Bad Mergentheim

Rotary-Club Bad Mergentheim „Wirtschaftsweiser“ Professor Peter Bofinger sprach im Sparkassenforum

„Deutschland und Europa gut aufgestellt“

Archivartikel

„Deutschland und Europa sind gut aufgestellt“, sagt Prof. Peter Bofinger. Er ist einer der prominenten „Wirtschaftsweisen“ und sprach vor dem Rotary-Club im Sparkassenforum.

Bad Mergentheim. Seit 15 Jahren ist Prof. Peter Bofinger Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung und damit als sogenannter Wirtschaftsweiser tätig. Auf Initiative des Rotary-Clubs Bad Mergentheim sprach er im Sparkassenforum vor mehr als 120 Zuhörern zu den wirtschaftlichen Herausforderungen im Jahr 2019.

Bofinger machte dabei deutlich, dass Deutschland viel besser da stehe, als es manche Medienberichte vermuten ließen. Er begründete dies mit den guten Wirtschaftsdaten. Diese würden belegen, dass die letzten fünf Jahre gut gewesen seien, denn das Wirtschaftswachstum betrage bereits seit dem Jahr 2010 rund zwei Prozent pro Jahr.

Problem Fachkräftemangel

Auch der Arbeitsmarkt funktioniere sehr gut, nicht zuletzt auch durch die Integration von ausländischen Arbeitnehmern. Vielmehr habe man das Problem des Fachkräftemangels, insbesondere in der Bau- und in der IT-Branche.

„Wir haben rund 50 Milliarden Jahresüberschuss in den Kommunen und die Inflationsrate beträgt wie gewünscht um die zwei Prozent. Das sind gute Kennzahlen“, machte Prof. Bofinger deutlich.

Deutschland habe es außerdem verstanden, sich auf die Globalisierung und Digitalisierung einzustellen. Insbesondere die großen, aber auch kleine und mittlere Unternehmen seien im Weltmarkt angekommen und eroberten diesen als sogenannte „versteckte Champions“.

Nicht verschweigen wollte der Referent, dass der Aufschwung derzeit etwas ins Stocken gerate, allerdings sehe er dieses Problem als temporär an. Hauptursache seien momentan die Verwerfungen in der Automobilindustrie, die er allerdings als lösbar betrachtet.

Im Referat von Bofinger wurde klar, dass manche sich darum sorgen, ob es zu einem Abriss des Aufschwungs ähnlich wie im Jahre 2008 kommen könnte. Die möglichen Probleme seien beispielsweise eine „Überhitzung“ der Löhne, ein Anstieg der Inflationsrate und ein Anheben der Leitzinsen durch die Notenbanken, was eine typische Wachstumsbremse darstelle.

Anzeichen hierfür sieht Bofinger allerdings nicht. Er bekannte sich scherzhaft als „Fan“ des Präsidenten der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi. Dieser mache seit Jahren eine expansive Geldpolitik, die für die Wirtschaft positiv sei. Dies laufe bei den europäischen Weltmarktführern besser als in den USA, Großbritannien oder China. Bofinger sieht es als realistisch an, dass Präsident Trump die Zollkriege fortführt. Zurzeit deutete allerdings nichts auf eine Verschärfung hin, ein Waffenstillstand mit dem Euroraum sei wahrscheinlicher, wie das Treffen zwischen Jean-Claude Junker und Trump gezeigt habe.

Das „Euro-Problem“ mit Italien sieht Bofinger gelassen: Es sehe so aus, als ob die italienische Regierung einlenke und die Konfrontation mit der EU bröckele. Eine Euro-Krise sei dies nach Ansicht des Wirtschaftsweisen nicht.

Der Brexit dagegen sei kompliziert, machte der Referent deutlich. „Es ist wie eine Amputation eines gesunden Beines, weil man meint, mit einer Prothese besser laufen zu können“, beschrieb Bofinger das Verhalten der Briten. Derzeit stocke der Brexit verständlicherweise: Nach dem Brexit würde sich für Großbritannien nicht viel ändern, es dürfe dann nur nicht mehr mitreden. „Das will natürlich kein englischer Politiker und erklärt die historische Niederlage von Theresa May in der letzten Woche“, erläuterte Professor Bofinger.

Große Chancen

Die großen Chancen für Deutschland und Europa liegen nach Einschätzung Bofingers darin, dass Europa gemeinsam auftreten und handeln muss. Europa müsse stark bleiben und vielleicht noch etwas zulegen. Im Extremfall ginge dies auch ohne Großbritannien, vielleicht sogar ein bisschen besser als mit dem Inselstaat, der sich in der Vergangenheit oft als Bremsklotz erwiesen habe. Man müsse insgesamt die Globalisierung leben und den Protektionismus wie er von manchen Ländern – allen voran den USA – angestrebt werde, vermeiden. Dann sieht Bofinger auch für das Wirtschaftsjahr 2019 gute Chancen für Europa und natürlich auch für Deutschland.

Zum Abschluss mahnte der Redner, dass man bei allen globalen Überlegungen die Infrastruktur nicht vergessen dürfe. Überschüsse sollten nicht zur Schuldentilgung verwendet werden, sondern in die Infrastruktur, insbesondere in die Bildung und den Straßenbau, investiert werden.

Im Anschluss würdigte die Präsidentin des Rotary-Clubs Bad Mergentheim Ursula Schulte-Schlingmeyer gemeinsam mit dem Vorstandsvorsitzenden der Sparkasse Peter Vogel den strukturierten und hochinformativen Vortrag. TJH