Bad Mergentheim

Nach 14-tägigem Kampfeinsatz Günther Deeg aus Althausen entging der Kriegsgefangenschaft und kehrte unversehrt in sein Heimatdorf zurück

„Der eingedrillte Hitlergruß war mir recht peinlich“

Archivartikel

Bad Mergentheim.Nach einem etwa 14-tägigen Kampfeinsatz der Kampfgruppe Moritz – ab Würzburg den Main aufwärts – holten uns die Amis drei Tage nach Ostern aus unseren zur Verteidigung gegrabenen Erdlöchern. Im nahen Kleinlangheim und Wiesenbronn östlich von Kitzingen hatte man gerade das Osterfest gefeiert mit Kirchgang und Glockengeläut, wie in friedlichster Zeit. Mit diesem widersprüchlichen Bild wurde mir mit einem Mal die Sinnlosigkeit unserer Situation und unseres Auftrags bewusst. Die gepanzerte, auf uns zu und an uns vorbeirollende Übermacht bewirkte nur noch eine allgemeine Niedergeschlagenheit.

In endlosen Fahrzeugkolonnen wurden die deutschen Kriegsgefangenen, darunter auch ich, aus den Kampfgebieten am Spessart, Main und Steigerwald umgehend westwärts abtransportiert.

Mir war klar, dass eine Flucht aussichtslos sein würde, wenn der Rhein überquert ist. Die große Chance bot sich jedoch im Odenwald, – Glück oder Zufall – als die Kolonne aus irgend einem Grund abriss und unser Truck unverhofft das letzte Fahrzeug war. „Spring doch, wenn du Mumm hast“, provozierten mich ältere Landser auf der vollgepferchten Pritsche, als ich mich an den Rand vordrängte. Ich sprang, nach mir mein Kumpel Heinz, mitten in dem Örtchen Rehbach bei Michelstadt. „Wenn ihr nicht geschnappt werden wollt“, riet uns dort ein Älterer, „müsst ihr hinauf auf die Höhen, hier unten im Tal habt ihr keine Chancen. Die Ami kontrollieren alles und bewachen jede Brücke“. Dasselbe hatten wir schon unterwegs, auf unserem Abtransport über die Siegfried- und Nibelungenstraße festgestellt (heute B 27 und 47). Keine Stunde später waren wir dann auch auf dem Weg hinauf auf die Berghöhen. Binnen kürzester Zeit hatte uns zuvor ein gütiges Mütterchen noch Zivilklamotten besorgt und unserem grausigen Durst abgeholfen. Das war am 12. April. Fünf Tage später war ich zu Hause im alten Schulhaus von Althausen.

Glück oder Zufall? Von unserem Fluchtort im Odenwald verläuft die Wasserscheide zwischen Main und Neckar bis in den Taubergrund. Niemals mussten wir daher auf unserem Rückzug ein ausgeprägtes Tal oder einen größeren Fluss queren. Mit äußerster Umsicht – viele Ortschaften waren ja amerikanisch besetzt – näherten wir uns unterwegs einem Dorf oder bevorzugt einem Einzelhof, um nach einem Bissen oder einem Nachtquartier im Heuschober zu fragen. Meine letztmalige Verwendung des mir eingedrillten und gewohnten Hitlergrußes war mir in einem solchen Fall zu Beginn unseres Marsches recht peinlich. Für mich das erste Symptom einer anderen Zeit. Glück oder Zufall? In der Gegend des Seehofes stand plötzlich, keine 50 m entfernt, eine amerikanische Militärpatrouille vor uns, als wir auf eine Waldlichtung heraustraten. In diesem Moment aber suchten die drei Amis mit ihren Feldstechern gerade das Gelände in der Gegenrichtung ab. Die alten Kommissschuhe bewährten sich spontan als beste Rennschuhe. Das auf einem Hügel abseits stehende Althäuser Schulhaus war frei, das Dorf aber von den Amerikanern besetzt. Für die Bevölkerung galt, wer einen deutschen Soldaten begünstigt, wird hart bestraft. Noch herrschte ja der Kriegszustand. Meine Schwester, die am Fenster stand, erschrak fürchterlich, als zwei zottelige Gestalten über die Friedhofsmauer kletterten und vorsichtig ans Schulhaus heranschlichen. Ihr Minenspiel bleibt mir unvergessen, als sie mich erkannte. In der Holzbalkendecke des Dachbodens habe ich aus einem Balkenfach den Schutt weggeräumt und die Bodenbretter zu einem Deckel vernagelt. In diesem Schlupf habe ich mich versteckt, wenn sich Patrouillen dem Haus näherten.

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