch der Kontakt mit den Tieren immer häufiger wird, könne im Landkreis mittlerweile zudem auf vier ehrenamtliche Wespenexperten verwiesen werden. „Die ehrenamtlichen Sachberater haben eine Fortbildung absolviert und stehen betroffenen Bürgern beratend oder auch aktiv, etwa bei der Umsiedlung eines Volkes, zur Seite“, erklärt Karl-Heinz Geier.

Dennoch solle eine Umsiedlung der letzte Weg bleiben.

Für die nächste Wespensaison bieten sich deshalb präventive Maßnahmen an. „Wenn die Königinnen im März/April anfangen sich ein neues Domizil zu suchen, sollte man die Tiere in der Nähe des Hauses aufmerksam beobachten“, rät Elmar Patermann. Sobald sie versuchen sich einzunisten, kann man die Tiere sanft stören und sie so vom Bau eines Nestes abhalten. „Löcher am Haus kann man zum Beispiel solange verstopfen, bis die Wespen die Lust verlieren, sich durchzubeißen“, erklärt der Experte. Auch Klopfen und täglich mehrmaliges Bewegen der Rollläden kann Nestern in Rollladenkästen vorbeugen. „Grundsätzlich plädieren wir aber für einen gelassenen Umgang mit diesen nützlichen Tieren“, betont Patermann.

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