Tolles Farbenspiel - Seit vier Jahren bauen die Nebenerwerbslandwirte Theodor und Christina Bender die außergewöhnliche Kulturpflanze an

Leuchtender Mohn ist ein Augenschmaus

Von 
Elisabeth Englert
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Ein rosa-violettes Blütenmeer erstreckt sich nahe des Creglinger Stadtteils Sechselbach bis zum Horizont – und ist von weit her sichtbar. © Elisabeth Englert

Sechselbach. Sattes Rosa-Violett begrenzt den Horizont in der Ferne. Wüsste man nicht, dass man auf dem Weg zu einem Mohn anbauenden Betrieb wäre, könnte man es für eine Fata Morgana halten.

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Nicht im Nahen Osten

Doch weit gefehlt, wir befinden uns nicht im Nahen Osten, vielmehr im beschaulichen Creglinger Ortsteil – an der Landesgrenze zu Bayern. Die rosa-violetten Mohnfelder sind von Theodor und Christina Benders Wohnhaus aus zu sehen und machen neugierig. Immer wieder ziehen sie die Blicke an, und man kommt nicht umhin, das Farbenspiel aus der Nähe zu bestaunen.

Eine kraftvoll leuchtende Augenweide wiegt sich sanft im Wind, die seidenpapierfeinen, leicht knittrigen Blütenblätter sind rosa schattiert und weisen zur Mitte hin einen dunkelvioletten Fleck auf. Einzelne Knospen sind noch geschlossen, bei anderen ist die Kapsel schon da.

Seit vier Jahren baut der Agraringenieur diese außergewöhnlichen Kulturpflanzen an. Als er vor sieben Jahren den elterlichen Familienbetrieb übernommen hat, habe er nach ackerbaulichen Alternativen gesucht. Der Strukturwandel, der oftmals mit dem Generationswechsel einhergeht, stelle die Landwirtschaft vor große Herausforderungen. Einerseits sei man Pfleger und Nutzer der heimischen Kulturlandschaft, andererseits Wirtschaftszwängen unterworfen, wie etwa großen Feldern mit gleichmäßiger Fruchtfolge. Der hierdurch zurückgehenden Artenvielfalt versuchte er entgegenzuwirken.

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Ein Buch über Mohnanbau seines ehemaligen Dozenten an der Fachhochschule brachte ihn schließlich zum Blaumohn, der nun neben Getreide, Mais und Zuckerrüben auf seinen Feldern im fränkischen Grenzgebiet gedeiht.

Bereits die Aussaat des Wintermohns sei aufgrund des winzigen Samenkorns eine Herausforderung. „Ich habe die Sämaschine umgearbeitet“, erklärt der Nebenerwerbslandwirt, der nach seinem Studium umgehend in den Arbeitsmarkt im agrarwirtschaftlichen Sektor eingestiegen ist. Dann sei es aber auch schon vorbei mit der maschinellen Arbeit, denn das Unkraut werde größtenteils von Hand gehackt. Seine Eltern machten da sehr viel, „sonst könnten wir das nicht schaffen.“ Und seine Frau Christina ergänzt: „Das geht nur im Familienverbund.“

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Bender freute sich über die jüngst in seiner Region niedergegangenen Regenschauer, denn ausreichend Niederschlag sei eminent wichtig für Ausbildung und Qualität des Korns, wobei sich Letztere auf Inhaltsstoffe und Ölgehalt beziehe. Bemerkenswerte 30 Prozent stecken im Mohnsamen, so dass Benders einen Teil ihrer Ernte zu hochwertigem, kaltgepresstem Öl verarbeiten.

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Kurze Blütenpracht

Die atemberaubende Blütenpracht währt nur kurz, dann bestimmen zunächst grüne, später bräunliche Kapseln das Landschaftsbild. „Wenn der Samen in der Kapsel raschelt, hat der Mohn die Erntereife erreicht“, erläutert der Fachmann. Nun komme der Mähdrescher zum Einsatz, angesichts des winzigen Korns wiederum eine Herausforderung. „Da braucht’s viel Feingefühl“, lobt die 35-Jährige die Fähigkeiten ihres Mannes. Der Mähdrescher müsse genau eingestellt sein, um weder Körner zu verlieren noch zu viel Kapselbruchstücke in der Ernte zu haben. In einer Reinigungsanlage mit Sieben und Wind werden die Mohnsamen von den unerwünschten Teilen getrennt, so dass der Endverbraucher eine „99-prozentige Reinheit“ erhalte.

Winzig, klein, herausfordernd – die Worte wiederholen sich. Wie hat sich angesichts dessen der unbedarfte Mohnzopfliebhaber den Ernteertrag vorzustellen? Mit einem riesigen Körnerwagen brauche man da nicht vorfahren. „Klein und körnerdicht reicht völlig aus.“ Rund 800 Kilogramm bringe ein Feld, er habe aber auch schon nur 200 Kilogramm erhalten, gibt der dreifache Familienvater zu bedenken. „Die Spannbreite ist groß.“ Um sich’s bildlich vorzustellen – ein Fingerhut Mohnsamen in einer Kapsel.

So traumhaft die Blüte auch ist, so wenig schickt der Verzehr der blauen Samen den Genießer in Morpheus mythologische Traumwelten. Erlaubt sei nämlich in Deutschland lediglich der Anbau zweier morphinarmer Sorten, die nur annähernd Spuren des Betäubungsmittels enthielten. Eine spezielle Erlaubnis der Bundesopiumstelle sei hierfür erforderlich.

Hauptanbaugebiet des Blaumohns sei Osteuropa, das hauptsächlich den deutschen Markt beliefere. Indessen gelte dort nicht die strenge Reglementierung des Morphingehalts, so dass der Mohn vor Einfuhr aufgearbeitet werden müsse.

Überdies könne jener rein geschmacklich nicht mit dem „unaufgearbeiteten“, fränkischen Mohn mithalten, strahlt die mohnfarbig rosa und violett gekleidete Mittelfränkin aus dem Fürther Raum. Die von ihnen belieferten Bäckereien lobten das fränkische Erzeugnis als „aromatischer und mohniger“.

Und hier wartet die nächste Herausforderung auf die jungen Bauersleute – der Absatz. Mohn sei hier wenig etabliert, zudem benötige man für ein Mohnbrötchen nur geringe Mengen. Auch das nussig- mohnig schmeckende Öl stehe in Konkurrenz zu den bekannten Raps- Oliven- oder Sonnenblumenölen und sei eher unbekannt. Dabei eigne es sich für Süßspeisen als auch Salate gleichermaßen. Mohn sei „erklärungswürdig“, so der 39-Jährige bedauernd. Viel Wissen, wie man ihn in der Küche verwende, sei verlorengegangen.

Dennoch sind Benders überzeugt von ihrem Tun. Sehr wichtig sei ihnen ihr Beitrag zu mehr Biodiversität. In einer Zeit, in der die Rapsfelder verblüht und die Wiesen abgemäht seien, tummeln sich dankbar Bienen, Hummeln und allerlei Getier im pollenreichen Blütenmeer. Zu deren Freude blüht und duftet bald der Fenchel auf den Feldern. Darüber hinaus ist der bescheidene, visionäre Landwirt auch offen für andere außergewöhnliche Kulturen, denn er baut auf kleinräumigen Arealen auch Kümmel, Schwarzkümmel, Koriander und den „sehr herausfordernden Anis“ an.

Keine Renaissance

Mohn sei zwar schon früher, besonders durch die Heimatvertriebenen aus Schlesien, Mähren oder Böhmen, hier kultiviert worden, mit der Zeit aber wieder von der Bild- beziehungsweise Ackerfläche verschwunden. Inzwischen gelte er als Alternative zu den bekannten Ackerpflanzen, von einer Renaissance könne indessen nicht gesprochen werden. Dazu müsse der regionale Absatz in Bäckereien sowie der Gastronomie mehr in Gang kommen und Mohn verstärkt in den Küchen Einzug halten.

Es sei im Übrigen ein Mythos, dass man nur gemahlenen Mohn verbacken könne, räumt die gelernte Hauswirtschafterin mit einem Vorurteil auf und hält zahlreiche Rezepte parat.

Ach ja, während des Gesprächs mit den Fränkischen Nachrichten musste sie in die Küche, nach ihrem Kuchen schauen – einem lecker duftenden Mohnkuchen. Was sonst?