Bad Mergentheim

Schweinefachtagung „Es ist wie bei den Kindern: Ein großes Zimmer mit viel Spielzeug führt zu einem Durcheinander und rascher Langeweile“

Ein intensiver Erfahrungsaustausch

Archivartikel

Der Tierschutz nimmt in der Schweinehaltung eine immer bedeutendere Rolle ein.

Bad Mergentheim. Das Landwirtschaftsamt des Landkreises, der Verein Landwirtschaftlicher Fachbildung Main-Tauber, die Tierärzte Weikersheim und der Beratungsdienst Schweinehaltung veranstalteten kurz vor Weihnachten gemeinsam die Schweinefachtagung 2019 im Saal der Sparkasse Tauberfranken in Bad Mergentheim. Zahlreiche Interessierte kamen.

Bei Thema „Gruppenhaltung von Sauen“ erfuhren die Teilnehmer, dass neue Herausforderungen das Kastrationsgeschehen, die Haltung der Sauen beim Abferkeln und die multifaktoriell bedingte Verhaltensstörung, das Schwanzbeißen, sind. Laut einer EU-Richtlinie ist das Kürzen von Schweineschwänzen nicht erlaubt.

Politischer Druck nimmt zu

Doch obwohl es das Gesetz schon seit mehr als einem Jahrzehnt gibt, ist diese Praxis nicht nur in Deutschlands Schweinezuchtbetrieben die Regel. Das Kürzen der Schwänze soll das Risiko von Bissverletzungen deutlich reduzieren, denn diese können zu Entzündungen des Rückenmarks, Blutvergiftungen und Lähmungen führen.

Der politische Druck auf die Schweinehalter nimmt ständig zu. Europaweit wird nach den Gründen für die Verhaltensauffälligkeit des Schwanzbeißens geforscht, so auch an der Fachanstalt in Boxberg. Auch konventionelle und biologisch wirtschaftende Schweinehalter beobachten in unterschiedlichen Stallhaltungsformen diese Verhaltensstörung und suchen durch vielfältige Maßnahmen nach Lösungen.

Benjamin Unangst vom Bildungs- und Wissenszentrum Boxberg stellte aktuelle Erkenntnisse bei der Haltung von Schweinen mit Langschwänzen vor. Beim Aktionsplan „Kupierverzicht“ würden, so war zu erfahren, die Risikofaktoren Beschäftigung, Temperatur, Luftqualität , Licht, die Gesundheit und Fitness, das Konkurrenzverhalten, das Futter und die Futtermittel und die Struktur und Sauberkeit der Bucht beurteilt und optimiert. „Das Beschäftigungsmaterial Stroh funktioniert in konventionellen Ställen nicht“, sagte Unangst. Auch bevorzugten Schweine keine bestimmten Aromen. Stroh mit Maiskörnern sei besonders beliebt, aber eben auch mit dem höchsten Anteil an Schwanzbeißern verbunden. In der Ferkelaufzucht mit optimierter Haltung war die Dauer des Beißgeschehens kürzer und der Anteil intakter Schwänze beim Ausstallen um etwa 16 Prozent höher.

Bei der optimierten Haltung gibt es die Zweiflächenbucht, Klima- und Lichtzonen, ein Wühlareal, den Zugang zu offenen Tränken und ständigen Zugang zu Raufutter. Ein Ferkelschlupf fördert den Sozialkontakt der Ferkel und minimiert den Absetzstress. Nächstes Jahr kommt die App „Pig Handling“ für das Erkennen und Benennen von Schweinesymptomen und -verhalten, die federführend von der UEG Hohenlohe zusammen mit der Berufs- und Fachschule, dem Schweinegesundheitsdienst, Praktikern und der LSZ entwickelt wird. Mit diesem „EIP“-Coachingsystem sollen rasch Schweinesignale erkannt und Problemlösungen wie zusätzliches Beschäftigungsmaterial gefunden werden.

Alle diese vielfältigen Forschungen und Versuche sollen den Weg vom Optimum zum Notwendigen aufzeigen. „Die Tierbeobachtung in der Ferkelaufzucht ist Chefsache“ oder „Vorbeugen ist besser als heilen“, betonte Unangst. In der anschließenden Diskussion wurde gefragt: Soll die Schweinehaltung 40 Jahre zurück oder heißt der neue Weg keine Schweine mehr ? Im Bio-Schweinemastbetrieb König in Boxberg werden schon mehrere Jahre Mastschweine mit Langschwänzen gehalten.

Gute Fluchtmöglichkeiten

Der entscheidende Erfolgsfaktor bei der Problemlösung war der Bau des zusätzlichen Strohauslaufs an den bestehenden Pigportstall, berichtete der junge Diplom-Agraringenieur Tobias König, der jetzt auch noch eine Ausbildung zum Metzger durchläuft. Unter vier Bereichen Liegeflächen mit Kisten, Fressbereich, Spaltenauslauf und Strohauslauf könnten die Mastschweine wählen. Jedes Schwein habe 2,3 Quadratmeter zur Verfügung und deshalb im Streitfall gute Fluchtmöglichkeiten. Der Strohbereich werde dreimal wöchentlich mit reichlich Getreidestroh eingestreut. Fenchelstroh und weitere Möglichkeiten sorgen für Beschäftigung. Bei der Fütterung dürfe der Weizenanteil maximal 20 Prozent betragen, es werde zweimal täglich auf dem Boden gefüttert und eine Müslimischung mit Luzernepellets, das Heu in der Raufe und zusätzliche Tränkebecken in der Vormast sorgten für das Wohlbefinden der Schweine. Die Ration für die Bodenfütterung sei wegen der Staubbindung mit Leinöl angereichert.

„Während es in der Endmast sehr gut läuft, können in der Anfangsmast mittlere Schwierigkeiten auftreten“, berichtete der Junglandwirt. Als Gegenmaßnahmen wird mit Algenkalk mit Kräuterzusatz, mit Minerallecksteinen, zusätzlicher Beschäftigung, Holzteer und Antibeißspray gearbeitet. Jedoch sei das Antibeißspray nur zehn Minuten wirksam.

Ständige Kontrolle

Der Algenkalk mit Kräuterzusatz solle den zum Kannibalismus verführenden Blutgeruch überdecken. Wenn sie rechtzeitig erkannt würden, „dann werden die Täter separiert. Etwaige Wunden werden mit Blauspray behandelt.“ Die Landwirtin Evi Herwarth aus Weikersheim hat im geschlossenen System mit 80 SH-Muttersauen und 600 Mastplätzen mehrjährige Erfahrungen mit Langschwanzschweinen. Der vorher größere Sauenbestand wurde abgestockt, um die Gruppenhaltung und ein größeres Platzangebot verwirklichen zu können.

Nachdem die BESH für Langschwanzschweine 16 Euro mehr bot, wurde versuchshalber 2016 bei einer halben Gruppe die Schwänze nicht kupiert. Zudem würden zwei bis drei Würfe vor dem Absetzen zusammen geführt. Der erste Versuch verlief recht gut, jedoch war die schwierigste Zeit vor dem Ausstallen aus dem Flatdeck. Eine ständige Kontrolle tue Not.

Mobile Strohkörbe wurden bereits im Flatdeck aufgehängt, dazu kommen Bite-Rite, Hanf- oder Baumwollseile und mobile Kau-sticks, jedoch nicht alle Angebote gleich und auf einmal. „Es ist wie bei den Kindern: Ein großes Zimmer mit viel Spielzeug führt zu einem Durcheinander und rascher Langeweile“, hat Evi Herwarth beobachtet.

Seit August dieses Jahres bekommen die Ferkel im Abferkelstall nach zwei Wochen täglich Torf und die letzte Woche täglich etwas Ferkelmüsli, damit der Absetzstress besser überstanden wird. Auch wurde im Flatdeck und Vormastbereich die Wasserversorgung durch den Einbau von Tränkebecken anstelle von Nippeln verbessert.

Erhöhter Zeitaufwand

Ganz entscheidenden Einfluss auf das Tierverhalten zeige die Genetik. Ein Eber vererbte ein starkes Aggressionsverhalten an die Ferkel. Die Nachkommen waren schreckhaft, nervös und teilweise aggressiv. Beim nachfolgendem Eber mit vorheriger Genetik war der Spuk vorbei.

Falls die Ferkel zu beißen anfingen, bekämen sie Zeosan in einer Futterschale und würden in andere Buchten umgestallt. Langfristig kamen so 34 Prozent der Mastschweine mit Langschwanz zur Schlachtung, dafür gab es zusätzlich 16 Euro. Zwölf Prozent der Tiere kamen ohne Schwanzspitze zum Verkauf, dafür gab es acht Euro. Seit Beginn der Umstellung konnten 46 Prozent der Mastschweine mit Langschwanz abgeliefert werden, wobei anfangs und zwischendurch kupiert wurde.

Als Fazit konstatierte die engagierte Landwirtin: Die Verluste durch Schwanzbeißen waren nur drei Ferkel und ein Läufer, und sechs mussten als Spanferkel verkauft werden. Dies gelang durch erhöhten Zeitaufwand und erhöhte Investitionen.

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