Bad Mergentheim

Museumskonzert in der Wandelhalle Das „Bennewitz-Quartett“ gastierte mit Werken von Beethoven und Janacek

Bewundernswerte Leistung geboten

Bad Mergentheim.Eine eher gedämpfte, fast ein wenig geisterhafte Stimmung herrschte beim jüngsten Museumskonzert der laufenden Saison, das coronabedingt dieses Mal nicht im Deutschordensschloss, sondern in der Wandelhalle über die Bühne ging. Man musste weit auseinandersitzen, so war die Anzahl der Besucher von vornherein begrenzt, und zudem erwies sich der Veranstaltungsort für ein unverstärktes Kammermusikensemble dieser Art nur bedingt geeignet. Schade drum, im gewöhnlich dafür benutzten „Roten Saal“ wäre der Auftritt des tschechischen „Bennewitz“-Streichquartetts zu einem der Highlights der aktuellen Museumskonzert-Saison geworden.

In Prag beheimatet

Die vier in Prag beheimateten Musiker des in den 90erJahren gegründeten Weltklasse-Ensembles haben in den vergangenen zwanzig Jahren so einiges an Auszeichnungen abgeräumt, die es für Spitzenformationen der Gattung zu erringen gibt, und werden besonders für ihre spieltechnische Brillanz und Perfektion, ungemeine Homogenität und ihren warmen, sinnlichen, der heimatlich-böhmischen Musiktradition verpflichteten Klang gerühmt. Unter den gegebenen akustischen Bedingungen war er freilich nur in verkleinerter Form, gleichsam wie hinter einer Milchglasscheibe zu erleben. Auch das Programm mit insgesamt zwei, allerdings gewichtigen Quartettwerken war der Situation angepasst, die Vorstellung ging ohne Pause über die Bühne.

Leos Janaceks(1854 bis 1928) erstes Streichquartett mit dem Beinamen „Kreutzersonate“ stand am Beginn. Der Name bezieht sich allerdings nicht auf Beethovens berühmte Violinsonate sondern auf die gleichnamige Novelle Leo Tolstois, in dem ein Eifersuchtsdrama in einer zerrütteten Ehe geschildert wird und die auch Janaceks viersätzigem Werk thematisch zugrunde liegt. Janaceks Vertonung bezieht sich wohl mehr auf die düster lastende Stimmung als auf die eigentliche Handlung der Novelle, sie erzeugt sie mit den Mitteln schroffer Dissonanzen bis hin zum Geräuschhaften, formaler Zerklüftung, dramatischer Zuspitzung. Dahinter ist das Grundthema des Geschlechterkampfes zu erkennen – beispielsweise in kurzen lyrischen Einschüben, klagenden und flehenden Gesten der Violinen(offenbar die Stimme der Frau), die immer wieder durch grimmige Klangattacken des ganzen Ensembles konterkariert werden. Das „Bennewitz“-Quartett bewahrte auch in allen hochexpressiven Passagen und wilden Ausbrüchen das Maß, verlor sich nicht in Exzessen, sondern rückte den emotionalen Gehalt in den Mittelpunkt – mit einer bestechenden Klangkultur, die zu der vollblütigen, temperamentgeladenen Musizierweise des Ensembles keinen Widerspruch bildete.

Emotionale Intensität

Das zweite Schwergewicht des Abends bildete Beethovens Streichquartett a-moll op.132, unter den fünf späten Quartetten vielleicht das bekannteste und am meisten bewunderte, vor allem wegen seines ausgedehnten langsamen Satzes, dem „heiligen Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit“, in dem der Meister aus einem (durch die altertümliche „lydische Tonart“) sehr begrenzten Tonvorrat eine unglaubliche emotionale Intensität und Tiefe entwickelt. Doch ist das ganze Quartett des zur Zeit seiner Entstehung bereits völlig tauben Komponisten ein einziges Wunder an musikalischer Erfindungsgabe, Dichte und Komplexität, dessen hoch getriebene Ansprüche naturgemäß nur von absoluten Spitzenensembles gemeistert werden können. Schwierigkeiten häufen sich gleich im Eingangssatz, wo die vier Stimmen in ständigem Wechsel quasi tetralogisch weitgehend selbständig agieren, und der bei ungenügender Vorbereitung leicht ins Chaos abrutschen kann. Bewundernswert, wie hier das „Bennewitz“-Quartett mit subtilster Phrasierung und klanglicher Transparenz seine Souveränität demonstrierte und ebenso die Schwerelosigkeit der Interpretation im folgenden Quasi-Scherzo mit seinem schon dem Transzendenten zugewandten, sublimen Humor. Tief ergreifend die Intensität des Dankgesangs und hinreißend – nach einem kurzen munteren Marsch – die schwebende Selbstvergessenheit des leidenschaftlichen Allegro-Finales.

Für den lang anhaltenden Applaus in der Wandelhalle bedankten sich Jakub Fiser, Stepan Jezek(Violinen), Jiri Pinkas(Viola) und Stepan Dolezal(Violoncello) noch mit einem Beispiel aus den „fünf Stücken für Streichquartett“ von Erwin Schulhoff (1894 bis 1942).

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