Bad Mergentheim

Amtsgericht Bad Mergentheim Prozess wegen schwerer Körperverletzung / Opfer hatte keine Anzeige erstattet

Der Freundin Teil der Nase abgebissen

Archivartikel

Wegen schwerer Körperverletzung musste sich ein 30-jähriger Mann aus dem Altkreis Bad Mergentheim vor dem Amtsgericht verantworten.

Bad Mergentheim.Bei einem eskalierenden Streit mit seiner Freundin S. Ende Januar 2020 war R. dermaßen, in Rage geraten, dass er ihr unbeherrscht ins Gesicht biss – mit der dramatischen Folge, dass der jungen Frau dadurch ein Teil ihrer Nasse abgetrennt wurde. Aufgrund der gravierenden Folgen wurde der ledige Elektroniker von der Staatsanwaltschaft von Amts wegen der schweren Körperverletzung bezichtigt, auch wenn S. damals gegen ihren Freund keine Anzeige erstattet hatte.

Bei einem derartig gravierenden Tatbestand sind gemäß Strafgesetzbuch nicht eine Anzeige sowie die Art und Weise der Handlung durch die geschädigte Person für eine Anklageerhebung durch die Staatsanwaltschaft ausschlaggebend, sondern erfolgt durch diese aufgrund der Schwere der Körperverletzung sowie der absehbaren Verletzungsfolgen und Spätfolgen bei dem Opfer. Dies gilt zum Beispiel bei teilweisem oder gänzlichem und dauerhaftem Verlust eines wichtigen Körperglieds, wobei die Gesundheitsschädigungen nicht zwingend irreversibel sein müssen, um den Grad der Schwere zu begründen.

In Betracht gezogen werde allerdings die ebenfalls absehbar langwierigen Behandlungsmaßnahmen und Heilungsprozesse zur plastischen Wiederherstellung des verlorenen Nasenteils durch einen gesichts-chirurgischen Operationseingriff als auch dauerhaft verbleibende Narben an entsprechenden Stellen im Gesicht der Geschädigten, erläuterten sowohl der Staatsanwalt in seinem Anklageplädoyer als auch Richterin Susanne Friedl im Laufe der Verhandlung und abschließend erneut in der Urteilsbegründung.

Es sei an diesem Tag immer wieder zu heftigem Streit gekommen, so dass er am Abend seine Freundin aus seiner Wohnung habe verweisen wollen, berichtete der Angeklagte, der seine Tat von jeher eingestanden hatte. Er bereue das Geschehene zutiefst. „Ich wollte sie an diesem Abend nur weghaben, aber ihr auf keinen Fall weh tun oder sie verletzen“, beteuerte R. vor Gericht. „Ich kann es noch heute kaum glauben, was damals passiert ist, und komme selber nur sehr schwer damit zurecht“. Er könne sich lediglich an wenige Minuten und Momente nach der Tat erinnern, was im Anschluss geschehen sei. „Sie ist weggerannt, sonst hätte ich versucht, ihr zu helfen und alles zu machen“, schilderte er aus seiner Sicht.

Von Medikamenten abhängig

Zudem räumte der 30-Jährige ein, dass er rund zwei Jahre lang von Medikamenten abhängig gewesen und mehrmals rückfällig geworden sei. Andererseits habe ein Psychiater bei Gesprächen nach den Geschehnissen geäußert, dass er keine Therapie anbieten könne und die Tat eine Affekthandlung im Streit gewesen sei. Laut Aktenlage sei eine Opiatabhängigkeit als wahrscheinlich festgestellt worden, unterstrich Richterin Friedl. Und zwar, dass R. nicht nur „Gras“, sondern Medikamente oder Rauschgift als Betäubungsmittel konsumiert habe.

Nicht mehr eindeutig feststellen lasse sich hingegen, ob der Angeklagte oder die Geschädigte während der Eskalation des Streits sowie zum Tatzeitpunkt unter Einfluss von Alkohol, Medikamenten, Rausch- oder Betäubungsmittel gestanden habe. Zumindest hätten Untersuchungen zwar gewisse, jedoch nicht wesentlich erhebliche Werte ergeben, zumal beide nicht offensichtlich unter Betäubungsmitteleinfluss gestanden seien.

Es müsse eine enorme Portion Aggression, Härte und Kraft im Spiel gewesen sein, dass der Beschuldigte seiner Freundin sogar einen Teil ihrer Nase abgebissen habe, gaben der Staatsanwalt und die Richterin zu bedenken. Insofern und aufgrund der Schwere der Verletzung, sei davon auszugehen, dass eine gewisse Absicht zu einer Gewalthandlung gegeben gewesen, wobei eine Tat aus Notwehr auszuschließen sei, betonte der Staatsanwalt.

Wieder liiert

„Ich weiß nicht mehr, warum und worüber wir gestritten haben“, berichtete die Geschädigte, die zugleich als Zeugin vor Gericht auftrat. „Wir verstehen uns eigentlich recht gut. Auch wenn wir für eine Zeit getrennt waren und ich mittlerweile bei meinen Eltern wohne, sind wir inzwischen wieder liiert“. Möglicherweise seien damals Alkohol und Medikamente im Spiel gewesen. Allerdings sei ihr Freund zuvor niemals gewalttätig gegen sie geworden.

Den Freund geschützt

Der Polizei gegenüber, die aufgrund eines Notrufs auf den Streit aufmerksam geworden und zum Einsatzort ausgerückt sei, habe die junge Frau sogar versucht, ihre schwere Verletzung auf andere Weise zu erklären, um ihren Freund zu schützen, bevor dieser seine Tat eingestand, beschrieb der als Zeuge geladene Polizeibeamte, der an diesem Abend zuständig gewesen war.

Zwar habe der Angeklagte seine Tat eingestanden sowie glaubhaft seine Reue eingestanden und sich bei der Geschädigten entschuldigt, allerdings plädierte der Staatsanwalt wegen der Schwere der Tat und der dabei dem Opfer zugefügten Verletzungen für den Tatbestand einer nicht nur leichten oder gefährlichen, sondern schweren Körperverletzung. Dementsprechend forderte er eine Haftstrafe von einem Jahr und vier Monaten auf dreijährige Bewährungsfrist sowie einen Täter-Opfer-Ausgleich und ein Schmerzensgeld in Höhe von 1000 Euro.

Das Schöffengericht und Richterin Suanne Friedl folgten weitgehend diesem Antrag und damit nicht dem des Verteidigers, der dafür plädiert hatte, von einer Verurteilung wegen schwerer Körperverletzung abzusehen.

Ein Jahr und vier Monate Freiheitsentzug, ausgesetzt zur dreijährigen Bewährung, zudem ein Schmerzensgeld von 1000 Euro, lautete das Urteil. Darüber hinaus wurde dem Angeklagten auferlegt, sich gleichsam für drei Jahre einer Bewährungshilfe zu unterstellen und 80 Stunden soziale Arbeit bei einer zuständigen Institution abzuleisten. Diese Arbeitsstunden könnten, sofern sie sich nicht mit seinem Beruf vereinbaren ließen, gegebenenfalls in eine Geldauflage umgewandelt werden. Zusätzlich riet das Gericht dem Verurteilten dazu, sich einer Suchttherapie zu unterziehen.

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