Bad Mergentheim

800 Jahre Deutscher Orden Vierter Teil der Serie über das Bad Mergentheimer Schloss / Hans Heinrich Ehrler im „hoch abgeschlossenen Hof“ / Herausragende Bauleistungen

Die Zeit ist hier fast stehengeblieben

Im Deutschordensschloss scheint die Zeit zum Teil stehen geblieben zu sein. In ihm sind alle Baustile von der Romanik bis zum Klassizismus vereint.

Bad Mergentheim. Als der 1872 in Mergentheim geborene Dichter Hans Heinrich Ehrler nach vielen Jahren seine Heimatstadt wieder einmal besuchte und den Inneren Schlosshof betrat, fühlte er: „Mein Herz wird wieder scheu und gefangen inmitten des ernsten Mauergevierts“. Und in dem „hoch abgeschlossenen Hof“ mit seinen zwei Brunnen unter Standbildern des Hochmeisters Kaspar Stadion und des Komturs Martin Eck erfuhr er „den geheimen Wirkungsreiz aller Ritterbrunnen“. Plötzlich schlug vom Bläserturm die zehnte Stunde in den Hof, und es kam ihm vor, als könnte es „die zehnte Stunde eines Morgens von anno Domini 1725 sein.“

In der Tat. Wer das Schloss betritt, befindet sich mehr in der Vergangenheit, als in der Gegenwart. Es ist ein Ort, in dem die Zeit zum Teil stehen geblieben zu sein scheint. Es gibt Bereiche, die haben sich kaum verändert. Aber es gibt auch viele Verluste, die die Residenz erfahren musste und die sie ärmer gemacht haben.

Der Ausgangspunkt des Deutschordensschlosses war die Wasserburg der Hohenlohe im Bereich des Inneren Schlosshofs. Sie wurde zum Amtssitz der Deutschordensniederlassung (Kommende), nachdem die Brüder Andreas, Heinrich und Friedrich von Hohenlohe dem Ritterorden beigetreten und ihm ihren Besitz übertragen hatten. Dass die Kommende schon im 13. Jahrhundert eine bedeutende Rolle „als repräsentativer Aufenthaltsort für den Deutschmeister und den Hochmeister“ gespielt habe, könne man, so Museumsdirektorin Maike Trentin-Meyer, an den aufwändig gestalteten, gotischen Fensterarkaden ablesen, die im Obergeschoss des Museums ausgestellt sind. Sie schmückten einst die Außenwand des Palasgebäudes, in dem vermutlich Generalkapitel des Ordens stattfanden.

Erschütternde Ereignisse

Der weitere grundlegende Ausbau der Burg erfolgte erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, nachdem der Deutsche Orden 1525 in Folge der erschütternden Ereignisse des Bauernkriegs und der Reformation geschwächt worden war und seinen Hauptsitz provisorisch nach Mergentheim verlegt hatte.

Als Jahrzehnte später die Kommende dann endgültig zur Residenz der Hoch- und Deutschmeister bestimmt worden war, genügte die weiter ausgebaute Ordensburg der Repräsentationspflicht eines reichsfürstlichen Ordensoberen nicht mehr. Man baute allerdings „keine komplett neue Residenz, sondern erweiterte, ergänzte und erneuerte das Vorhandene, so dass wir heute eine Schlossanlage haben, die baugeschichtlich alle Baustile von der Romanik bis zum Klassizismus vorführt“, erläutert Trentin-Meyer das Besondere am Bad Mergentheimer Schloss, das demnach auch gotische und barocke Bauelemente aufweist.

Da in Mergentheim nun die Zentrale des Gesamtordens auf lange Sicht etabliert worden war, war es notwendig, 1568 ein Kanzleigebäude mit Archiv zu errichten, in dem die weit verstreuten Rechte des Ordens, seine Dokumente und Akten aufbewahrt wurden. Dies war der Startschuss für das Entstehen des Äußeren Schlosshofes, wo Gebäude an Gebäude gereiht wurden, um alles unter Dach und Fach zu bringen, was zum alltäglichen Leben eines fürstlich-geistlichen Amtssitzes gehörte: Waffenkammer, Kleiderkammer, Pferdestall, Küferei, Brennerei, Schreinerei, Steueramt, Ochsenstall, Quartier für Zollreiter, Priesterseminar und Getreidescheuer.

Bis 1607 wurden die einzelnen Bauten des Inneren Schlosshofes durch die Schließung einzelner Lücken zu einem geschlossenen Gebäudekranz zusammengefasst, wobei Gebäudeteile und der Bläserturm erhöht wurden. Innerhalb von 40 Jahren waren somit der Äußere und Innere Schlosshof entstanden. 1626 bis ’28 wurde der imposante Hauptportalturm zur Stadt hin, also der Eingang zum Äußeren Schlosshof, errichtet.

Zu den herausragenden Bauleistungen gehört das Treppenmeisterwerk des Blasius Berwart, der den nach ihm benannten Aufgang zum heutigen Deutschordensmuseum 1574 geschaffen hat.

1736 konnte die neu erbaute Schlosskirche geweiht werden, in der die „Verherrlichung des Kreuzes im Himmel und auf Erden“ vor Augen geführt wird.

Bei der Betrachtung der Baugeschichte des Schlosses darf natürlich nicht vergessen werden, dass auch die Innenausstattung eine große Rolle spielte. Davon zeugt heute noch das aus dem frühen 18. Jahrhundert stammende „Götterzimmer“ im ersten Obergeschoss des Deutschordensmuseums mit Figuren aus der antiken Mythologie und üppigem Deckenstuck. Als letzte große Baumaßnahme vor der Säkularisation, also der Aufhebung des Ordens in den Rheinbundstaaten durch Napoleon 1809, wurde der Kapitelsaal in den 1770er Jahren geschaffen. In ihm ist noch ein Hauch der adligen Vergangenheit zu spüren.