Ahorn

Eubigheimer Bahnhofsgebäude Siebenjährige Sanierung befindet sich auf der Zielgeraden / Sascha Richter schmunzelt: „Es war schon ein mords Abenteuer“

„Leidenschaft für historische Bauwerke“

Bekanntlich haben die Götter vor den Erfolg den Schweiß gesetzt. Dieser floss reichlich während der nahezu siebenjährigen Generalsanierung des Eubigheimer Bahnhofgebäudes.

Eubigheim. Doch es hat sich gelohnt, das Ergebnis kann sich sehen lassen, so dass man mit Fug und Recht von einer Erfolgsgeschichte sprechen kann. „Es war schon ein mords Abenteuer“, schmunzelt Sascha Richter und freut sich, dass er nun auf der Zielgeraden eingebogen ist.

Doch von Anfang an – es ist 2013, Sascha und Simone Richter aus Weikersheim machen sich Gedanken über ihre Altersvorsorge. Immobilien scheinen attraktiv und empfehlenswert. Doch wollten beide nicht in eine anonyme Wohnanlage in irgendeiner Großstadt investieren. Vielmehr wollten sie selbst mit Hand anlegen, ihre Ideen einbringen und gestalten.

In die Jahre gekommen

„Wir haben eine Leidenschaft für historische Bauwerke“, erklärt der 43-jährige Familienvater. So wurden sie auf das zum Verkauf stehende Bahnhofsgebäude in Eubigheim aufmerksam. Nur zu gut erinnert er sich an die erste Besichtigung des in die Jahre gekommenen Objekts. Zwischen „kommt gar nicht in Frage“ und „aber schön wär’s schon“ schwankten die Eheleute zwischen einer Mischung aus Begeisterung und Resignation, um dann doch zu erkennen „der Bahnhof will zu uns“, denn die weitere Suche nach vergleichbaren Immobilien verlief ins Leere. So wurden sie Eigentümer dieses riesigen historischen Gebäudes aus dem Jahr 1866, direkt an der Bahnlinie Osterburken-Lauda mit vier Wohnungen, teilweise ohne Bad, dem Stellwerksraum sowie einem Nebengebäude mit einer kleinen verwilderten Grünfläche.

Als Chef des Gartengestaltung und -pflegebetriebs „natürlich richter“, der unter dem Motto „Lebensräume gestalten“ diese bislang aufs Grüne bezogen hat, betraten sie nun Neuland und schufen mit den vier renovierten Wohnungen Lebensräume innerhalb roten Buntsandsteins.

Besondere Organisation

Von Berufs wegen stark auf die Wettergegebenheiten angewiesen, kollidierten Handwerkertermine bisweilen mit der Arbeit des Haupterwerbs. Auch die Fahrzeit von Weikersheim zur „Hobbybaustelle“ erforderte besondere Organisation, „denn bei eineinhalb Stunden hin und zurück kann man nicht mal geschwind für ’ne halbe Stunde was fertigmachen“.

Nach einem „Tag der offenen Tür“ im Mai 2014, an dem sie überwältigend viel Zuspruch der Eubigheimer erfahren durften, ging es in medias res. Der Genuss, in die ELR-Förderung Wohnraumschaffung zu kommen, erforderte manch durchtüftelte Nacht am Schreibtisch. Denn mit den Zuschnitten der vier vorhandenen Wohnungen ließen sich die Vorgaben, drei Zimmer, Küche, Bad auf mindestens 70 Quadratmetern nicht realisieren.

So wurden die zwei Stockwerke komplett überplant, für ein Gebäude dieser Größe eine Herkulesaufgabe, denn eines der beiden Treppenhäuser musste verschwinden, Mauern mussten weg, neue errichtet werden, „ständig war ein Kamin oder was anderes im Wege“, berichtet der sympathische Familienvater von zwei Kindern im Alter von neun und elf Jahren.

Recht gelassen

Überhaupt wirkt er ganz gelassen, womöglich weil die Ergebnisse für manch Unwägbarkeit während der Baumaßnahme entschädigen. Rein äußerlich hat sich das stattliche, dominierende Gebäude zu einem wahren Schmuckstück gemausert. „Es war uns wichtig, die Fassade zu erhalten.“

Alle Fugen zwischen den Buntsandsteinen wurden ausgekratzt, frisch verfugt, gebrochene Steine nachmodelliert und alles gereinigt. Die Gewände befanden sich teils in einem „erbärmlichen Zustand“. Dennoch war die volle zwei Monate in Anspruch nehmende Außenrenovierung jede Sekunde wert.

Der Zierfries unter dem Dach strahlt in gelblichem Terrakotta übers Dorf, ebenso die Brüstungsfriese unter den Fenstern und zeugen so vom einst herrschaftlichen Stolz des Bauwerks.

Das Dach wurde mit anthrazitfarbenen Ziegeln gedeckt, die farblich mit der großen, roten Fassade kontrastieren und nah am Aussehen des ursprünglichen Schieferdachs sind.

Auch beim Betreten des Haupttreppenhauses spürt man das nostalgische Flair. „Das Treppenhaus machte uns so viel Arbeit wie eine ganze Wohnung“, denn mehrere braune Lackfarbschichten mussten von Treppenwangen und Handläufen entfernt, die fein gedrechselten Stäbe neu lackiert werden. Zum Vorschein kam eine handwerklich wertvolle Eichenholztreppe, die mit dem neuen schallschluckenden Treppenbelag, der farblich nah am ursprünglichen Linoleum ist sowie dem altgrünen Sockel moderne Werkstoffe mit altehrwürdigem Aussehen verbindet.

Typischer Charme

Die vier Wohnungen, von denen zwei bereits vermietet sind, versprühen den für Altbauten typischen Charme, wie hohe Raumhöhe, große Fenster mit Oberlichtern und natürlich ein baubiologisch gesundes Raumklima. Da durch den Erhalt der Außenfassade eine Außenisolierung unmöglich war, den energetischen Vorgaben jedoch entsprochen werden sollte, wurde eine 60 Millimeter starke Innendämmung aus Holzfaserplatten, Kalk- und Lehmputz aufgebracht, die die Feuchtigkeit puffert.

„Wir haben Lehm verarbeitet, den wir hier in der Nähe selbst abgebaut haben“, so Richter stolz und betont mit der regionalen Herkunft des Naturmaterials den klimapolitischen Aspekt.

Überhaupt spürt man durchweg den Idealismus bei der Umsetzung des ambitionierten Projekts, denn „es wurde alles so hergerichtet, als ob wir selber einziehen wollten. Mehrfach verglaste Schallschutzfenster sorgen für Ruhe, der Bahnbetrieb sei lediglich dumpf wahrnehmbar und oft werde ein Zug erst bewusst wahrgenommen, wenn man ihn auch sehe.

Johannes Frodl, einer der ersten Mieter, der mit seiner Partnerin bereits beim ersten Besichtigungstermin die Gelegenheit beim Schopf und rechtlich in trockene Tücher gepackt hat, genießt die Ruhe sowie die „gigantische Aussicht“, die wohl einzigartig sein dürfte. Ihnen liegt quasi Eubigheim zu Füßen.

Die beiden Wohnungen im ersten Stockwerk seien bis Sommer bezugsfertig und das sei auch gut so, denn ohne Unterstützung der Familie wäre dies unmöglich gewesen, so Richter anerkennend. Sorge, Mieter für diese Wohnungen zu finden, habe er nicht, denn die nahen Geschäfte, die gute Verkehrsanbindung, sei es die Autobahn oder der Zug direkt vor der Haustür, vermittelten fast so etwas wie Großstadtfeeling.

Nicht weg vom Schuss

„Man lebt hier nicht so weit vom Schuss wie die Idylle vermuten lässt“, stellt Richter fest und er würde sich freuen, wenn weitere Einheimische in „ihren“ Bahnhof einziehen würden. Durch die relativ lange Bauphase seien liebe Freundschaften von den Erwachsenen und Kindern gleichermaßen zu ortsansässigen Familien entstanden und er blickt fast wehmütig auf das Ende.

Dass er sich diesbezüglich keine Sorgen machen muss, dafür sorgt das ebenfalls historische Nebengebäude, das alte Waschhaus, das als Gemeinschaftsraum für Gartenmöbel, Grill und dergleichen allen Mietern zur Verfügung stehen soll. Außerdem werden er und seine Familie immer mal wieder nach dem Rechten sehen, dabei die liebgewonnenen Freundschaften pflegen, denn nach all der Arbeit sollen auch die vergnüglichen Stunden nicht zu kurz kommen.