Bad Mergentheim

Leserbrief Zur Zuschrift „Sage gehört nach Edelfingen“, (FN, 4. März) / Buch-Neuerscheinung zur „Theobaldskirche“

Den Orts-Ruhm brüderlich teilen

Archivartikel

Eine üble Geschichte! Man leidet regelrecht mit Leserbriefschreiber Werner Mies, den durch die Wiederveröffentlichung des Büchleins „Die Gründung der Theobaldskirche“ von Ottmar Schönhuth als einem echten Edelfinger „ein Stich ins Herz“ getroffen hat, hat doch ein evangelischer Pfarrer 1857 den Edelfingern ihre Geschichte geraubt und frecherweise den Balbachern zugeschlagen.

Nun ist das mit historischen Erzählungen so eine Sache. Sie spielen auf unterschiedlichen Ebenen. Es gibt die Jetztzeit, also unsere Gegenwart im Jahr 2020, in der wir die Geschichte lesen; es gibt die „erzählte Zeit“ im späten Mittelalter, also die Zeit, in der die geschichtlichen Ereignisse angesiedelt sind, und es gibt im vorliegenden speziellen Fall die „Erzählzeit“, also die Zeit, in der die Geschichte geschrieben worden ist. Leserbriefschreiber Mies liest die von Schönhuth 1857 veröffentlichte Erzählung auf unsere Gegenwart hin.

Die Frage müsste vermutlich lauten: Wie waren die Verhältnisse (Entfernungen) im Mittelalter? Wer es genau wissen will, muß sich in historische Karten vertiefen. Unter www.leo-bw.de kann er sich gern daran versuchen.

In einer wissenschaftlichen Untersuchung zu den geschilderten Vorgängen müßte man ziemlich tief einsteigen, einmal ganz davon abgesehen, dass Schönhuth keine fußnotengespickte wissenschaftliche Ausarbeitung vorlegen wollte. Schließlich war er auch nicht Augenzeuge, wenn er etwa die Unterhaltungen wortwörtlich wiedergibt.

Ich bin kein Ortshistoriker, will es auch nicht sein, aber soweit ich es überblicke, stammen handfeste Dokumente zur Theobaldskapelle aus späterer Zeit. „Auf der Heineburg Ruine einer gotischen Wallfahrtskapelle, 1684 Wallfahrtskapelle St. Theobald genannt. Auf dem Friedhof steinernes Kruzifix von 1580“, liest man.

Auch was beispielsweise den Protagonisten der Geschichte, Gottfried von Hohenlohe, betrifft, ergeben sich Fragen. Was wissen wir über ihn?„Zeitlich kämen mehrere Gott friede in Frage, mit einer Gräfin von Wertheim war wiederum ein anderer Gottfried verheiratet. Ich vermute am ehesten, dass es sich um einzelne Überlieferungen verschiedener Personen handelt, die in einer zusammengefasst wurden. Man müsste sich aber näher damit befassen und die genealogischen Forschungen, die es darüber gibt, durchsuchen, um Genaueres sagen zu können“, hat mir seinerzeit das Hohenlohe-Zentralarchiv in Neuenstein auf meine diesbezügliche Anfrage hin mitgeteilt.

Also, der Vorhang zu und weitaus mehr Fragen offen, als die, die Leserbriefschreiber Mies umtreiben.

Vielleicht verfahren wir einfach so: Wir nehmen die Erzählung, wie sie Schönhuth in seinem Sammelband 1857 genannt hat, nämlich als eine der „Sagen und Geschichten aus Hohenlohe“, und die Edelfinger teilen sich den Ruhm brüder- und schwesterlich mit den Balbachern. Eins mag uns trösten: Wer historische Erzählungen liebt, wird nach der Lektüre nicht enttäuscht sein. Und wer will, kann ja jederzeit die Ruine besuchen. Eine Wegbeschreibung dorthin, nach Öttelfingen, Pardon: Edelfingen hat Leserbriefschreiber Mies dankenswerterweise geliefert.

Das Bändchen ist nach wie vor lieferbar und ist im örtlichen Buchhandel erhältlich.

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