Bad Mergentheim

Bürgerforum „Stadtbild“ Serie „Mergentheimer Hausfassaden“ (Folge 9) / Mittelstandszentrum Tauberfranken / Früher standen hier die Süddeutschen Hammerwerke

Der kurverträgliche, „saubere“ Fabrikbetrieb

Archivartikel

Im Jahr 1969 wurden die Süddeutschen Hammerwerke stillgelegt. Lange war unklar, was in der Johann-Hammer-Straße passiert, dann kamen das Mittelstandszentrum und die Mall.

Bad Mergentheim. In einer ehemaligen Lohmühle, in den damals noch unbesiedelten Herrenwiesen, hinter dem im Jahr 1869 in Betrieb genommenen ersten Bahn- und Güterbahnhof von Mergentheim, begann im Jahr 1887 Johann Hammer (1846-1926) mit der serienmäßigen Produktion von Stielen aus Holz für Werkzeuge von Bauern und Handwerkern. Der Grund für die Standortwahl: die Wasserkraft. Die durch das Grundstück fließende wasserreiche Wachbach, auch heute noch im alten Bachlauf zu sehen, trieb über ein großes Wasserrad Sägen, Drehbänke und Fräsen an.

Das Betriebsgelände erweiterte sich – laut dem Bericht von Prof. Dr. Hansjörg Brombach im Rahmen der Serie „Mergentheimer Hausfassaden“ – mit anhaltendem Erfolg der Firma auf etwa 1,5 Hektar Größe. Am Ende der Frühling-Straße, heute Johann-Hammer-Straße, stand 1920 das Hauptfabrikgebäude und drum herum die Dampfmaschinenhalle, Sägerei, Schlosserei, das Holzlager und diverse Schuppen. Davor erhob sich das prächtige Wohn- und Bürohaus „Hammervilla“, die es heute leider nicht mehr gibt.

In der Nacht vom 11. November 1931 um 18.45 Uhr begann es aus ungeklärten Gründen auf dem Werksgelände zu brennen und auch das dreistöckige Hauptgebäude der Hammerwerke, in dem Tennisschläger und Hockeystöcke hergestellt wurden und in großen Mengen gestapelt lagen, ging in Flammen auf.

Der Freiwilligen Feuerwehr fehlten anfangs die Kraftfahrspritze und Schläuche und es dauerte bis 23 Uhr um das Feuer unter Kontrolle zu bekommen. Die gesamte Fabrikation musste danach eingestellt werden und etwa 150 Arbeiter wurden erwerbslos, aber nur für acht Tage, denn man richtete Noträume ein, und die Arbeit ging weiter.

1931 war die Weimarer Republik in der Endphase, auch in Mergentheim gab es Unruhen, es herrschte die Weltwirtschaftskrise, und in Deutschland gab es sechs Millionen Arbeitslose. Trotz der schweren Zeit beschloss der nun in zweiter Generation tätige Sohn Johann Hammer (1881-1953) den sofortigen Wiederaufbau.

„Ein Feuer wurde mein Retter“

Schon zum Jahresende 1931, also nur knapp sechs Wochen nach dem Brand, reichte der Architekt Reinhold Haag aus Schorndorf das Neubaugesuch bei der Stadt ein. Die Bauleitung übernahm der damals an der Technischen Hochschule Stuttgart frisch diplomierte und vor der Arbeitslosigkeit stehende 22-jährige Fritz Leonhardt. Er schreibt in seinen Erinnerungen von 1984: „Ein Feuer wurde mein Retter – in Bad Mergentheim brannten die Süddeutschen Hammerwerke ab. Durch einen Zufall konnte ich vom Architekten die Bauleitung bekommen. Nebenher machte ich die Statik und Bewehrungszeichnungen für die örtliche Baufirma Friedrich Jag“.

Die Originale der Neubauakten mit den Original-Unterschriften von Haag, Leonhardt und Jag sind im Archiv des Bauamts Bad Mergentheim aufbewahrt. Der Neubau erfolgte im Jahr 1932, und die Produktion der nun „Süddeutsche Hammerwerke“ genannten Firma lief 1933 wieder auf vollem Tempo.

Leonhardt (1909-1999) wurde später der wohl berühmteste deutscher Bauingenieur. Er baute 1956 in Stuttgart den ersten Stahlbeton-Fernsehturm der Welt und danach hunderte von Türmen, Brücken, in unserer Region zum Beispiel die Kochertalbrücke der A 81, und 1972 zusammen mit Frei Otto das Zeltdach für das Olympia-Stadion in München. Er wurde zum Professor an die Universität Stuttgart berufen (1958-1974) und war von 1967 bis 1970 während der Studentenunruhen sogar der Universitätsrektor (Magnifizenz).

Das Hauptgebäude in Bad Mergentheim wurde im Jahr 1932 auf dem alten Grundriss völlig neu aufgebaut und auf vier Stockwerke erhöht. Der Architekt Haag übernahm Stilelemente der damals aktuellen Architektur der Klassischen Moderne (1910-1933), die die Wurzeln im 1919 von Walter Gropius gegründeten Bauhaus hat. Die zur Zufahrt in der Johann-Hammer-Straße gerichtete schmale Vorderseitenfassade, aber auch die zum Bahnhof gerichtete lange Fassade, sind streng symmetrisch gestaltet, siehe das Foto von 1933.

Pünktlich zur Arbeit?

Der Treppenhausturm an der Vorderseite trägt wieder, wie der Vorgängerbau auch schon, ganz oben eine große Uhr. Ein Zeichen, pünktlich zur Arbeit zu kommen?

Die Süddeutschen Hammerwerke waren danach sehr erfolgreich. Sie produzierten Tennisschläger, Hockeystöcke, Wurfspeere, Rodelschlitten, Skier, Faltboote, Zelte, Gartenmöbel und waren bei Sportlern sehr bekannt und beliebt. Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, seit 1926 trug Mergentheim die Bezeichnung „Bad“, waren die Hammerwerke mit nahezu 300 Mitarbeitern der größte Fabrikbetrieb in der Kurstadt, und dazu eine „kurverträgliche und saubere Industrie“.

Im Jahr 1952 feierten die Süddeutschen Hammerwerke das 65. Jubiläum, die gesamte Produktion war auf den Rohstoff Holz ausgelegt. Aber ab den 60er Jahren eroberten die neuen Kunststoffe nach und nach den Sportartikelmarkt. Die Hammerwerke gerieten in wirtschaftliche Schwierigkeiten und suchten nach Partnern aus der Kunststoffindustrie. Aber das gestaltete sich schwierig, eine Partnerschaft mit einer Komplementärfirma scheiterte und 1969 wurden die Hammerwerke stillgelegt.

Lange war ungewiss, wie es mit der Liegenschaft und den Gebäuden weitergeht. Dann wurde 1990 die Steinbeis-Stiftung für Wirtschaftsförderung mit Sitz in Stuttgart, Gründungsjahr 1869, Eigentümerin der Liegenschaft. Sie ließ einen Teil der Anbauten abbrechen und begann 1991 mit dem Umbau und Neubau des Eingangs- und Foyerbereichs. Und Büros wurden zu Seminarräumen umgestaltet, die Betreibergesellschaft Mittelstandszentrum Tauberfranken GmbH wurde schließlich Mieter.

Gründerzentrum und Hochschule

Das Mittelstandszentrum ist bald ein erfolgreiches Dienstleistungs- und Gründerzentrum unserer Region, und der Platz wird knapp. 2010 wurde vor dem Hauptgebäude der ehemaligen Süddeutschen Hammerwerke ein vom Architekturbüro Obinger aus Schwäbisch Hall entworfener moderner fünfstöckiger neuer Gebäudeblock gesetzt, siehe weiteres Foto.

Wie schon 1932, ist die Fassade wieder streng symmetrisch gestaltet. Das gesamte Gebäude wird vom Mittelstandszentrum Tauberfranken verwaltet, hat Seminarräume für die Duale Hochschule (DHBW) und Unternehmergründer.

Der Gebäudekomplex Mittelstandszentrum mit den dahinterliegenden ehemaligen Süddeutschen Hammerwerken prägen heute die Zufahrt zur Mall, zum neuen „Activ-Center“. bfs

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