Bad Mergentheim

Serie über Selbsthilfegruppen in der Region „Schmerz-Management“ / Medikamente lindern, aber heilen nicht

„Das Leiden ist immer individuell“

Archivartikel

Er ist irgendwann da – und bleibt und sorgt so für Leid: der Schmerz. Die Ursache ist oft unklar, die Folge beschäftigt Betroffene und Ärzte oft Jahre, ja Jahrzehnte.

Bad Mergentheim. Alle kennen ihn, alle haben ihn schon mehr oder weniger oft gespürt: Der Schmerz ist ein ständiger Begleiter des Menschen. Ein kleiner Schnitt in den Finger beim Zwiebelschneiden, umknicken des Fußgelenks beim Sport, aber auch schwerwiegendere Verletzungen durch Unfälle oder Erkrankungen – der Körper meldet dies alles über die Nerven ans Gehirn, und das sagt: „Schmerz!“

Normalerweise bleibt der Schmerz nur für kurze Zeit. Ist die Wunde verheilt, der Knochenbruch wieder zusammengewachsen oder das Gelenk wieder funktionsfähig, ist der Schmerz in der Regel nur noch eine Erinnerung. Doch es gibt Menschen, denen bleibt er erhalten. Über eine lange Zeit, über Wochen, Monate und Jahre. Nicht immer können Ärzte so weit helfen, wie sie es – und natürlich auch die Patienten – wünschen und wollen. Die Betroffenen müssen lernen, mit dem ständigen Begleiter umzugehen. Dafür gibt es viele Wege und individuelle Erfahrungen. Grund genug also für eine Selbsthilfegruppe.

Die Selbsthilfegruppe „Schmerz“ besteht erst seit knapp sechs Monaten – gegründet wurde sie im November vergangenen Jahres. Die Initialzündung war eine „Schmerzwerkstatt“ mit Ärzten und Patienten.

Die Bad Mergentheimer Gruppe trifft sich einmal im Monat im Hotel „Bundschu“ im Weberdorf und „wir sind immer zwischen zwölf und 15 Personen“, erklärt Waltraud Krämer, die zusammen mit Susanne Karner die Gruppe leitet. Selbstredend sind auch sie betroffen, beide haben eine langjährige Schmerz-Karriere hinter sich.

Wer kommt zu den Treffen? „Frauen und Männer, aber auch Angehörige, Freunde, Lebens- und Ehepartner“, sagt Karner. Und ja, das sei wichtig, denn „der Umgang mit dem Schmerz und den Betroffenen braucht Wissen und Verständnis, und die Schmerzgeplagten brauchen Unterstützung aus dem direkten Umfeld“, betont Krämer. Die Ursachen für die ständigen Schmerzen „sind immer individuell. Es kann ein Unfall sein, eine OP nach einer Erkrankung, es liegt teilweise Jahrzehnte zurück“, verdeutlicht Karner. Und oft sei die Ursache „einfach unklar“.

Gesunde, schmerzfreie Menschen „können es sich nicht vorstellen“, sagen die Gruppenleiterinnen. Doch der Schmerz „begleitet dich den ganzen Tag, er ist einfach immer da“, weiß Karner. Wie es sich anfühlt? „Schmerz wird sehr individuell empfunden. Es kann ein Bohren, Drücken, Stechen oder Klopfen sein. Und es ist, wie gesagt, einfach immer da. Es ist ein Leiden“, sagt Krämer.

Ob Therapien helfen? „Es gibt verschiedenste Therapien, aber Betroffene reagieren ganz unterschiedlich darauf. Auch auf Medikamente“, erklärt Karner. Die zur Zeit teilweise heftig geführte Cannabis-Debatte hält sie für übertrieben; „Cannabis ist ein Hype und keine generelle Lösung“, macht Karner deutlich. Soll heißen: Es kann zwar, muss aber nicht helfen, besser mit dem Schmerz klarzukommen. Und ganz generell müsse man über Medikamente wissen, „dass sie den Schmerz zwar lindern, aber eben nicht verschwinden lassen können“. Zudem handle es sich ja häufig um „mehrere Erkrankungen, die ja oftmals in Folge auftreten. Das ist auch immer wieder ein Thema bei unseren Treffen“, berichtet Krämer.

Ein Lob spenden die beiden Gruppenleiterinnen der Versorgung in der Region – egal, ob in Praxen oder in Kliniken. „Das sagen unsere Teilnehmer bei jedem Treffen“, erklärt Krämer. Die müssen es wissen, denn „wir alle sind ja in Behandlung“.

„Schmerzpatienten wollen eigentlich nur einen ganz normalen (Arbeits-)Alltag, und auch die Lebensfreude gehört dazu“. Sich verstecken im „Schmerz-Schneckenhaus, das ist keine Lösung“, sagt Karner. Und so ist die Selbsthilfegruppe ein „idealer Ansatz“: Unter Betroffenen (und davon mitbetroffenen Angehörigen beziehungsweise Freunden) zu sein, sich auszutauschen und die jeweiligen Erfahrungen anderer kennenzulernen, „das hilft beim Umgang mit dem ganz persönlichen Leiden“, sagen die beiden Frauen unisono.

Themen sind der ganz persönliche Umgang mit dem Schmerz, Therapieansätze, Erfahrungen mit Ärzten und „ganz normale Alltagsprobleme“, auch über den Schmerz hinaus. Ein wichtiger Punkt dabei ist, „dass man in der Gruppe nicht erklären muss, dass man leidet, denn bei uns geht es allen so“, macht Krämer deutlich. Denn es ist schon so, „dass Außenstehende oft Zweifel haben“. Und der ist ein zweiter ständiger Begleiter.

„Du schaust doch gut aus, gehst arbeiten, bist aktiv und gerne unterwegs. Was tut dir denn weh?“ werde oft gefragt. „Das ist nicht mal böse gemeint, die Leute kennen das Problem nicht. Gesunde können es sich halt auch nicht vorstellen“, verdeutlicht Karner. Kurzum: „Wir machen in ’Schmerz-Management’, und das ist ein weiter Bereich“, weiß Krämer. „Es gibt keinen kleinen oder großen Schmerz, jeder Schmerz ist persönlich und muss ernst genommen werden“, ergänzt Karner.

Tipps und Anregungen motivieren die Gruppenteilnehmer, ebenso wie ganz praktische Hinweise. „Lebenspraktisches“, sagt Krämer und nennt als Beispiel das Verfahren zur Anerkennung einer Schwerbehinderung. „Muss man ja erstmal wissen.“

Die Altersspanne der Teilnehmer ist überraschend: „Wir sind zwischen 35 und 80; der einzige bedeutende Unterschied ist neben dem jeweils individuellen Schmerz und dem Umgang damit die Frage ’akut’ oder ’chronisch’ – deshalb sind auch alle Interessierten an der Gruppenarbeit willkommen“, betont Krämer. Und, gleichfalls wichtig: „Was bei uns besprochen wird, das bleibt im Raum, also unter uns“, sagt Karner. Was die Teilnahme ebenfalls interessant macht, ist die gute Atmosphäre. „Das geht über die Treffen hinaus, es haben sich schon echte Freundschaften entwickelt. Mitmachen lohnt sich!“, betonen Waltraud Krämer und Susanne Karner.