In 100 Tagen Stimmen zur US-Wahl

Zwölf Personen aus der Metropolregion äußern sich zur US-Präsidentschaftswahl, die in 100 Tagen stattfindet.

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„Jeder, der nur halbwegs bei Verstand ist, muss sich wünschen, dass Präsident Trump nicht wieder gewählt wird. Letztlich ist aber nicht die Person Donald Trump das Problem, sondern das amerikanische Gesellschafts-, Sozial- und Wirtschaftssystem, das bei vielen ,abgehängten’ Menschen Perspektivenlosigkeit, Verzweiflung und Radikalisierung zur Folge hat. Hierum wird sich der neue Präsident kümmern müssen, sonst ist ein neuer Trump programmiert“, sagt Christian Sommer, Geschäftsführer Startup Mannheim.

© Sommer

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"Die Bedeutung der Präsidentenwahl in den USA kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Auch unsere Freunde in Mooresville sind gespalten in Trump-Verehrer und Trump-Kritiker. Es scheint keine objektive Wirklichkeit mehr zu geben, die tiefen Unterschiede in der Wahrnehmung der Realität spiegeln den Zustand der Nation. Der Wahlkampf ist schwer zu ertragen. Auf beiden Seiten geht es nur um Trump oder seine Abwahl. Kaum echte Themen, nur schmutzige ,Feindbeobachtung’. Joe Biden mag schwach, alt und fahrig wirken, aber er hat einen Vorteil: Er ist nicht Trump! Und darum drücke ich ihm die Daumen. Ich will mich nicht fremdschämen", sagt Marina Nottbohm, die SPD-Stadträtin in Hockenheim und Vorsitzende des Freundeskres Mooresville-Hockenheim ist.

© Schleicher

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„Sein Wissen über die Mechanismen der medialen Berichterstattung nutzt Donald Trump nach dem Motto ,better bad news than no news’ in perfider Weise, bei der weder Freunde, Alliierte noch Verfassungsprinzipien eine Rolle spielen", erklärt Politikwissenschaftler Thomas König. "Um auch mit der Realität überforderte Wähler einzufangen, unterstellen seine Aussagen eine nicht-beobachtbare Verschwörungsdimension, die alle beobachtbaren Ereignisse und ihre Bewertung auf ein einfaches Freund versus Feind, Gut oder Böse etc. Schema reduziert. Und dennoch dürfte die Wahl nicht durch seine medialen Eskapaden und Verschwörungstheorien, sondern den Grad der emotionalen Polarisierung entschieden werden, der die amerikanischen Wähler in zwei unüberbrückbare feindselige Lager dividiert“, so der Politikprofessor, der an der Uni Mannheim lehrt.

© Troester
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„Ich erhoffe mir, dass in einer polarisierten Gesellschaft nach der Wahl die Arbeit von Brückenbauern zur attraktivsten Beschäftigung wird“, sagt Jakob J. Köllhofer, der Direktor des Deutsch-Amerikanischen Instituts Heidelberg ist.

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„Zu den klaren Erfahrungen der letzten Jahre gehört, dass sich Deutschland und ganz Europa nicht auf eine Arbeitsteiligkeit in Wirtschaft und Forschung mit USA und China verlassen sollten. In wichtigen Industriebranchen und Technologiebereichen müssen wir selbst präsent sein. Dieser Umstand muss uns bewusst sein. Das ist unabhängig davon, welcher Kandidat die US-Wahl gewinnt, das müssen wir uns bei allen Präferenzen vor Augen führen. Dies wird uns in Europa enorme Anstrengungen abverlangen", sagt Christof Hettich, Partner bei Ritterhaus Anwälte in Mannheim.

© Rittershaus

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„Ich möchte Trump nicht mehr als Präsidenten sehen. Es macht mir Sorgen, dass er so unberechenbar ist. Ich bin misstrauisch, was vieles angeht. Sollte er wiedergewählt werden, dann könnte ich das nicht glauben. Dann muss da etwas schieflaufen. Ich glaube , dass Trump nicht mehr gewählt wird. Verliert er, bin ich mir jedoch nicht sicher, ob er das Weiße Haus einfach so freiwillig verlässt und was er und seine Anhänger dann anstellen würden. Ein bisschen Bammel habe ich schon. Joe Biden ist weniger schlimm, er zeigt sich als Diplomat. Vielleicht könnte er in den nächsten vier Jahren für ein bisschen Ruhe sorgen? Aber kein Land sollte sich derzeit ausruhen – wir sollten alle ein bisschen mehr reflektieren, Mitgefühl zeigen und erkennen, wie zerbrechlich alles ist“, sagt Kelly Röhrig, die in USA aufgewachsen ist und als Edutrainiern in Heilbronn arbeitet.

© Röhrig

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„Obwohl wir ein starkes Interesse an der derzeitigen Situation und an der Politik in den USA haben, sind das keine Themen, bei denen wir uns als Partnerschaftsverein einmischen. Nur mit wirklich guten Freunden aus den USA wird im privaten Kreis schon mal über Politik diskutiert. Auch unter den Besuchern, die in Einhausen im Rahmen der Verschwisterung mit Shoreview zu Gast waren, befanden sich sicherlich einige, die pro Trump eingestellt sind. Das kann aber unterschiedlichste Gründe haben. Uns geht es immer darum, die Menschen dahinter kennenzulernen. Aktuell spürt man meines Erachtens bei vielen US-Bürgern aber doch die Angst, dass die letzten sozialen Netze und die Gesundheitsversorgung auf dem Spiel stehen“, sagt Barbara Schumacher, die Vorsitzende des Partnerschaftsvereins Einhausen ist. Die südhesssiche Gemeinde ist mit der amerikanischen Kommune Shoreview im US-Bundesstaat Minnesota verschwistert.

© Schumacher

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„Ich kann mir immer mehr vorstellen, dass Trump nicht wiedergewählt wird. Ich werde dieses Jahr Joe Biden wählen, obwohl er nicht mein Lieblingskandidat ist. Lieber alles andere als Trump. Die Stimmung in den USA ist sehr gekippt. Fakt ist, es gibt einen sehr großen Gegenwind gegen Trump, allein durch die Corona-Pandemie. Das könnte ihn den Wahlsieg kosten", sagt der gebürtige US-Amerikaner Charles Simmons. Der Mannheimer Musiker und Personal-Trainer würde bei einer Wiederwahl Trumps "die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen".

© Simmons

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„Der US-Wahlkampf spielt eine große Rolle für den antirassistischen und antirechten Aktivismus. Trumps Verhalten als Präsident und im Wahlkampf vertieft die Spaltung der US-amerikanischen Gesellschaft, und sein brutales Vorgehen gegenüber den Demonstrationen, zum Beispiel in Portland, und die Verächtlichmachung der „Black Lives Matter“-Bewegung spielt auch der Neuen Rechten in Europa in die Hände, da er ihnen ein demokratisch legitimiertes Vorbild zu sein scheint, das für seine Anhänger die Grenzen des Sagbaren verschiebt. Eine Wiederwahl wäre für den Kampf gegen Diskriminierung ein Rückschlag, den man erst einmal wieder auffangen müsste", sagt Philipp Fränkle, Mitglied bei DieLinke.SDS Mannheim.

© Fränkle

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„Ich hoffe, dass sich Afroamerikaner und Latinos diesmal stärker an den Wahlen beteiligen als noch vor vier Jahren. Und dazu müssen sie sich auch klar für den Bewerber der Demokratischen Partei entscheiden, was im Falle der Wählerinnen und Wähler mit lateinamerikanischen Wurzeln gar nicht so sicher ist. Laut neuesten Umfragen sprechen sich gut 25 bis 30 Prozent der Latinos für eine zweite Amtszeit des Amtsinhabers aus, womit sie in wahlentscheidenden Bundesstaaten wie Florida oder Pennsylvania Donald Trump den Sieg bringen könnten. Die negativen Folgen einer zweiten Amtszeit für die USA und für die transatlantischen Beziehungen wären erheblich, die US-amerikanische Demokratie würde aber auch dies überstehen", sagt Uwe Wenzel, Leiter des Mark Twain Center für transatlantische Beziehungen in Heidelberg.

© Wenzel
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„Mein Unternehmen hat intensive Beziehungen mit den USA. Ich habe vor zwei Jahren mit meiner Familie in Kalifornien gelebt. In den USA wohnend habe ich Kritik an Trump differenziert gesehen. Mir gefielen seine Entscheidungskraft und sein Fokus auf freie Marktwirtschaft. Wir Deutschen kritisieren gerne andere und haben doch eigene Probleme. Aktuell werden mir die Folgen seiner Politik bewusst. Seine Kommunikation führt nicht nur zu Spannungen, sondern zu einer Verrohung der Gesellschaft. Ich wünsche mir einen integrierenden Präsidenten, der die Werte des Landes verkörpert", sagt Gunther Wobser, der Geschäftsführender Gesellschafter bei Lauda Dr. R. Wobser ist.

© Wobser

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„Ich glaube, es wird ein klarer Sieg für Joe Biden werden. Jedenfalls wünsche ich mir das. In den Umfragen ist Biden vorn, und das soll auch so bleiben. Trump hat versagt, vor allem bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie, aber auch bei Rassismus und Polizeigewalt. Viele Trump-Unterstützer realisieren das jetzt. Ich glaube, dass Trump die hohe Arbeitslosigkeit in Folge der Pandemie maßlos unterschätzt. Seine Anhänger sind davon betroffen. Sollte Trump im Amt bleiben, fürchte ich, dass sich das Verhältnis USA-Europa verschlechtert. Viel wird von der Vizepräsidentschafts-Kandidatin abhängen, die Joe Biden benennen will", sagt Musiklehrer Bradley Johnson, der in Mannheim lebt, aber aus dem US-Bundesstaat Colorado kommt.

© Johnson

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