Bad Mergentheim

Das Leiden erdulden?

Die Grundfrage aller Religionen ist die, nach dem Umgang mit Leiden im Leben. Im Buddhismus gilt es die falschen Anhaftungen und Illusionen zu überwinden, da die Ursache des Leidens Gier, Hass und Verblendung sind. Das Christentum geht hier im Gespräch mit der jüdischen Tradition einen Weg zur Überwindung des Leidens, der durch das Leiden hindurchführt. In der nun beginnenden Karwoche erinnern wir uns an das Leiden Jesu, und vergegenwärtigen es in den leidenden Menschen unserer Zeit. Jesus verfolgt die erkannte Wahrheit, dass Güte und Barmherzigkeit stärker sind als Despotie und Unterdrückung, als Ungerechtigkeit und Vorteilsnahme. Insofern ist das Kreuz Protest gegen das Leiden Unschuldiger. Das Kreuz zeigt aber auch, dass Leiden Bestandteil unseres Lebens ist und die Kernfrage auch des Christentums: Wie gehen wir mit Leiden um, das uns das Leben zumutet? Zwei Diskussionen dieser Tage zeigen die Frage danach, was Leben ist und ausmacht? Was geschieht, wenn Eltern wissen, dass ihr Kind mit Trisomie 21 geboren wird? Ist es der Beginn einer unbarmherzigen Optimierung des Menschen mit ungeahnten Auswirkungen? Die Zwanzigjährige Natalie Dedreux setzt sich für Aufklärung ein: „Das Down-Syndrom ist ja auch keine Krankheit, sondern etwas Besonderes, und wir sind auch nicht krank.“ Jetzt in der kommenden Karwoche wird sich das Bundesverfassungsgericht mit dem Thema Sterbehilfe beschäftigen. Patienten, Mediziner und Sterbehilfevereine klagen gegen die 2015 beschlossene Gesetzgebung, die Ärzte strafrechtlich bedroht, wenn sie Selbsttötung fördern. Todkranke Patienten wiederum sehen ihr Recht auf Selbstbestimmung beschränkt. „Muss ein Mensch so leiden?“, „das hat er nicht verdient“, „Ich bin eine Zumutung für Andere“, „Das ist unmenschlich“, so empfinden es Sterbenskranke und Angehörige oft. Es ist immer eine Auseinandersetzung, wenn wir so viel Ohnmacht, Abhängigkeit und auch Schmerzen erleben. Obwohl die Palliativmedizin viel tun kann, es ist die schwere Seite des Menschseins, die Frage nach Leiden, Erdulden und Tragen und Annehmen. Über diese seelischen Prozesse hilft kein Medikament hinweg. Bei Jesaja heißt es: „Gott der Herr hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. Gott der Herr hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück. Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel.“ Zwei Wege weist dieser Gottesknecht: Menschliche Zuwendung, Seelsorge, als Reden mit den Lebensmüden ist eine Hilfe. Und ganz wichtig: Das Bild des Menschen, der nicht nur stark sein muss und seinen Wert aus Stärke bezieht, sondern aus der Fähigkeit zum Mitleiden und Mitfühlen. Verbote helfen in der Regel nicht. Aber welches Bild vom Menschen wir als Einzelne oder als Gesellschaft haben, das ist die Frage. Die wird in der Karwoche und am Karfreitag verhandelt. Leiden, so sagt dieser Weg, wird nicht das letzte Wort haben. Wie das geschieht, ist die Frage. Wir sind auf dem Weg nach Ostern.

Pfarrer Thomas Dreher, Krankenhausseelsorger, Württembergische Landeskirche