Die gesetzlichen Vorgaben ändern sich zum 1. Januar 2019 - Kastration der männlichen Ferkel darf dann in Deutschland nicht mehr ohne Betäubung erfolgen Enorme Kosten und hoher Arbeitsaufwand

Von 
Klaus T. Mende
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Schweinehalter appellieren an die deutsche Politik, Bauern die Betäubung bei der Ferkelkastration zu ermöglichen. Ab 2019 darf die Kastration der wenige Tage alten Schweine nur noch mit Betäubung durchgeführt werden. Anders als in Nachbarländern wie Holland und Dänemark sollen in Deutschland nur Tierärzte das Recht auf den Eingriff erhalten.

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Mehr als 20 Millionen männliche Ferkel werden pro Jahr hierzulande kastriert. Zum 1. Januar 2019 ändern sich die gesetzlichen Vorgaben, denn dann darf dies nicht mehr ohne Betäubung erfolgen.

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"Bis jetzt ist es so, dass der Landwirt seine Ferkel bis zum siebten Tag nach der Geburt kastrieren durfte. Er musste ihnen ein schmerzlinderndes Mittel verabreichen", erklärt Herbert Klein von der UEG in Niederstetten-Adolzhausen. Ab 2019 stünden mehrere Alternativen im Raum.

Die erste sehe vor, Ferkel nicht mehr zu kastrieren und Eber zu mästen. Weiterhin gebe es die Immonkastration. Dies bedeute, so der Schweine-Experte, männliche Ferkel nicht mehr zu kastrieren, ihnen dafür mit etwa 40 kg einen Impfstoff zu verabreichen, der Einfluss auf die Hodenausbildung habe.

Die Impfung werde vier Wochen vor der Schlachtung wiederholt. Dadurch werde die Hodenbildung stark reduziert, es trete bei der Schlachtung "in der Regel der ungewünschte Ebergeruch nicht mehr auf." Gleichfalls sei die Fettqualität besser als bei den reinen Ebern und das Fleisch könne in der Verarbeitung besser genutzt werden. Und die dritte Möglichkeit sei, "Ferkeln Betäubungsmittel zu verabreichen und zu kastrieren".

Bestehende Gefahr

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Wo es Licht gebe, sei jedoch auch Schatten vorhanden. "Wenn man Eber mästet, besteht die Gefahr, dass bei bis zu fünf Prozent das Fleisch nach Eber riecht bzw. beim Anbraten stinkt und ungenießbar ist. So wird nach dem Schlachten ein Geruchstest durch geschultes Personal durchgeführt, um die 'Stinker' zu eliminieren", klärt Herbert Klein auf. Das gelinge mit hohem Aufwand in der Praxis gut.

Allerdings bestehe das Risiko, dass doch mal ein Tier in den Lieferprozess komme. Wenn ein Verbraucher solch ein Fleisch kaufe und es seinen penetranten Geruch beim Braten verbreitet, sei die Gefahr groß, dass "er kein Schweinefleisch mehr kauft".

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Weiteres Problem sei, dass "die Fettqualität schlechter als bei kastrierten oder weiblichen Tieren ist", führt der UEG-Mann weiter aus. Sie sei "weicher und deshalb für Räucherwaren wie Schwarzwälder Schinken schlechter zu nutzen".

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Für die Bauern ergäben sich ebenso Nachteile. Die Eber müssten getrennt von den weiblichen Tieren aufgezogen werden, da sie sonst im späteren Alter eventuell sexuell aktiv würden und die weiblichen Tiere befruchteten. Zusätzlich hätten sie einen anderen Futteranspruch mit mehr Aminosäuren im Futter, um das Wachstum voranzubringen. Für kleinere Betriebe in Süddeutschland sei die getrennte Mast schwierig durchzuführen, auch die unterschiedliche Fütterung. Denn so müsse in Stallumbauten und neue Fütterungssysteme investiert werden.

Metzger lehnen ab

"Der Markt in Süddeutschland ist noch zu 30 Prozent auf die Metzgervermarktung ausgerichtet, sie lehnen den Einkauf von Ebern ab, da sie keine geeigneten Voraussetzungen für die Erkennung des Ebergeruches haben und auch das Fleisch nicht entsprechend verarbeiten können", bringt es Herbert Klein auf den Nenner. Käufer aus Italien, wie auch andere Exportmärkte, lehnten Eberfleisch ohnehin ab. Somit sei es schwierig, Eber überhaupt zu mästen, "da viele Abnehmer sie nicht kaufen wollen".

"Die Impfung gegen Ebergeruch wird in der Öffentlichkeit zum Teil falsch verstanden", sieht Herbert Klein Lücken, was die Aufklärung der Gesellschaft angehe. Es werde von Hormonfleisch gesprochen, dem sei aber nicht so.

Bei der Impfung werde zwar Einfluss auf den Hormonhaushalt genommen, so dass sich die Hoden nicht mehr entwickelten. Aber es würden keine Hormone gespritzt und verfüttert. "Nach wissenschaftlichen Untersuchungen wurden niemals Hormone im Fleisch nachgewiesen. Der Lebensmittelhandel fürchtet allerdings eine unsachliche Medienkampagne, die dann ebenfalls zu massiven Einbrüchen im Fleischverzehr führen könnte." Für den Bauern habe der Einsatz Vor-und Nachteile. Er brauche die Tiere nicht mehr trennen, da sie "nach der zweiten Impfung keinen sexuellen Antrieb mehr haben", argumentiert der UEG-Frontmann. Negativ sei, dass der Landwirt einen hohen Arbeitsaufwand beim Impfen der Tiere habe und der Impfstoff teuer sei (vier bis fünf Euro/Ferkel).

Mehrere Varianten

Es gebe Varianten der Betäubung, die (alle müssen durch einen Tierarzt durchgeführt würden, was zusätzliche Kosten verursache). Betäubung mit "Insufluran": Dazu brauche es eine Maschine für etwa 10 000 Euro. Zudem müssten alle Ferkel zur Maschine gebracht werden (hoher Arbeitsaufwand). "Vorteil der Narkose ist, dass die Ferkel nach zehn Minuten wieder fit sind", so Klein. Problem sei, das "Isufloran" sei in Deutschland noch nicht offiziell zugelassen sei und könne nur mit Ausnahmegenehmigung eingesetzt werden könne. Die Kosten für die Kastration eines Tieres würden bei bis zu zehn Euro liegen. Betäubungsspritze: Das Ferkel werde voll narkotisiert. Dies habe sich als nicht praxistauglich herausgestellt. Die Ferkel werden in der Regel nach drei Tagen kastriert, um eine möglichst kleine Wunde zu hinterlassen und damit der Wundschmerz nach Abebben der Narkose gering bleibe.

"Bei Versuchen in UEG-Betrieben haben wir festgestellt, dass die Ferkel sechs Stunden im Halbbewusstsein bleiben. Sie kühlen aus und kommen zu spät ans Gesäuge der Mutter, um wichtige Nährstoffe der Muttermilch aufzunehmen", bilanziert Herbert Klein. Die Muttersau laufe Gefahr, eine Euterentzündung zu bekommen, dass sich die Milch staue. Zudem müsse der Bauer die halblebendigen Tiere ständig beobachten, damit sie nicht erdrückt würden. Der Einsatz des Narkosemittels verursache die gleichen Kosten wie die Gasbetäubung. Lokales Betäubungsmittel: Der Tierarzt spitze das Betäubungsmittel lokal in Hoden oder Hodensack. Hierbei werde das Tier nicht vollständig betäubt und könne nach der Kastration gleich wieder an das Gesäuge der Mutter zurückkehren. Dieses Verfahren werde auch in Schweden angewandt mit einem neuern Betäubungsmittel, das noch besser als das hier in Deutschland zugelassene Mittel wirke. Bisher sei es aber nicht zugelassen. Dieses Verfahren bevorzugten die Landwirte in Süddeutschland, da es praktisch umzusetzen sei. Deren Wunsch sei, dass "sie die lokale Narkose selbst vornehmen dürfen". So sei es in Schweden - nach einem Kurs und Befähigungsnachweis.

"Die Politik hat sich, durch Nichtregierungsorganisationen angetrieben, dazu treiben lassen, dass ab 2019 keine Kastrationen ohne Betäubung mehr durchgeführt werden dürfen", findet Herbert Klein in seinem Fazit kritische Worte. Kein anderes EU-Land, viele produzierten wesentlich mehr Schweine, hätten solch eine Regelung gesetzlich veranlasst. Dort vertrete man die Auffassung, dass "es bisher noch keine vernünftige Betäubungsmethode gibt, die für den Tierschutz Vorteile bringt". Das Tier werde auch durch die verschiedenen Betäubungsmethoden gestresst, der Schmerz sei nicht weniger als bei der bisherigen jahrhundertalten Methode. "Dem stimmt auch die UEG voll zu. Die Betäubung kann auch den nachträglichen Wundschmerz nicht ausschalten. Hierzu wird auch schon heute ein langanhaltendes Schmerzmittel verabreicht." Dieses sei auch noch zur Narkose zusätzlich zu geben.

Enormer Aufwand

Die Kosten und der Arbeitsaufwand seien enorm und würden dazu führen, dass vor allem kleinere Betriebe wieder aufhören werden. "Dies führt zu einer Verschärfung des Strukturwandels", meint Klein abschließend. In Deutschland würden jedes Jahr schon zwölf Millionen Ferkel aus Dänemark und Holland importiert, das werde den Importbedarf noch weiter erhöhen. "Ist dies politisches Ziel? Wenn Fleisch aus dem Ausland nach Deutschland kommt, ist das unter gleichen Bedingungen erzeugt?" Die deutsche Schweinehaltung werde mit hohen Kosten belastet, die dem Tierschutz keinen Vorteil bringe, aber der Wettbewerbsfähigkeit schade. "Wir stellen uns die Frage, ob man politisch den Veredlungsstandort Deutschland nicht mehr will oder lieber den NGOs nachgibt, die sich besser öffentlich darstellen als die Landwirtschaft?"

Redaktion Mitglied der Main-Tauber-Kreis-Redaktion mit Schwerpunkt Igersheim und Assamstadt