Bad Mergentheim

Historisches Ein Gästebuch des früheren Hotels „Zum Straußen“ ist wieder aufgetaucht und gibt Einblick in längst vergangene Zeit

Das Internet führte Vergessenes zurück an seinen Heimatort

Bücher haben ihre Schicksale, heißt es, und man darf wohl sagen, dass das auch für Fotoalben und Gästebücher gilt.

Gerade in Zeiten des Internets kommen manche solcher lokalen Dokumente in ihre Heimatstadt zurück, die bei Haushaltsauflösungen oder Geschäftsaufgaben zunächst an einen anderen Orte gelangten. Dies geschah auch mit einem Gästebuch des Hotels „Zum Straußen“. Das Wirtshaus am Mergentheimer Marktplatz wurde dort seit 1800 betrieben; die Einträge des nur zu einem Viertel genutzten Buches reichen allerdings nur von 1936 bis 1960.

Das Haus ist laut einer Inschrift auf einem Stein im Jahre 1557 errichtet worden. Wolfram Klingert glaubt allerdings, dass der Stein von einem Vorgängerbau stammt. Anlässlich des vermuteten 400. Jahrestages verfasste eine Frau Krapp ein langes Gedicht, das sich mehr mit der Kur in Bad Mergentheim als mit dem Haus beschäftigte. Dessen Bauherr und die ersten Besitzer sind unbekannt. 1660 allerdings ist es in Händen des beim Deutschen Orden tätigen Ratsschreibers Reimer. Es wurde als Wohnhaus genutzt. Später besaß es der Ordenskanzler Sebastian Poth, der 1601 im mainzischen Weisenau geboren wurde. Er ist erstmals 1624 in Mergentheim erwähnt. Von 1655 bis 1673 war er Ordenskanzler. Sein Grabmal findet man in der St.-Anna-Kapelle im Münster St. Johannes.

Anfang des 18. Jahrhunderts war das Haus Ort heftiger politischer Ereignisse: Es diente 1704 einige Tage als Quartier eines gefangenen französischen Marschalls; drei Jahre später wurde das Haus von Franzosen geplündert. Ein weiteres Jahrhundert blieb es im Besitz von Beamten des Deutschen Ordens, dessen Kreuz wie auch der Stein mit der Jahreszahl 1557 heute die Front des Hauses zieren.

Ab 1800 Gasthaus

Im Jahr 1800 erwarb der Gastwirt Anton Kober den Bau und gestaltete ihn zu einem Gasthaus mit großem Tanzsaal um. Kober durfte das Schild „Zum Straußen“ von seiner Wirtschaft im heutigen Sambethschen Haus mitnehmen und am erworbenen Gebäude anbringen.

Turbulentes erlebte das Haus wieder in der napoleonischen Zeit, insbesondere als der württembergische König Friedrich 1809 das Restgebiet des Deutschen Ordens um Mergentheim als Geschenk vom französischen Kaiser übernehmen wollte. Die Bauern der Umgebung probten den Aufstand gegen die Besatzer; deshalb mussten die Beamten aus Stuttgart, die die Übernahme vollziehen sollten, sich im „Straußen“ in Sicherheit bringen. In der Folgezeit zogen oft Truppen durch die Stadt und erzwangen Einquartierungen im Koberschen Hause. Der Wirt wurde später der erste Stadtschultheiß der Gemeinde, und zwar von 1819 bis 1834. Unter seiner Regie erbohrte man die Wilhelms- und die Karlsquelle und baute 1829 das erste Brunnenhaus des Kurbads.

Nach Kober hatten Männer den „Straußen“ in Besitz, deren Namen bei Mergentheimer Lokalhistorikern noch einen besonderen Klang haben: Fleck, Lüllig, Heilig und schließlich Vater Johann und Sohn Franz Sturm. Das Lokal besaß im 19. und auch Anfang des 20. Jahrhunderts große Anziehungskraft, nicht nur für die Fuhrleute, die ihre Pferde gut einstellen konnten; diese wurden von „Straußenwirts Johann“ betreut. An Markttagen besuchten viele Gäste das Lokal. Eine Attraktion der Stadt war der „Rattenball“ in der Fastnachtszeit. Während des Kaisermanövers im September 1909 wurden im „Straußen“ höhere Offiziere einquartiert.

Der Wirt Johann Sturm war „ein gutmütiges altes Original“, meinte Julius Aschfalk in seinen Aufzeichnungen über Mergentheimer Gasthäuser. „Kammer richte, secht der Straußenwirt“, so begegnete Sturm jedem besonderen Wunsch seiner Gäste. Er baute das Wirtshaus weitgehend zu einem Hotel um, als der Strom der Kurgäste und der Fremdenverkehr wuchs, wie auch der Autoverkehr, der die Pferdestellplätze überflüssig machte.

Seit 1927 ist das lange unter einem Verputz versteckte Fachwerk freigelegt. Als die Volksbank in den 1970er Jahren das Hotel erwarb, musste die Front des oft umgebauten Hauses erhalten, sorgfältig abgenommen und später wieder vor das neue Gebäude gesetzt werden, damit diese Zierde am Marktplatz nicht wie andere schöne Gebäude in der Innenstadt verschwand, sondern weiterhin an eine mehrhundertjährige Geschichte in der Stadt erinnern konnte. Allerdings bekam das Erdgeschoss eine andere Form, die der neuen Nutzung entsprach. Im Ausleger wurde der Strauß durch das Logo der Bank ersetzt.

Das in diesem Jahr wieder aufgetauchte Gästebuch des „Straußen“ umfasst nur ein Vierteljahrhundert. Der Münchener Maler Karl Max Lechner, der in den 1930er Jahren zahlreiche Innenräume und Häuserfassaden in Bad Mergentheim und dessen Umgebung gestaltete, hat für Wirtshäuser mehrere solcher Bücher mit einem einladenden Eingangsbild geschmückt. Deren Wirte baten manche Gäste, sich mit ihrem Namen und gegebenenfalls mit einem Vers einzutragen, so die Weinstube Kettler in der Krummen Gasse, die Brauereigaststätte Klotzbücher, in der Boxberger Straße sowie der „Hirschen“ in der Burgstraße. In diesem Jahr schenkte ein Nachfahre der Familie Steck, die die Konditorei Mark (heute „Cortina“) in der Härterichstraße führte, deren Gästebuch dem Mergentheimer Stadtarchiv.

Den meisten der von Lechner geschmückten Bücher ist gemeinsam, dass sie in Leder gebunden sind, zum Teil mit einer Prägung auf der Vorderseite. Sie sind meist recht umfangreich. Auf einem Eingangsbild von Lechner werden die Gäste des jeweiligen Wirtshauses willkommen geheißen. In fast allen Büchern hat der Künstler sich mehrmals mit signierten Zeichnungen, aber auch mit Kommentaren verewigt. Auch im Buch für den „Straußen“ taucht Lechner mit einigen Bleistift- und Farbzeichnungen auf. Manche Seiten sind auch hier entfernt worden – sei es aus politischen, sei es aus Gründen des guten Geschmacks – man kann beides vermuten.

Ein ganz besonderes Gedicht

Einiges aber unterscheidet das „Straußen-Buch“ von den anderen Gästebüchern. Eine in Spiegelschrift beschriebene Seite muss man nicht unbedingt dazu zählen. Aber der Wirt hat unter anderem zwei Briefe – einer in mit einem Trinklied – eingeklebt, die er von einem Kurgast, einem Bankdirektor aus Bad Oeynhausen, erhalten hat, bevor das Buch begonnen wurde. Etwas ganz Besonderes ist jedoch ein kleines Gedicht über Wein der Gegend. Derartiges las man wohl im Dritten Reich nicht oft in einem Gästebuch: „Des Frankenlandes goldner Wein muss, wie Erfahrung lehrt, vier Religionen haben! Lutherisch muss er sein, rein, lauter aus dem Fass, Calvinisch aufgeklärt, in einem reinen Glas, Katholisch, dass er uns lehrt, in Wundern seine Stärke, an unseren Leibe übt recht gute warme Werke, doch auch dem Juden gleich muss ungetauft er sein. So schließt ein gut Glas Wein vier Religionen ein“, schrieb ein Mann aus Karlsruhe 1938.

Bemerkenswert sind in diesem Buch zwei Seiten aus dem Kriegsjahr 1942, die Lechner und seine Frau Lea gestalteten. Sie schrieb ein Gedicht über das Taubertal, das der Maler auf der einen Seite kalligraphisch eintrug, und er zeichnete auf der gegenüberliegenden ein Schriftband über die Unterschriften der versammelten Gäste. Darin sind ein Bündel Handgranaten und ein weinendes Auge zu sehen; an dem Band hängt ein Schildchen, in dem man die SS-Runen erblicken kann. Dies war wohl sein letztes, nicht leicht zu deutendes Werk in Bad Mergentheim.

Von der Weltmeisterschaftself des Jahres 1954 gibt es in Bad Mergentheim einige Einträge, weil mehrere der Fußballspieler im Karlsbad waren, um ihre Gelbsucht auszukurieren. Einen Olympiasieger aber suchte man in den Büchern bislang vergebens: Der Ruderer Toni Rom gewann im August 1936 mit drei Kameraden aus Würzburg in Berlin-Grünau den Wettbewerb im Vierer ohne Steuermann. Im Dezember desselben Jahres war er Gast im „Straußen“. Lechner ließ das Boot mit den vier starken Männern diagonal über das Blatt „rauschen“. Unter Toni Roms Unterschrift klebte man noch ein aus einer Zeitschrift ausgeschnittenes Bild der Olympiasieger mit ihrem Trainer.

1940 schrieb ein Karl Wilkendorf aus Karlsruhe „Eduard Mörike zum Gedächtnis“ das Gedicht „Nachtmusik“ in das Buch (die Wohnung des Poeten lag am Marktplatz dem „Straußen“ gegenüber): „Golden schimmern die Gestirne, / Mondschein silberbleich, / flutet aus der blauen Ferne / wundersel´gem Reich.“, lauten die erste und letzte der zehn Strophen des Gedichts.

„Da ich gar nicht dichten kann, schreibe ich nur: Gerd Vespermann“, lässt uns der Schauspieler und bedeutende Synchronsprecher nach eine Gastspiel wissen. Und sein Kollege fügt hinzu: „Die Küche war ein großer Knüller, bescheinigt durch Hans Hessenmüller.“

Nicht alle Einträge sind so launig. Nach der Vorstellung des Films „Die ganze Welt singt nur Amore“ im „Elite“ bedanken sich 1960 Hauptdarsteller, Produzent und Produktionsleiter: „Von Fräulein Uschi nett betreut / Hat´s uns im „Straußen“ recht erfreut, / Versorgt zu sein mit Speis´und Trank! / Wir sagen hierfür ‘Besten Dank‘!“

Vor allem über die Mergentheimer Gesellschaft gibt es Besonderes in dem Buch zu entdecken: Es ist nicht ungewöhnlich, dass sich mehrere Stammtische in einem Lokal wie dem „Straußen“ trafen, aber eine Geschichte aus dem Jahre 1940 sticht durch eine illustrierte und kommentierte Erzählung heraus. Fünf Honoratioren versammelten sich damals offenbar jeden Freitag und hatten dann einen besonderen Tisch mit bequemen Sitzgelegenheiten. Einmal war dieser Tisch jedoch von drei Frauen besetzt, die ihn nicht räumen wollten. Deshalb mussten der Kaufmann Lothar Daiker, später Bürgermeister, der Apotheker Josef Eibel, der Rechtsanwalt Leo Mattes, der Arzt Felix Seibert und der Prokurist Hugo Stahl in einer unbequemen Ecke, „am Katzentisch“, sitzen, was sie offensichtlich erboste. Deshalb verfasste Hugo Stahl ein Gedicht über diese Situation, das kalligraphisch ins Gästebuch übertragen wurde. Es endete mit dem Ratschlag an den Wirt, zukünftig den Stammtisch für die Fünfmännerrunde mit einem Nachtgeschirr als reserviert zu kennzeichnen. Dr. Seibert, der bei Lechner Malunterricht genommen haben soll, illustrierte die Situation mit zwei Bildern der fünf Männer und der drei Frauen an den beiden Tischen. Eine der Stammtischbesatzerinnen, Margot Haubrich aus Köln, ließ es sich nicht nehmen, den Männern witzig und derb zu antworten.

Es fällt auf, dass zwischen 1945 und 1948 keine Eintragungen zu finden sind. Das Haus war in dieser Zeit vom amerikanischen Militär besetzt, so dass sich erst danach wieder Kurgäste im Hotel einfanden und einheimische Honoratioren wieder Stammtische im Lokal einrichteten.

Mergentheimer Familien dankten

Anfang 1956 pachtete der in Dresden geborene Hugo Frank den „Straußen“. Der 33-jährige Hotelfachmann brachte offenbar neuen Schwung. Das jedenfalls vermitteln einige freundliche Bemerkungen von Gästen. Als Frank Ende des Jahres 1960 nach Karlsruhe zog, bedauerten das einige Mergentheimer Familien: „Nachdem wir … seit der Übernahme durch die Familie Frank mit besonderer Zufriedenheit unsere Stammtischabende verlebt haben, scheiden wir in aufrichtiger Dankbarkeit von dem Hotel Straußen und der Familie Frank...“, unterschreiben unter anderen Friedrich Biggen. Georg Fimpel, Alois und Else Sambeth wie auch Emil Heller. Auch die „Angestellten 1956-1960“ dankten den Franks, die es verstanden hätten, „mit ihren Angestellten einen Familien-Betrieb zu führen“. Dieses sind die beiden letzten Eintragungen in dem Buch.

Es ist zu vermuten, dass die Familie Frank das Gästebuch mitnahm. Es tauchte 2017 auf einem Trödelmarkt in Singen auf und wurde dort von einem Antiquitätenhändler aus der Nähe von Tübingen erworben. Dieser wiederum bot es im Internet an, und auf diesem Weg gelangte es nach 57 Jahren in den Ort seiner Herkunft zurück.