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Populationsweizen

Keine Pflanze im Bestand gleicht der anderen

Seit 2022 ist der Anbau im Ökosektor erlaubt. Experte Dr. Torsten Siegmeier bezieht Stellung

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ble
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Der Populationsweizen hat sich bei den Anbauversuchen bewährt.

Seit 2022 ist der Anbau von heterogenem Populationsweizen im Öko-Landbau erlaubt. Was das ist und in Zeiten des Klimawandels bringt, erläutert Dr. Torsten Siegmeier von der Universität Kassel im Interview. Der Agrarwissenschaftler hat den genetisch vielfältigen Weizen in einem Forschungsprojekt gemeinsam mit dem Kompetenzzentrum Ökologischer Landbau Baden-Württemberg (LTZ) und dem Verein „Die Freien Bäcker“ untersucht. Populationsweizen lässt sich bestens anbauen, verbacken und vermarkten.

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Herr Siegmeier, was ist eigentlich Populationsweizen?

Torsten Siegmeier: Das Erbgut von Populationsweizen ist, anders als bei üblicherweise angebauten Weizensorten, nicht einheitlich, sondern genetisch divers. Keine Pflanze im Bestand gleicht der anderen. Beispielsweise gibt es innerhalb einer heterogenen Weizenpopulation Pflanzen, die gut mit Trockenheit und Hitze zurechtkommen. Andere vertragen viel Nässe. Durch diese genetische Vielfalt auf dem Weizenfeld sinkt für die Landwirte das Risiko von Ertragseinbußen oder Ernteausfällen.

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Alexander Jungert
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Für den Ökolandbau werden bereits seit längerem robuste Sorten gezüchtet. Was unterscheidet diese Öko-Sorten von den heterogenen Populationen?

Siegmeier: Öko-Sorten sind an die speziellen ökologischen Anbaubedingungen angepasst. Viele Öko-Züchter nutzen Populationen quasi als genetische Schatztruhe für ihre Züchtungsarbeit. Aus den Populationen wählen sie gezielt einzelne Pflanzen mit gewünschten Eigenschaften aus und züchten damit weiter. Im Ökolandbau gefragt sind zum Beispiel Sorten, die viel Blattmasse bilden, damit die Pflanzen den Boden gut bedecken und dadurch Unkräuter besser unterdrücken können. Doch die Anforderungen können sich in der Zukunft ändern. Dann muss ich als Züchter diesen ganzen Baukasten an Eigenschaften wieder neu sortieren. Populationen sind für den Ökolandbau daher eine sehr gute Ergänzung. Denn in ihrer enormen genetischen Vielfalt vereinen sie wesentlich mehr Eigenschaften als einzelne Sorten.

Wo überall wird Populationsweizen bei uns schon angebaut?

Siegmeier: Noch ist Populationsweizen eine absolute Nische. Ich schätze, dass er bundesweit auf weniger als 500 Hektar angebaut wird. Das sind vor allem unsere Partnerbetriebe und einige weitere Landwirte. Erfreulicherweise hat das Projekt „Bakwert“ hier Impulse gesetzt und strahlt bereits aus: So sind dieses Jahr allein im Raum Hannover rund 80 Hektar mit Populationsweizen neu dazugekommen, angestoßen durch unseren Kooperationspartner, dem Verein Die Freien Bäcker.

Ist der Anbau von Populationen für Landwirte kompliziert?

Siegmeier: Was das Handling angeht, gab es im Anbau absolut keine Probleme – von der Kulturführung und der Ernte bis zur Reinigung. Die Landwirte sind alle schon sehr gespannt, was die nächste Ernte bringt – auch deshalb, weil das letzte Jahr von der Witterung her natürlich sehr speziell war und es zu Unzeiten sehr stark geregnet hat.

Wie zufrieden waren die Bäckerinnen und Bäcker mit dem Mehl des Populationsweizens?

Siegmeier: Für die Bäckereien gab es keinerlei Einschränkungen. Die Qualität ist absolut vergleichbar mit den Rohstoffen, die sie sonst verbacken. Manche sagten sogar, sie könnten eins zu eins ihre gesamten Weißmehlprodukte mit dem Populationsmehl backen, es sei komplett austauschbar. Es gab also auch für die Bäcker keine zusätzlichen Herausforderungen. Dass ein Rezept bei einer neuen Mehlcharge auch mal angepasst werden muss, liegt in der Natur des handwerklichen Backens mit regionalen Rohstoffen.

Schmecken Brote und Backwaren aus Populationsweizen anders?

Siegmeier: Das können definitiv nur Profis, also Sensorikfachleute oder die Bäcker selbst herausschmecken. Aus einer französischen Sensorikstudie wissen wir, dass Populationsweizen nussiger schmecken kann. Außerdem ist das Mehl gelblicher und nicht so weiß. Was ich am Ende schmecke, hängt von der Rezeptur ab und nicht maßgeblich von einer einzelnen Zutat. Ausschlaggebend für den Geschmack ist also, was in der Backstube mit dem Rohstoff passiert. Unsere Partnerbäckereien haben Anfang des Jahres verschiedenste Backwaren aus Populationsweizen hergestellt. Darunter waren Krustenbrot, Seelen oder Brioche. Die Kundschaft war durchweg begeistert.

Was können Verbraucher tun, dass mehr Populationsweizen auf unsere Felder kommt?

Siegmeier: Entscheidend für die Erzeuger ist, dass sie ihre Ernte gut vermarkten können. Und dafür brauchen sie die Nachfrage der Bäckereien und deren Kundschaft. Umso wichtiger ist es, dass die Verbraucher lokale Handwerksbetriebe unterstützen – statt kurzfristigen Trends wie etwa Urkorngetreide hinterherzulaufen. Wenn ich bei einer handwerklich arbeitenden Bäckerei vor Ort einkaufe, kann ich nach Populationsweizen fragen. Schließlich spielen die Bäckereien eine entscheidende Rolle im Transformationsprozess hin zu anderen Anbauverfahren und anderen Sorten. Sie sind diejenigen, die bei ihren Erzeugern oder der Mühle bestimmte Qualitäten verlangen können.

Von welchen Nutzpflanzen gibt es schon heterogene Populationen?

Siegmeier: In Deutschland haben wir schon Mais, Winter- und Sommerweizen und Roggen. In Italien gibt es Hartweizen und anderswo in Europa bereits Hafer und Gerste. All diese Nutzpflanzenarten durften bis 2020 nur zu Forschungszwecken temporär angebaut werden. Seit Januar 2022 erlaubt die EU-Öko-Verordnung den Anbau von sogenanntem ökologisch heterogenem Material, darunter fallen auch die Weizenpopulationen. Das wird der genetischen Vielfalt auf dem Acker auf jeden Fall einen Schub geben.

Wie lautet denn Ihre Prognose? Werden auf lange Sicht heterogene Populationen die herkömmlichen Sorten von den Äckern verdrängen?

Siegmeier: Nein, im Ökolandbau sind heterogene Populationen eine Alternative, die mehr Vielfalt bringen. Die traditionelle Züchtung ist unsere Grundlage für Ertragszuwächse und wird es auch in Zukunft bleiben. Aber wir wissen nicht, was der Klimawandel bringen wird. Und auch nicht, mit welchen Schädlingen wir es zukünftig zu tun haben werden. Wir brauchen deshalb so viele Optionen wie eben möglich, also nicht nur möglichst viele Sorten, sondern auch Populationen. Das muss man sich wie bei einem Aktienfond vorstellen: Wenn ich investiere, setze ich auch nicht nur auf eine oder zwei Aktien. Stattdessen bastele ich mir ein Portfolio, wo ich das Risiko möglichst breit streue. So müssen wir das auch für unser Ernährungssystem sehen und im Anbau umsetzen. ble

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