Bad Mergentheim

Museumskonzert „Aris“-Quartett trat im Roten Saal des Bad Mergentheimer Deutschordensschlosses auf

Ein glanzvoller, sinnlich schöner Klang

Archivartikel

Bad Mergentheim.Ein solch glanzvoller und edler, sinnlich und emotional berührender, kurzum schöner Quartettklang war bei Museumskonzerten im Roten Saal des Deutschordensschlosses wohl noch nie zu vernehmen. Klangkulinarik par excellence – ermöglicht durch die vier jungen Damen und Herren des „Aris“-Streichquartetts, das beim jüngsten Kammermusikabend der nun zu Ende gehenden Saison mit einer spektakulären, in vieler Hinsicht hinreißenden Vorstellung spontane Begeisterung hervorrief.

Das 2009 in Frankfurt am Main gegründete Ensemble hat sich binnen kurzer Zeit zu den weltweit führenden seiner Generation emporgespielt, konzertiert weltweit auf den ersten Bühnen und kann auf eine eindrucksvolle Anzahl renommierter Preise und Auszeichnungen verweisen.

Russisches stand an diesem Abend direkt oder indirekt im Mittelpunkt des Programms: Tschaikowsky mit seinem frühen Streichquartettsatz D-Dur aus dem Jahr 1865 zum Einstieg, dann das bekannte und viel gespielte 8. Streichquartett von Dimitri Schostakowitsch als Schwerpunkt, schließlich Beethovens erstes, gleichfalls russisch eingefärbtes „Rasumowsky-Quartett aus opus 59. Die einsätzige Studienarbeit des damals 25jährigen Peter Tschaikowsky, die erst 75 Jahre später veröffentlicht wurde, war ein erster Versuch des Komponisten in dieser Gattung, allerdings ein Versuch, der es schon in sich hatte: Mit der von der russischen Volksmusik inspirierten, schwermütigen und - in Soloeinlagen der ersten Violine und des Cellos auch glamourösen – Melodik, dunklen Harmonik und der weit fortgeschrittenen Kompositionstechnik, zum Beispiel wenn im Allegro ein beherrschendes Thema in allen Stimmen imitatorisch verarbeitet wird. Hier bekam man mehr als nur einen Eindruck von der wundervollen Wärme, Leuchtkraft, dem wunderbaren Farbenreichtum und der ausgewogenen stimmlichen Präsenz dieses Quartetts, dazu eine so interpretatorische Reife und sprachmächtige Aussagekraft, wie sie für eine so relativ junge Formation ungewöhnlich ist.

Autobiografisch geprägt

Das c-moll Quartett von Dmitri Schostakowitsch, Ende der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts entstanden, 1960 im heutigen St. Petersburg uraufgeführt, gehört zu seinen bekanntesten und meist gespielten Werken in dieser Gattung: 1960 entstanden, ist es stark autobiografisch geprägt, ein Dokument seiner Auseinandersetzung mit der repressiven(und unter Umständen für den betroffenen Künstler lebensgefährlichen) stalinistischen Kulturpolitik, die über Jahrzehnte hinweg seine Kariere bestimmte, der ständige Zwang zum Kompromiss(der sich auch in Schostakowitschs widerwilligen Eintritt in die KPdSU niederschlug)und das Hadern mit sich selbst. Dies und mehr erfuhr man von Cellist Lukas Sieber, der sich dankenswerterweise nicht zu schade war, die Programmteile mit kurzen Einführungen zu begleiten.

Offiziell war das Werk „den Opfern von Krieg und Faschismus“ gewidmet, privat aber vom Komponisten selbst als eine Art vorweggenommenes Requiem für sich selbst gedacht – entsprechend seine Grundstimmung einer introvertierten, meditativen und zugleich anklagenden Trauer, die sich auch darin zeigt, dass nicht weniger als drei der fünf pausenlos ineinander übergehenden Sätze mit „Largo“ überschrieben sind.

Dazwischen ein brutales Allegro, in dessen mechanischen Ostinato-Motiven eine erbarmungslose Kriegsmaschine den Bereich der Menschen plattwalzt und ein Allegretto im grotesk-gespenstischen Walzertakt – ein eindrucksvolles Beispiel für die bitter-sarkastische Seelenstimmung seines Schöpfers.

Die bezwingend intensive, die Extreme bis zum letzten auslotende Interpretation des „Aris“-Quartetts demonstrierte eindrucksvoll den ungewöhnlichen künstlerischen Rang des jungen Ensembles, desgleichen nach der Pause ein weiteres Standardwerk der Gattung in Form von Beethovens „Rasumowsky“-Quartett op. 59/1. Mit dem viersätzigen, schon zeitlich umfangreichen Werk beginnt die Epoche der „großen“ Beethoven-Quartette, in denen der Meister sich von den Haydn‘schen Konventionen endgültig emanzipiert und zu einer ganz persönlichen, kühnen und formal grenzsprengenden Sprache findet – im Kopfsatz beispielsweise mit einer ausladenden wie geistvollen, von Ideen bis zum Bersten geladenen Durchführung, die von den Interpreten des Abends mit herrlichem Elan und funkelndem Witz realisiert wurde.

Ausgelassenes Finale

In den rhythmischen Scherzen des folgenden Allegretto schienen eine Schar Kobolde ihr Wesen zu treiben, das dunkel slawisch gefärbte Adagio wurde zu einem ewigen, schmerzlich-expressiven Gesang mit herrlichen Violin- und Cellokantilenen, das ausgelassene Finale über ein russisches Thema krönte den Abend mit elementarer, entfesselter, überbordender Spiellaune.

Für den minutenlang begeisterten Beifall im Roten Saal bedankten sich die „Aris“-Leute – genauer: die beiden Geigerinnen Katharina Wildermuth und Noémi Zipperling, Bratschist Caspar Vinzens und Cellist Lukas Sieber – generös mit ersten Kontrapunkt aus Bachs „Kunst der Fuge“. Thomas Hess

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