Kulturpolitik

Nachdenken über Kultur nach Corona

Nach dem eskalierten Streit in der Mannheimer Kulturpolitik hat diese Redaktion eine Art Friedensgipfel organisiert,der vor allem nach vorne schauen soll. Dazu wurden aus Stuttgart Kulturstaatssekretärin Petra Olschowski (Grüne) sowie aus der Quadratestadt NTM-Intendant Christian Holtzhauer und Capitol-Chef Thorsten Riehle (SPD) von der Kulturressortleitung Stefan M. Dettlinger und Jörg-Peter Klotz eingeladen. Hier die wichtigsten Statements.

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dpa

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Vor der kulturpolitischen Talkshow im „Mannheimer Morgen“ (v.l.): Schauspielintendant Christian Holtzhauer vom Nationaltheater (NTM, Kulturstaatsekretärin Petra Olschowski (Grüne), die Kulturressortleiter Stefan M. Dettlinger und Jörg-Peter Klotz sowie Capitol-Chef Thorsten Riehle (SPD).

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Die Diskussion lief unter strengen Corona-Regeln. Erst wurden Masken getragen,...

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... dann lief die Diskussion im großen Konferenzssal mit fünf Metern Abstand.

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Redakteur Jörg-Peter Klotz fasste den Ausgangspunkt zusammen, die zu der Gesprächsrunde geführt hat: "Der Offene Brief von Kulturpolitikern der Grünen und der SPD um Thorsten Riehle mit massiver Kritik an der Präsenz des Nationaltheaters (NTM) sowie der Arbeit der Mannheimer Kulturverwaltung in der Corona-Krise hat zu einem ungewohnt heftigen Streit geführt. Von außen fühlte man sich an uralte Konfliktlinien zwischen konservativer und progressiver Kulturpolitik, subventionierter Hoch- und freier Subkultur erinnert. Aber seitdem werden nicht nur die NTM-Digitalangebote weniger geheimgehalten, auch die Gesprächskultur scheint besser."

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Thorsten Riehle: "Vorneweg: Der Offene Brief war nicht die smarteste Idee. Aber er war bewusst als Kontrapunkt zu dem gesetzt, was wir als Kulturpolitik in den vergangenen zwölf bis 14 Monaten erlebt haben: unter anderem eine ziemliche Zurückhaltung, was den Umgang mit der Pandemie angeht. Mit Fragen wie im Frühsommer 2020, warum das NTM nicht wie die freien Häuser wieder öffnet – mit Abstand und Hygienekonzept. Intendant Marc Stefan Sickel antwortete, an diesen Eröffnungsorgien nehme er nicht teil. Seitdem denke ich darüber nach: „Wie versteht sich das Haus eigentlich?“ Zumal die Aussage uns im Capitol und anderen unterstellt, dass es falsch sei, zu öffnen. Da verändert sich etwas in der Wahrnehmung, denn ich sehe das NTM als Vorreiter. Der uns viel, viel Geld kostet, was aber richtig und wichtig ist für uns als Stadtgesellschaft."

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Christian Holtzhauer: "Ich tendiere dazu, so etwas sportlich zu sehen. Aber auch als Aufforderung, selbst mehr zu kommunizieren. Mir war aufgefallen, dass auch mein Kommunikationsverhalten sich im Verlauf der Pandemie verändert hat. Der anfangs große Gesprächsbedarf hat dramatisch abgenommen, weil ab dem zweiten Lockdown ohnehin kein Licht am Ende des Tunnels zu sehen war. Von daher ist die Debatte ein Weckruf an uns alle, wieder mehr und vor allem direkt miteinander zu sprechen.

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Petra Olschowski: "Uns als Ministerium treffen in dieser Zeit ähnliche Vorwürfe, obwohl wir objektiv nicht wenig kommunizieren. Wenn man solche Konflikte in so einer komplexen Zeit in etwas Positives wenden kann, ist es eigentlich toll."

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Stefan M. Dettlinger: "Den öffentlichen Haushalten werden nach der Pandemie Einnahmen fehlen, die Staatsverschuldung steigt, viele in der Kultur fürchten einen Verteilungskampf, um ihre Förderung und die Existenz."

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Petra Olschowski (Mitte): "Man vergisst manchmal, dass die Fördermittel für die Kultur in den letzten zehn Jahren stetig gestiegen sind, Kürzungsrunde ist in Baden-Württemberg ja fast schon ein Fremdwort. So wird es womöglich nicht weitergehen. Andererseits haben wir alle miteinander einen enormen Kraftakt hinter uns gebracht, wenn wir die Krisenzeit geschafft haben. Auch um die Kultur und andere Bereiche durch diese schwierige Zeit zu bringen. Da würde es wenig Sinn machen, gerade in diesen Bereichen zu sparen, wenn es wieder losgeht. Aber das wird kein Selbstläufer. Vielleicht wird es für die Kommunen komplizierter als fürs Land. Es ist wahnsinnig wichtig, dass Land und Kommunen ein Commitment für die Kultur abgeben. Das wird nicht heißen, dass man Erhöhungen im Kulturbereich immer genau so umsetzen kann wie geplant. Aber wir müssen uns darauf verständigen, die bestehenden Strukturen so stabil wie möglich durch die nächsten Jahre zu bringen. Zumal sich die Kultur in der Krise solidarisch gezeigt und einen hohen Preis bezahlt hat. Christian Holtzhauer (rechts): "Im Moment ist die größte Aufgabe Substanzsicherung." Thorsten Riehle (links): "Die Haushalte kommen unter Druck. In Mannheim werden wir einen ein- statt zweijährigen Haushalt beschließen. Dazu kommt die Sanierung des Nationaltheaters, eine enorme Aufgabe. Ich mache mir weniger Sorgen um die Institutionen, mehr um die Soloselbstständigen im Kulturbereich. Da muss man die Künstlersozialkasse zu einer echten Sozialversicherung ausbauen, auch in Richtung Arbeitslosigkeit oder Kurzarbeit. Wir müssen auch darüber diskutieren, wie wir Kultur in der Zukunft verstehen. Es gab mal den Spruch „Mannheim hat ein Nationaltheater und 300 000 Intendanten“. Wenn ich heute meine 14-jährige Nichte frage, was sie unter Kultur versteht, kommt sie nicht auf das NTM. Aber wir dürfen nicht das Eine gegen das Andere ausspielen."

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Jörg-Peter Klotz: "Revolutionär wäre es ja, wenn man aus dem Wort Verteilungskampf das Wort teilen extrahiert – wenn zum Beispiel der Tanker Nationaltheater schwächere Partner ins Boot holt und unterstützt."

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Christian Holtzhauer: "Unbedingt! Wenn die Maschinen unter Volldampf stehen und der Tanker fährt, hat das NTM eine ungeheure Zugkraft. In dem Moment aber, wo es – wie zurzeit – ausgebremst ist, ist es auch sehr schwerfällig. Beim Teilen sind wir schon gar nicht so schlecht, wenn auch noch Luft nach oben ist: Ich sehe das NTM als Ressource der Stadt, als Dienstleister der Stadtgesellschaft, was weit über die Produktion von Theatervorstellungen hinausgeht. Wir stellen freien Kollektiven mietfrei Arbeitsräume zur Verfügung, der Fundus, Kostüme und Requisiten können von vielen genutzt werden, wir machen Koproduktionen mit freien Theatern. Wir haben auch Schauspieler ausgeliehen an die Wormser Nibelungenfestspiele. Das Capitol, wir und andere Partner haben im Oktober bei der Kulturnacht „Mannheim solidarisch“ unsere Bühnen freien Künstlern zur Verfügung gestellt. Ich bin fest gewillt, das fortzusetzen. Was ich nicht sinnvoll finde, sind Etatkürzungen oder -umverteilungen. Das setzt ein falsches Signal. Nur eine Institution, die in vollem Saft steht, ist in der Lage, abzugeben und zu teilen. Ich denke über die Kulturlandschaft als System kommunizierender Röhren nach: Wenn man an einer Stelle Flüssigkeit abzieht, sinkt der Wasserstand in allen anderen Röhren. Und umgekehrt."

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Petra Olschowski: "Sich als Theater – wie Herr Holtzhauer sagt – als Teil der Stadtgesellschaft zu verstehen und in der Krise zu schauen, wie man andere beteiligen kann, das ist extrem wichtig, auch für die Zeit danach. Ganz schwierig wird es, wenn alle dann die Rollläden wieder runterfahren und sagen „Hauptsache, ich komme da irgendwie durch.“ Das wäre furchtbar. Wir in der Politik können solche Prozesse moderieren und teilweise Strukturen festlegen. In den ländlichen Räumen zum Beispiel durch die Einführung von Regionalmanagerinnen in Landkreisen, die in der Kultur Vernetzungsarbeit leisten."

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Petra Olschowski: "Die Leute kaufen ja auch Flugtickets nach Mallorca. Was ich eher schwierig finde. Aber es gibt schon eine enorme Nachfrage nach Begegnung und nach Kultur. Das haben wir im letzten Sommer gesehen oder als zuletzt die Museen wieder geöffnet hatten. Wenn wir im Spätsommer zu einem Großteil geimpft sind und sich offensichtlich die Gefahr verringert, schwer zu erkranken, dann vergessen wir auch wieder, was gerade unser Leben prägt. Vielleicht sind wir als Gesellschaft empfindlicher für ganz enge Zusammenrottungen von Menschen. Aber wenn die Leute zuhause bleiben, dann nicht aus Angst. Sondern weil sich eine bestimmte Klientel vielleicht abgewöhnt hat, auszugehen. Anders ist es mit der jüngeren Generation, die das noch gar nicht eingeübt hat. Die müssen wir gewinnen. Generell haben wir aber schon vor Corona immer wieder darüber gesprochen, wie sich das Publikum verändert, welche Herausforderung der Generationswechsel ist... Die Kultur wird in Öffentlichkeitsarbeit und Umstrukturierung noch mal anders investieren müssen. Das Thema wird – wie manches unter Corona – gerade zusätzlich angetriggert. Möglicherweise müssen die Kultureinrichtungen darauf sehr, sehr schnell reagieren. Deswegen müssen wir ihnen eine gewisse Beweglichkeit geben. Auch dafür brauchen wir eine Übereinkunft zwischen Land und Kommunen, was die Finanzierung angeht." Thorsten Riehle: "Ich bin mir sehr sicher, dass die allermeisten erstmal sehr zurückhaltend gegenüber Fremden sein werden. Und direkt neben einem Fremden im Theater sitzen zu wollen, das ist das, was wir brauchen. Damit meine ich nicht das NTM, sondern wir Freien, die gewohnt sind, kein Geld vom Staat zu bekommen und eigenverantwortlich wirtschaften zu müssen. Es ist existenziell, dass wir darauf vertrauen können, dass wir wieder mit 12 000 Menschen in der SAP Arena, mit 700 im Capitol, im Rosengarten mit 2500 spielen können."

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Stefan M. Dettlinger: "Aber das kann ja niemand gewährleisten. Wir werden es psychologisch nicht vorhersehen können, wie die Menschen sich fühlen."

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Christian Holtzhauer: "Ich mache Theater, weil mich die analoge Aufführungssituation, die direkte Begegnung von Kunst und Rezipient interessiert. Trotzdem glaube ich, dass auch für uns im digitalen Bereich eine ganze Menge zu holen ist. Es ist ja eh unsere Aufgabe, die Veränderungen, die durch die Digitalisierung in der Gesellschaft entstehen, auf der Bühne zu reflektieren. Wir haben bei einigen Projekten gute Erfahrungen damit gemacht, sie in den digitalen Raum zu übertragen. Ich glaube, wir erreichen damit eine Zielgruppe, die sonst nicht ohne weiteres den Weg zu uns ins Haus findet. Wir wollen zum Beispiel ein Projekt zum Schreiben für den digitalen Raum starten. Und unser nächster Hausautor ist sehr technikaffin."

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Thorsten Riehle: "Ich saniere ja nicht mein Haus für mehr als zwei Millionen Euro, um mir dann Avatare da hinzusetzen. Ich will ja, dass die Leute kommen und das Capitol genießen. Die Frage wäre auch: Machen das die Rechtegeber mit? Das merken wir schon bei unserer extrem erfolgreichen Reihe „Rockt zu Hause“. Aber dass wir es zum Beispiel immer noch nicht geschafft haben, uns auf eine App zu verständigen, mit der man sich zur Kontaktverfolgung überall registrieren kann, ist so was von lächerlich für diesen Industriestandort."

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Jörg-Peter Klotz: "Wir werden 2022 das vollste Veranstaltungsjahr aller Zeiten erleben. Tourneen aus zwei Corona-Jahren treffen auf aktuelle und das Programm spielhungriger Theater. Schwer, dafür genug Publikum zu finden. Von daher kommt die richtig breite Kulturkrise erst später, wenn auch die gestundeten Kosten und Steuern für Kulturschaffende fällig werden."

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Christian Holtzhauer: "Als öffentlich geförderte Institutionen, die nicht unter so großem ökonomischem Druck stehen, ist es unsere Aufgabe, herauszufinden, was die Leute morgen sehen wollen – und dabei ins Risiko zu gehen. Das haben wir vor der Krise womöglich zu wenig getan. Deswegen wäre es fatal, nach der Pandemie einfach da weiterzumachen, wo wir im März 2020 unterbrochen wurden. Auch in der Frage, was das Digitale für die Live-Künste bedeutet, ist es unser Auftrag zu experimentieren. In der Hoffnung, dass andere von den neu entwickelten Formaten profitieren können. Wir sollten international denken und unsere Partner im Ausland unterstützen. Und wir müssen noch zugänglicher werden und unsere Bildungsangebote massiv weiterentwickeln."

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Thorsten Riehle: "Kultur muss in unserer extrem polarisierten Zeit ohne Graubereiche künftig in Zukunft noch stärker dazu beitragen, dass Gesellschaft zusammenhält. In dieser Frage dürfen wir uns nicht auseinander dividieren lassen. Dieser Auftrag wird schwieriger, wenn es für die Kultur heißt: Wie viel gibt es denn weniger?"

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Petra Olschowski: "Stand jetzt kann man dazu nur sagen: Der Anteil der Kultur an den Haushalten ist so gering, dass pauschale Einsparungen wenig Ertrag bringen – aber viel Schaden anrichten können. Das ist uns bewusst."

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Zusammenrücken und Teilen waren die wesentlichen Läsungsvorschläge der zweistündigen Diskussion für die Kultur in und nach der Corona-Krise.

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Aus Stuttgart war Kulturstaatsekretärin Petra Olschowski angereist.

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Nationaltheater-Intendant Christian Holtzhauer....

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... zeigte sich offen und gesprächsbereit.

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Die eskalierte Diskussion nach einem Offenen Brief von Grünen- und SPD-Kulturpolitikern um STadtrat Thorsten Riehle scheint im Naachhinein als produktives, reinigendes Gewitter.

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"MM"-Kulturchef Stefan M. Dettlinger und sein Stellvertreter Jörg-Peter Klotz verstanden sich in dieser kulturpolitischen Talkshow weniger als Moderatoren und journalistische Fragensteller, sondern als Diskutanten.

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Die Diskussion war angeregt....

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... die Lust an direkter Kommunikation ausgeprägt,....

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Mehr zum Thema

Diskussionsrunde (Audio)

Nachdenken über Mannheims Kultur nach Corona

Nach dem Streit in der Mannheimer Kulturpolitik hat diese Redaktion Kulturstaatssekretärin Petra Olschowski, NTM-Schauspiel-Intendant Christian Holtzhauer und Capitol-Chef Thorsten Riehle zur Diskussion gebeten.

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... so hätte die Runde womöglich auch noch länger getagt als zwei Stunden.

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