Bad Mergentheim

Bürgerforum „Stadtbild“ Serie „Mergentheimer Hausfassaden“ (Folge 15) / Deutschorden-Gymnasium / Architekturstil verbreitete sich ab 1950er Jahren

DOG ist dem Brutalismus zuzuordnen

Archivartikel

Bad Mergentheim.Das Bürgerforum „Stadtbild“ beschäftigt sich heute in seiner Serie „Mergentheimer Hausfassaden“ mit dem DOG am Rande des Weberdorfs.

Im Jahr 1969 wurde das Deutschorden-Gymnasium (DOG) in der Au eingeweiht. Die Planung der Stuttgarter Architekten Kohn und Loges war als erster Preis aus dem Wettbewerb für den Schulneubau hervorgegangen, ein kubisches Gebäude mit Sichtbetonfassade, das in Fachkreisen große Anerkennung fand.

So berichtete ein Professor für Entwerfen, dass er mit seinen Studenten von Würzburg nach Bad Mergentheim fuhr, um das vorbildhafte Bauwerk zu besichtigen. In der öffentlichen Meinung war es zum Teil sicher umstritten.

Der Baukörper ist geradlinig, die pyramidenförmig zurückgesetzten Geschosse verleihen ihm trotz seiner Masse Leichtigkeit.

Das Deutschorden-Gymnasium ist dem Brutalismus zuzuordnen, einem Architekturstil der Moderne, der ab 1950 Verbreitung fand. Wir verwenden das Wort brutal gleichbedeutend mit gefühllos, gewalttätig, beschreibt es Karin Waldhäusl in ihrem Bericht für das Bürgerforum. Im Duden finde man als weitere Bedeutung roh. Tatsächlich leite sich Brutalismus von französisch béton brut (roher Beton, Sichtbeton) ab, mit dem der Architekt Le Corbusier seinen bevorzugten Werkstoff beschrieb.

Der englische Architekturkritiker Reyner Banham prägte 1955 den Begriff und verstand darunter eine Architektur mit dem Anspruch, ehrlich bei Material und Konstruktion zu sein. Der Brutalismus fand ab den 1960er-Jahren bis in die 1980er-Jahre auf allen Kontinenten Verbreitung.

Das Deutschorden-Gymnasium weist typische Merkmale dieses Baustils auf. Tragende Elemente wie Stützen und Unterzüge sind sichtbar und gliedern die Fassade. Unverputzter Beton, dessen Oberfläche die Struktur der Schalbretter abbildet, dient als Gestaltungsmittel.

In den 1990er-Jahre strebten Architekten und Stadtplaner die Wiedergeburt der bürgerlichen Stadt an, der Brutalismus geriet als unästhetisch und verroht in Verruf, auch weil die Fassaden stärker als erwartet durch Schmutz, Algen und Korrosion gealtert waren. Anfang des 21. Jahrhunderts wurde der Brutalismus wiederentdeckt und zahlreiche Bauten unter Denkmalschutz gestellt.

Das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt am Main widmete dem Thema 2017/2018 eine Ausstellung mit dem Titel: „SOS Brutalism – Save the Concrete Monsters!“ Derzeit berichten die Medien über die Frage der Denkmalwürdigkeit des „Mäusebunkers“, dem Tierversuchslabor der Universität Berlin.

Der Zustand der Fassade des Deutschorden-Gymnasium machte in den 1990er-Jahren eine Betonsanierung erforderlich. Die Ausführung wurde dem Baustoff jedoch nicht gerecht. Statt einer optischen Anpassung von Farbunterschieden im Bereich der Reparaturstellen erhielt das Gebäude einen ganzflächigen, eierschalenfarbigen Anstrich. Schon der vergleichsweise kleine Eingriff veränderte das Erscheinungsbild grundlegend.

Auf Anfrage teilte der jetzige Bezirkskonservator des Landesdenkmalamts Hirsch mit, dass seine Behörde zwar im Jahr 2001 die Schule auf deren Denkmaleigenschaft hin geprüft habe, aber zu dem Ergebnis gekommen sei, dass es sich nicht um ein Kulturdenkmal handele.

Zu erwähnen bleibt noch, dass man sich 2016 bei der zum Ensemble gehörenden Sporthalle gegen eine Betonsanierung entschied und sie durch eine beliebige, gestaltlose Stahlhalle ersetzte. kw

Zum Thema