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Würziger Harzgeruch liegt in der Luft - Aus der Nordmanntannenkultur tönen die gedämpften Geräusche einer Motorsäge

Vorboten auf das Weihnachtsfest

Von 
Elisabeth Englert
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Den kräftigen Scheren hält selbst der stärkste Nordmann nicht stand. © Elisabeth Englert

Volkstrauertag, Totensonntag, Novembertristess – sicherlich denkt manch Zuckerbäcker der Glückshormone wegen bereits an Weihnachtsplätzchen. An einen Christbaum fürs Weihnachtsfest denkt wahrscheinlich noch niemand.

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Eubigheim. Dennoch ertönen aus der Nordmanntannenkultur die gedämpften Geräusche einer Motorsäge sowie ein regelmäßiges Ritsch-Ratsch.

Dunst liegt in der Luft und ein würziger Harzgeruch, der wohl von frischem Holz stammen muss. Von unlängst geschlagenen Weihnachtsbäumen vielleicht? Dem gilt es auf den Grund zu gehen.

Feucht und rutschig

Die breite, grasbewachsene Fahrgasse ist feucht und rutschig. Unvermittelt taucht aus dem Bodennebel ein Haufen gefällter Nordmanntannen mit bunten Fähnchen auf. Gelb, Rosa, Orange, Blau zieren deren Spitzen. Das Ritsch-Ratsch wird lauter, ein laufender Traktor mischt sich dazu. Nach ein paar Schritten entdeckt man die zügig arbeitenden Männer.

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Einer nimmt die Tanne vom grünen Berg und steckt sie mit dem Stamm voraus in eine Art weiß ummantelten Trichter, der an einer langen Vorrichtung am Traktor hängt. Das grüne Gewächs wird von scheinbar unsichtbarer Hand durchgezogen und kommt schlank und hell verpackt aus diesem Zylinder, an dessen Ende ein weiterer Arbeiter das schützende Netz abtrennt. Ein Dritter stapelt den eingenetzten Baum schnell nebenan, denn die nächste Tanne wird schon gebracht.

Das klackernde Ritsch-Ratsch ist das Geräusch der Netzmaschine, mit ihrem unablässigen Hin- und Herziehen der Bäume. Es läuft wie am Schnürchen, kein Wunder, dass die flott und eingespielt arbeitenden Männer trotz der Kühle dieses Morgens ins Schwitzen geraten.

„Es ist Hochsaison“, erklärt Stefan Bopp, Herr der unzähligen Nordmanntannen rund um den zu Eubigheim gehörenden Weiler Neidelsbach. Üblicherweise prägen Getreide, Mais, Futterpflanzen, Zuckerrüben und Streuobstwiesen das Landschaftsbild. Die Baumkulturen fallen auf, sind sie doch für die Region eher untypisch.

Sitz des Bopp’schen Familienunternehmens ist der im nahen Odenwald gelegene zu Elztal gehörende Ortsteil Muckental. Dort habe sich sein Vater bereits vor über 50 Jahren auf Christbäume spezialisiert. Nun zur heißen Phase helfen Vater, die aus Neidelsbach von einem landwirtschaftlichen Gehöft stammende Mutter sowie Ehefrau Lisa mit, die sich im Büro um alles Schriftliche und Organisatorische kümmere.

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„Ich bin derjenige, der draußen ist und guckt, dass alles am Laufen bleibt“, erzählt der leidenschaftliche Landwirt und man merkt ihm die Freude am „Draußen-Schaffen“ an. Unmöglich, sich den Odenwälder in einem Büro vorzustellen, wenn er mit fachmännischem Blick durch seine Kulturen streift, hie und da mit anpackt, seinen Hund Dino an der Seite. Die „Erntezeit“ – auch bei Bäumen spricht man von Ernte – sei sehr arbeitsintensiv und der Personaleinsatz dementsprechend hoch.

Abgezwickte Bäume

Die zuvor gekennzeichneten Bäume werden mittels eines Cutters abgezwickt. Willkürlich anmutend fahren Arbeiter mit Balkenmähern vergleichbaren Maschinen durch das Areal. Statt eines Messers befinden sich vorn große Scheren, die sich um den Stamm legen und ihn abtrennen. Willkürlich sei dies keineswegs, die einstmals schnurgeraden Reihen seien durch das jährliche Schlagen der Bäume nicht mehr so geschlossen und daher schwerer erkennbar. Ob dicker oder dünner Stamm, bei diesen kräftigen Hummerscheren fällt der kräftigste Nordmann wie der sprichwörtliche Baum.

Stopp – die Sägegeräusche haben wir noch nicht erklärt. Diese entstammen tatsächlich einer handelsüblichen Motorsäge, die auf dem Lande nahezu ein jeder sein Eigen nennt. Damit werde der unterste Astkranz, der oft nicht so schön gewachsen sei, abgetrennt. Zudem müsse der Christbaum, seiner Bestimmung entsprechend, in den Christbaumständer passen.

Mit einem sogenannten Baumlift werden die nach Etiketten sortierten Bäume in die Paletten gehoben. Eine Arbeitserleichterung, denn dank des Liftes müssten sie nur etwa 60 Zentimeter angehoben werden. Wie beim Stapeln von Heuballen, stehe ein Mann oben in der Palette und lade die Bäume, damit sie ihre Reise unbeschadet überstünden. Diese führe zuerst zum Ladeplatz im heimischen Muckental und von da aus „nach überall hin.“ Um es etwas zu konkretisieren, die Bäume aus dem beschaulichen Weiler landen beispielsweise in Mannheim, Frankfurt, Nürnberg oder Bamberg.

Hierbei erleichtere die Etikettierung die Arbeit. Schlanke Bäume kämen eher nach Mannheim mit den für eine Arbeiterstadt vorherrschenden kleineren Wohnungen, wohingegen dichte, breitere Bäume gerne die großen, hohen Räume in Frankfurts noblen Altbauten zierten.

Überhaupt gehe der Trend verstärkt zum einfacheren, weniger dichten Baum. Da habe man nämlich Platz – man höre und staune – für Wachskerzen sowie für sonstigen Baumschmuck.

Momentan werde jeden Tag geschlagen bis hin 20. Dezember. Die aktuell gefällten Bäume stünden ab dem ersten Advent in Foyers von Altenheimen, Krankenhäusern, Firmen oder anderweitigen öffentlichen Einrichtungen. Zwischen Schlagen und Abtransport liege keine Woche. Überhaupt biete man stets „frische Ware.“ Durch die kurze, nur etwa sechswöchige Saison müsse man immer wieder nach draußen. „Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung“, so Bopp pragmatisch. Da könne man keine Rücksicht drauf nehmen.

Mit Rücksicht indessen pflege er seine Kulturen. Erkennbar sei dies zum einen an den hohen, welken Samenständen zwischen den Bäumen. Sonnenblumen, Malven, Mohn oder Phacelia lockten hier zur Blütezeit Schmetterlinge, Insekten oder Vögel an.

Nun überwinterten an den dürren Halmen Eier, Larven oder Puppen. Nadelgehölze samt kahlem Grund suche man vergebens. Vielmehr ist der zweifache Familienvater überzeugt, müsse man die Ressourcen schonend behandeln. „Wenn wir unsere Böden kaputtmachen, haben wir nichts mehr davon“, gibt er sich nachdenklich. Daher, so seine Betriebsphilosophie, so nachhaltig wie möglich bewirtschaften.

Nachdenklich reagiert er auch auf die Frage nach in Bioqualität erzeugter Ware. Die Nährstoffversorgung sei hier die Herausforderung. Diese nämlich müsse man zuführen, um sattgrüne Nadeln zu erhalten. Dennoch sei auch ein etwas hellgrünerer Baum frisch und gesund und halte ebenso lange. Der Kunde aber suggeriere mit Sattgrün Frische, Gesundheit und Haltbarkeit. Somit lege der Verbraucher selbst die Hürde zur Bioproduktion hoch. Während bei Obst und Gemüse in den letzten Jahren ein Umdenken zu beobachten sei, auch der Apfel mit der kleinen Beschädigung vom Hagelkorn oder die krumm gewachsene Gelbe Rübe fänden einen Käufer, sei der Verbraucher bei seinem Weihnachtsbaum noch nicht so weit.

Möglichst herbizidfrei

Um möglichst herbizidfrei zu arbeiten, habe er dieses Jahr eine Pflegemaschine angeschafft, die durch die Reihen fahre, mechanisch die Unkräuter bekämpfe und den Boden belüfte. Auf diese Weise sei manch Pflanzenschutzmaßnahme vermeidbar und wenn doch einmal nötig, dann nur punktuell und nicht in der Fläche, was natürlich, wie die ganze Ernte auch, mit hohem händischen Einsatz verbunden sei.

Es scheint zu funktionieren, denn der 36-Jährige ist zufrieden mit der diesjährigen Ernte, nicht zuletzt wegen der Niederschläge. Die Bäume seien rund ein Viertel schwerer, weil voller mit Wasser. „Es war ideales Nordmannwetter.“

Wenig überraschend, dass der kühle, verregnete Sommer den im Kaukasus beheimateten Gesellen gefiel. Doch Spaß beiseite, bezüglich der Haltbarkeit habe er keinerlei Bedenken. Dennoch tue es der Deutschen liebstem Christbaum gut, wenn er vor dem Aufstellen im warmen Zimmer ein paar Tage im Kühlen verbleibe. Das Harz werde dann fest und die Nadeln hafteten am Baum. Dann können noch lange am Weihnachtsbaum die Lichter brennen.

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