Bad Mergentheim

Museumskonzerte Liederabend mit dem Bariton Johannes Martin Kränzle und dem Pianisten Hilko Dumno im Roten Saal des Deutschordensschlosses

Berückend lyrische Töne und umwerfende Komik

Bad Mergentheim.Die Kunst des Gesanges hat in den Programmen der Museumskonzerte seit mehr als vier Jahrzehnten zwar ihren festen Platz, spielte jedoch aufs Ganze gesehen gegenüber den Instrumentalisten eine eher eine untergeordnete Rolle.

Der Auftritt eines renommierten Sängers ist deshalb mit der Aura des Besonderen verbunden, und dies um so mehr, wenn man – wie beim letzten Museumskonzert wieder im gut besuchten Roten Saal des Deutschordensschlosses – in Person von Johannes Martin Kränzle einen weltweit hoch geschätzten Bariton zu Gast hat, der – inzwischen 57 und auf allen großen Opernbühnen der Welt zu Hause – zusammen mit seinem Begleiter Hilko Dumno einen rund einstündigen, begeistert aufgenommenen Liederabend gab.

Kränzle, dessen mittlerweile über 30 Jahre währende Sängerkarriere zeitweise von einer schweren Krankheit unterbrochen wurde, hat in dieser Zeit die meisten einschlägigen Rollen seines Fachs verkörpert, unter anderem den „Beckmesser“ in Bayreuth (erstmals 2017), den „Gunter“ aus der Götterdämmerung, den „Wozzeck“ aus Alban Bergs gleichnamiger Oper, den „Lear“ in der von Aribert Reimann und mittlerweile über hundert Mal den „Papageno“ aus der „Zauberflöte“. Dazu ist er als Lied- und Oratoriensänger wie auch als Komponist hervorgetreten. Hochgewachsen, in durchgehend schwarzem Outfit und von ruhig-selbstbewusstem Auftreten, wirkte Kränzle von Beginn an allein schon durch seine imponierende Erscheinung und Bühnenpräsenz.

Und dann natürlich durch seine Stimme: Ein mächtiger und männlicher, prachtvoller, saal- ja hallenfüllender Bassbariton mit solidem Fundament und von enormer Durchschlagskraft, der bei Bedarf auch über zarte, gelegentlich ein wenig spröde Pianotöne verfügt, seine größten und eigentlichen Qualitäten freilich im mittleren und unteren Lagenbereich entfaltet, wo er in seinen stärksten Momenten bis in den Bereich abgründiger Dämonie vorstößt.

Sein zweites Standbein ist eine für einen seriösen Sänger ungewöhnliche und faszinierende komödiantische Begabung (nicht zufällig ist der „Papageno“ seine Paraderolle), die umwerfend lebendige Gestik und Mimik, die an diesem Abend einige Balladenvertonungen von Schumann und Löwe zu unvergesslichen Erlebnissen werden ließ. Kein Wunder, dass er im letzten Jahr von der Zeitschrift „Opernwelt“ schon zum zweiten Mal (nach 2010) zum „Sänger des Jahres“ gekürt wurde. Balladen vornehmlich schauerlicher Natur nämlich dominierten den ersten Teil des Programms: Nach Texten von Goethe und Schiller, Eichendorff und Fontane. Die meisten davon waren durchaus bekannte Beispiele der Gattung, das heißt heutzutage ist es nicht mehr so selbstverständlich, dass Texte wie „Der Handschuh“ von Schiller oder „Archibald Douglas“ von Theodor Fontane dem Hörer so vertraut sind wie dies bei früheren Generationen der Fall war. Die Gedichtform der Ballade und ihre Vertonung durch renommierte Komponisten zählen mittlerweile zu einem fast ausgestorbenen Genre, sie waren wie wenig anderes eine für das ins Mittelalter verliebte 19. Jahrhundert typische Kunstform, galten schon um 1900 als mehr oder weniger veraltet.

Der eigentümliche Balladenton, bei dem sich das Feierliche, das Raunende und Schauerliche oft mit dem (zumindest für die Nachgeborenen) gewollt oder auch ungewollt Komischen mischt, scheint ja wie aus fernsten, versunkenen, vormodernen Zeiten hergeholt, gehört der Epoche des Feudalismus an, zu der es keine Brücke mehr gibt, bezieht allerdings auch dadurch seinen speziellen Reiz. Er ist jedenfalls wie geschaffen für einen Ausnahme-Interpreten wie Johannes Martin Kränzle, der zu der dramatisch und geistreich akzentuierten Begleitung seines Partners Hilko Dumno großartige, präzise und vital charakterisierende Rollenspiele erfand – nicht nur stimmlich sondern auch körperlich mit dem Einsatz der ganzen Person. Da war Carl Löwes „Odins Meeresritt“ voll – manchmal augenzwinkernder – heidnischer Naturdämonie, in der von Robert Schumann vertonten Goethe-„Ballade des Harfners“ (auch der „der Sänger“ betitelt), fand der Sänger des Abends zu berückend lyrischen Tönen, „der Handschuh“ von Schiller strotzte von umwerfender, drastischer Komik.

Glanzvolle Balladendichtung

Und wen bei Goethes schaurig-schönem „Totentanz“ (vertont von Carl Loewe) nicht ein Gruseln (vermischt wohl mit etwas Schmunzeln) überlief, dem war nicht mehr zu helfen. Das vorerst finale Highlight setzten Kränzle und sein Partner Hilko Dumno am Klavier freilich mit Loewe/Fontanes glanzvoller, inzwischen über 150 Jahre alter und seither klassisch gewordener Balladendichtung „Archibald Douglas“, die mit all ihrem unzeitgemäßen Pathos von Heimatliebe und Opferbereitschaft auch heutigen Hörern einen Kern von tief gefühlter Lebenswahrheit vermittelte. Dass bei all diesen Beispielen nicht nur Textausdeutung sondern auch Textverständlichkeit (vielleicht mit leichten Abstrichen beim „Totentanz“) vorbildlich waren, sei nur nebenbei bemerkt. Unmittelbares Textverständnis wäre im zweiten Teil des Abends zu viel verlangt gewesen, denn hier wurde nicht mehr deutsch sondern durchgehend jiddisch und in einem Fall sogar aramäisch gesungen.

Man war im 20. Jahrhundert angelangt und die Komponisten hießen nun Maurice Ravel und Richard Rudolf Klein (1921-2011). Der Franzose Ravel schrieb seine zwei „Mélodies hebraiques“ kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Die eine als ein „Kaddisch“, ein Lobgesang Gottes und Bestandteil der jüdischen Trauerliturgie“, ein fremdartig anmutendes Stück voll feierlich getragener orientalischer Melismen mit teilweise impressionistisch gefärbter Klavierbegleitung, die andere mit dem Titel „L’enigme éternelle“(„das ewige Rätsel“), geprägt von einer melancholischen und tiefsinnigen Stimmung. Für den Sänger war es eine willkommene Gelegenheit, seine stilistische Vielseitigkeit und Wandlungsfähigkeit zu demonstrieren ebenso wie in den 1983 entstandenen „Zwölf jiddischen Liedern“ von Richard Rudolf Klein, einem noch zu wenig bekannten Komponisten. Kränzle kam schon früh, Mitte der 80-erJahre, mit diesem Liederzyklus in Berührung und sagt dazu: „Die Lieder beschreiben eindrücklich den Alltag, die Gebräuche, Weisheiten und Besonderheiten der gläubigen jüdischen Gemeinde. Sie erzählen lebendig und direkt verständlich vom Leben im jüdischen Schtetl.“ Schade, dass es nicht möglich war, die Texte (und die Übersetzung) dieser zwölf Liedminiaturen dem Programmzettel beizufügen, so blieb beim Vortrag vor allem der Gesamteindruck haften, der freilich sehr eindringlich und von Kränzles geradezu magisch intensiver Einfühlung in die Vorlage bestimmt war, nicht zuletzt auch von seiner unnachahmlichen „vis comica“ in immer neuen Varianten.

Das aus den verschiedensten Elementen, aus Trauer und Freude, Scherz und Trübsinn, Spott und Skepsis, Fatalismus und einer trotzigen Lebensbejahung zusammengesetzte Lebensgefühl einer untergegangenen Kultur war über alle Verständnishürden hinweg als etwas immer noch Gegenwärtiges nachzuempfinden.

Ein tolle Vorstellung, nach der das Paar Kränzle/Dumno im „Roten Saal“ minutenlang gefeiert wurde und sich dafür mit zwei brillanten Zugaben von Gustav Mahler und Hugo Wolf bedankte.

Zum Thema