Bad Mergentheim

Straßennamen (Teil 19) Der Dichter Friedrich Hölderlin war ein Anhänger der Ideale der Französischen Revolution und in einen angeblich geplanten Fürstenmord verwickelt

Als „Verrückter“ 36 Jahre lang im Turm

Archivartikel

Vor 250 Jahren wurde Friedrich Hölderlin geboren. Eine Straße in Bad Mergentheim erinnert an diesen rätselhaften Dichter, der als „Verrückter“ in einem Turm lebte.

Bad Mergentheim. Am Morgen des 11. September 1806 wird der Dichter Friedrich Hölderlin gewaltsam von zwei Männern in eine Kutsche gezerrt. Er wird von seinem damaligen Wohnort Bad Homburg, wo er als Bibliothekar des Landgrafen arbeitet, nach Tübingen abtransportiert. Die Fahrt muss dramatisch gewesen sein und geschah ohne Rechtsgrundlage. De facto war es eine Entführung.

Vier Tage später erreicht die Kutsche die psychiatrische Abteilung des von Johann Heinrich Ferdinand Autenrieth geführten Tübinger Universitätsklinikums. Dort wird Hölderlin 231 Tage festgesetzt und behandelt. Ihm wird ein Gemisch aus Tollkirsche, Fingerhut, Opium und einer Quecksilberverbindung zwangsmäßig verabreicht, ein, aus heutiger Sicht, giftiger Medikamentenmix, mit dessen Hilfe der Klinikleiter die „Poesie und Narrheit“ des Dichters hatte „hinausjagen“ wollen.

Hölderlin muss Qualen erlitten haben. Der ihn behandelnde Arzt hatte eine Gesichtsfixierung erfunden, die so genannte Autenriethsche Maske, die verhindern soll, dass ein Patient schreit. Wenn die Maske nicht bewirkt, was sie soll, wird dem Patienten ein Knebel in den Mund gesteckt.

Nach fast achtwöchigem Klinikaufenthalt erklärt der Arzt Hölderlins „Wahnsinn“ für „unheilbar“. Hölderlin wird einer Pflegefamilie „überstellt“. Er ist 37 Jahre alt und wird in das Haus eines Tübinger Handwerkers verbracht. Ein Zimmer in einem Turm des Gebäudes mit Blick auf den Neckar ist seine letzte Station. Dort verbringt er noch 36 Jahre seines Lebens. Heute zählt er zu den bekanntesten und rätselhaftesten Dichtern weltweit.

Vor der Entführung und Zwangsinternierung Hölderlins war sein engster Freund Isaac von Sinclair im Februar 1805 auf Antrag des Kurfürsten Friedrich II. von Württemberg wegen Hochverrats angeklagt und für vier Monate in den Kerker auf dem Hohenasperg in Ludwigsburg geworfen worden.

Auch Hölderlin stand auf der Liste der gesuchten Verschwörer, denn er hatte mit dem republikanisch gesinnten Sinclair, der wie Hölderlin ein Verfechter der Ideale der Französischen Revolution war, an einem konspirativen Treffen teilgenommen, bei dem angeblich ein Attentat auf den württembergischen Landesfürsten geplant worden sei. Das Treffen wurde verraten.

Hölderlin, dessen Existenz als unabhängiger Schriftsteller gescheitert war und dessen seelischer Zustand immer mehr bedenkliche Züge angenommen hatte, musste befürchten, dass auch er hinter Gefängnismauern verschwinden würde. Aber die Ermittlungen gegen ihn wurden bald eingestellt, nachdem ein Homburger Arzt im April 1805 in einem Gutachten festgestellt hatte, Hölderlin sei „zerrüttet“ und sein „Wahnsinn“ in „Raserei“ übergegangen. Hölderlin soll auf Homburger Straßen sich immer wieder lautstark von der Französischen Revolution distanziert und geschrien haben: „Ich will kein Jacobiner seyn, fort mit allen Jacobinern! Ich kann meinem gnädigsten Churfürsten mit gutem Gewissen unter die Augen treten!“

Nach dem Aufenthalt in der Tübinger Klinik, aus der er als „unheilbar“ und mit der Aussicht auf nur noch wenige Lebensjahre entlassen worden war, kommt Hölderlin zur Pflege in das Haus des Tischlermeisters Ernst Zimmer, der ein Bewunderer des Dichters und seines empfindsamen Briefromans „Hyperion“ war.

Wahnsinn nur vorgetäuscht?

36 Jahre lang lebt Hölderlin als „Geisteskranker“ in dem Turm, in dem er noch Gedichte schreibt, die er allerdings mit „Scardanelli“ unterzeichnet. „Hölderlin“ will er auf keinen Fall genannt werden, da gerät er außer sich vor Wut. Häufig leidet er unter Erregungszuständen, auf die dann Phasen der Teilnahmslosigkeit, der inneren Abwesenheit und Unzugänglichkeit folgen. Inwiefern er sich seiner Situation bewusst war, ist unklar. Aber mit großer Klarheit schreibt er 1811 in einem Gedicht: „Das Angenehme dieser Welt hab ich genossen, die Jugendstunden sind, wie lang! wie lang! verflossen, April und Mai und Julius sind ferne, Ich bin nichts mehr; ich lebe nicht mehr gerne!“

1969 erscheint die Biographie von Pierre Bertaux „Hölderlin und die Französische Revolution“, in der die These vertreten wird, der angebliche Wahnsinn Hölderlins sei eine Schutzmaßnahme gegen die ihm drohende politische Verurteilung gewesen. Hölderlin habe den „Verrückten“ gespielt, um sich vor der Inhaftierung zu retten. Andererseits lässt sich durchaus belegen, dass Hölderlins psychische Verfassung alles andere als normal und stabil war. Er litt unter Depressionen, tiefgreifenden Enttäuschungen und einschneidenden Entfremdungen.

Als am 25. Januar 1954 der Bad Mergentheimer Gemeinderat entschied, drei Nebenstraßen der Milchlingstraße nach schwäbischen Dichtern zu benennen, kam auch Hölderlin zum Zug. Warum er ausgewählt wurde, ist nicht überliefert. Für uns Heutige ist der Straßenname eine Chance, ihn neu oder überhaupt zu entdecken.

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