Bad Mergentheim

Bürgerforum „Stadtbild“ Serie „Mergentheimer Hausfassaden“ (Folge 6) / Bader waren Haarschneider, Barbiere, Zahnzieher, Chirurgen und durften Schröpfköpfe anlegen

Badstube bewacht vom „großen M“

Archivartikel

Das Bürgerforum „Stadtbild“ befasst sich im sechsten Teil der Serie „Mergentheimer Hausfassaden“ mit der Kirchstraße 17 – an der Ecke Holzapfelgasse gelegen.

Bad Mergentheim. Den meisten Alt-Mergentheimern dürfte das Eckgebäude Kirchstraße 17 (Ecke zur Holzapfelgasse) noch als Handarbeitsgeschäft bekannt sein, das sich hier über Jahrzehnte hinweg befand und das man durch die immer noch im Original erhaltene Barocktür betrat.

Das unter Denkmalschutz stehende Gebäude wird, so berichtet es Alexandra Zipf vom Bürgerforum in diesem Text, in der historischen Ortsanalyse als Wohn- und Geschäftshaus bezeichnet, beherbergte aber zuvor auch mehrere Jahrzehnte eine Buchbinderei und davor diente es als „Unteres Bad“ („Oberes Bad“ = Zunftstube).

Reich gestaltete Portalzone

Architektonisch gesehen handelt es sich um ein zweigeschossiges Haus mit massiv gemauerter, modern veränderter Erdgeschosszone und einem verputzten Fachwerk-Obergeschoss.

Nach oben hin befinden sich zwei Dachgeschossebenen unter einem Mansard-Walmdach mit Satteldachgauben und abschließendem Dachhäuschen. Auffallend ist an der östlichen Seite die reich gestaltete Portalzone mit einem Korbbogengewände und geschnitzten Türblättern, darüber eine farbig gefasste Pietà.

Im Obergeschoss des Hauses finden sich segmentbogige Fenstergewände. Die Datierung des Barockhauses liegt, je nach Quelle, bei etwa 1775 -1795.

Die erwähnte Holz-Pietà auf dem Schlussstein des Türbogens wurde in der Zeit von 1807 bis 1808 von Michael Joseph van der Auwera als Hausmadonna geschaffen (2006 restauriert und 2017 auch mit Unterstützung des Bürgerforums „Stadtbild“). Das Besondere an ihr ist die M-Form, die sich aus dem Körper Jesu in den Armen der Mutter Maria ergibt, deshalb trägt sie auch den Namen „Das große M“. Es dominieren die Farben blau und rot.

Etliche Geschichten

Wie so viele alte Häuser erzählt auch dieses Haus etliche Geschichten. Allerdings ist leider keiner Quelle zu entnehmen, ab wann die Pietà das Haus schmückte und ob sie gar bereits das „Untere Bad“ unter dem Bader und Chirurgen Michel Wenz beschützte, der es wohl im 18. Jahrhundert anstelle eines Vorgängerbaus (auch Badstube) errichten ließ. Eventuell wurde das Madonnen-Kunstwerk auch erst danach unter dem Stadtrat und Kaufmann Johann Schell angebracht, der das Haus in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts kaufte.

Seitdem befindet es sich in der Familie Weiß-Schmid-Zipf, die das Haus nun in der fünften Generation besitzt.

„Himmlischen Schutz“ brauchte man wahrscheinlich beim Besuch einer Badstube wie dieser (die älteste hiesige Badordnung stammt aus dem Jahre 1551), denn die Bader waren zugleich Haarschneider, Barbiere, Zahnzieher, Chirurgen und durften Schröpfköpfe zum Abzapfen des überschüssigen Blutes anlegen.

„Moralisch bedenklich“

Die Badstuben waren außerdem ein Ort der Geselligkeit und ihnen wird auch nachgesagt, dass es eventuell mit der Moral nicht weit her war. Geöffnet war dienstags und samstags.

Zwei Badehäuser wurden in Mergentheim bereits im 14. und 15. Jahrhundert erwähnt, im 18. Jahrhundert gingen allerdings die meisten Badstuben ein (die Gründe waren: Pest, Syphilis und gestiegene Moralvorstellungen; empfohlen wurde stattdessen der häufigere Kleiderwechsel). Untere Schichten badeten aber noch bis ins 19. Jahrhundert hinein.

Der Wandel der Zeit zeigt sich in der Nutzung als Badstube über die Werkstatt der Buchbinderei, der Nutzung als Wäsche- und Handarbeitsgeschäft bis hin zum heutigen Computerladen.

Doch immer betraten und betreten die Kunden das Haus durch die gleiche wunderschöne originale Barock-Holztüre, über der Auweras „großes M“ wacht.

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