In vielerlei Funktionen im Agrarbereich aktiv - Laut einer Zählung waren 2020 etwa 36 Prozent aller Arbeitskräfte in den bundesweit 263 500 Betrieben weiblich Die Rolle der Frau in der Landwirtschaft

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bmel
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Frauen sind in vielerlei Funktionen in der Landwirtschaft aktiv – und somit ein wichtiger Bestandteil einer gesamten Branche. © DPA

Bonn. Bäuerin oder Landwirtin, die Frau des Bauern oder eigenständige Unternehmerin? Welche Rolle spielen Frauen als Betriebsleiterinnen oder Mitarbeiterinnen auf landwirtschaftlichen Betrieben heute?

Auf vielen Gebieten tätig

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Frauen sind in vielerlei Funktionen in der Landwirtschaft tätig. Sie sind mitarbeitende Familienangehörige des landwirtschaftlichen Betriebsleiters, ungelernte Arbeitskraft im Mini-Job, Herdenmanagerin, leitende Angestellte im Agrarbüro großer Unternehmen oder eigenständige Agrar-Unternehmerin. Doch oft wird ihre Rolle auf den Betrieben, in der Dorfgemeinschaft, auf Gemeindeebene bis hin zum gesamten ländlichen Raum immer noch unterschätzt und wenig wertgeschätzt. In agrarstatistischen Erhebungen wurde ihre Leistung in der Vergangenheit häufig nicht separat erfasst und die Arbeiten und Tätigkeiten rund um die Landwirtschaft wurden nicht geschlechtsspezifisch ausgewertet.

Laut Landwirtschaftszählung 2020 arbeiteten in Deutschland auf 263 500 landwirtschaftlichen Betrieben rund 936 900 Menschen. Rund 36 Prozent aller Arbeitskräfte war weiblich. Der Frauenanteil bei den Familienarbeitskräften und den ständig Beschäftigten lag bei 33 bzw. 32 Prozent. Etwas überrepräsentiert sind Frauen bei den Saisonarbeitskräften mit 43 Prozent. Hingegen sind nur elf Prozent der Betriebsleitenden weiblich.

Europäischer Vergleich

Zum europäischen Vergleich: Laut Eurostat-Daten von 2017 sind in den Niederlanden fünf Prozent aller Betriebsleitenden Frauen und in Dänemark acht. In Österreich, Italien, Estland und Rumänien wird rund ein Drittel der Betriebe von Frauen geleitet. Den höchsten Anteil an Betriebsleiterinnen erreichten Litauen mit 47 Prozent und Lettland mit 45 Prozent.

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Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes war in Deutschland 2017 der Anteil selbstständiger Frauen in der Landwirtschaft am niedrigsten. Lediglich 15 Prozent betrug der Frauenanteil in den Berufen der Land- und Tierwirtschaft. Dabei waren 2017 im Durchschnitt rund 35 Prozent der Selbstständigen im Alter von 25 bis 54 Jahren Frauen.

Bei den Auszubildenden stellt sich das Geschlechterverhältnis laut Statistik über die praktische Berufsbildung in der Landwirtschaft der Bundesrepublik Deutschland ähnlich dar. 2019 waren im Durchschnitt rund 23 Prozent der Auszubildenden in den Grünen Berufen weiblich.

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Auch in den letzten 15 Jahren lag der Frauenanteil relativ konstant bei rund 22 bis 23 Prozent. Besonders hoch war der Frauenanteil 2019 bei den Hauswirtschaftern (100 Prozent), bei den Pferdewirten (87 Prozent) sowie bei den milchwirtschaftlichen Laboranten (75 Prozent). In absoluten Zahlen entschieden sich 2019 die meisten Frauen, die sich für eine Ausbildung in einem Grünen Beruf entschieden, für eine Ausbildung zur Gärtnerin, Landwirtin oder Pferdewirtin.

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Bei den Studenten ist der Frauenanteil vergleichsweise hoch. So waren 2019/2020 rund 48 Prozent der rund 16 600 Studenten der Agrarwissenschaften bzw. Landwirtschaft Frauen, im Studienfach Gartenbau lag der Frauenanteil bei rund 41 Prozent, im Studienbereich Forstwissenschaften und Holzwirtschaft lag er bei 36 Prozent.

Gut ausgebildet

2019 wurde im Auftrag des Deutschen Landwirtschaftsverlags (DLV) durch das Unternehmen AgriExperts zum Thema Frauen in der Landwirtschaft eine Umfrage gemacht. Die 514 teilnehmenden Frauen sind gut ausgebildet. 68 Prozent von ihnen haben eine Berufsausbildung absolviert, davon 29 Prozent eine landwirtschaftliche Lehre und 22 Prozent eine kaufmännische. 32 Prozent der Umfrage-Teilnehmer haben studiert, davon 22 Prozent an landwirtschaftlichen Hochschulen.

Ein Drittel der befragten Frauen gab an, dass sie mehr als 40 Stunden pro Woche im Betrieb arbeiten. 17 Prozent arbeiten 30 bis 40 Stunden im landwirtschaftlichen Betrieb. Weniger als 20 Stunden Tätigkeiten in der Landwirtschaft pro Woche gaben 32 Prozent der Frauen an. Die Haupttätigkeiten liegen in der Stallarbeit und Tierversorgung. Dies gaben knapp zwei Drittel der Befragten an, gefolgt von 62 Prozent Nennungen für Buchführung und Büromanagement. Weniger als ein Viertel der Angaben verzeichnete die Feldarbeit, gefolgt von der Öffentlichkeitsarbeit (14 Prozent) und der Direktvermarktung (zwölf Prozent).

Gut die Hälfte der Frauen trifft betriebliche Entscheidungen gemeinsam mit ihrem Partner, bei knapp 30 Prozent sind die Frauen zwar in die Entscheidung mit eingebunden, das letzte Wort hat aber der Partner, so die Umfrage. Jede 10. Frau gab an, gar keinen Einfluss auf die betrieblichen Entscheidungen in der Landwirtschaft zu haben.

Aktuelle Studie

Die vielfältige Lebenswirklichkeit von Frauen auf landwirtschaftlichen Betrieben untersucht die aktuelle Studie „Die Lebenssituation von Frauen auf landwirtschaftlichen Betrieben in ländlichen Regionen Deutschlands – eine sozioökonomische Analyse“. Regionale Unterschiede werden hier ebenso berücksichtigt wie unterschiedliche Betriebsformen und Lebensentwürfe. Sowohl Betriebsleiterinnen und Geschäftsführerinnen, mitarbeitende Familienangehörige, (ehemals) angestellte Frauen als auch Altenteilerinnen sollen zu Wort kommen. Es geht um Arbeitsbelastung, Ehrenamt und Familie. Was macht Freude? Was Sorgen?

Landfrauen mit im Boot

Das Forschungsprojekt läuft bis zum Spätsommer 2022 und wird im Auftrag des BMEL von Wissenschaftlerinnen des Thünen-Institut für Betriebswirtschaft und des Lehrstuhls für Soziologie Ländlicher Räume der Georg-August-Universität Göttingen durchgeführt. Kooperationspartner ist der Deutsche Landfrauenverband.

Mit dem Projekt sollen die gegenwärtigen Lebensverhältnisse und die Zukunftsperspektiven der Frauen in der Landwirtschaft und deren Bedeutung für den sozialen Zusammenhalt in ländlichen Regionen näher beleuchtet werden. Im Rahmen des Projekts werden biografische Interviews sowie Workshops durchgeführt, in denen die Frauen nach Themen gefragt werden, die sie bewegen. Dazu kommen eine bis Mitte April laufende Online-Umfrage und etwa 50 weitere qualitative Interviews.

Erste Ergebnisse dieses Forschungsprojekts zeigen: Die Hofnachfolge gestalte sich für Frauen ungleich schwieriger als für Männer, so die Wissenschaftlerinnen Janna Luisa Pieper und Susanne Padel. Die Eigentumsverhältnisse seien auch heute noch patriarchal geprägt. Da häufig noch an der Tradition der männlichen Hofnachfolge festgehalten werde, hätten Frauen kaum Chancen, geerbten Zugang zu Hofstellen und Land zu erhalten.

Oft kommen Frauen nur durch Existenzgründung, außerfamiliäre Hofübernahme oder Einheirat zu einem landwirtschaftlichen Betrieb. Frauen, die einen Hof übernommen haben, berichteten in den Interviews und Workshops im Rahmen des Projekts, dass ihnen nur die Verhinderung des Bruders, etwa durch Krankheit oder Desinteresse an der Landwirtschaft die Hofübernahme ermöglicht hätte. Dies sei bedauerlich, so die Autorinnen, denn oft seien gerade die Frauen Impulsgeberinnen für neue Bewirtschaftungsweisen, Betriebszweige oder Vermarktungskonzepte auf den Höfen.

Es gibt Nachholbedarf

Auch in der sozialen Sicherung von Frauen gebe es noch Nachholbedarf: Auffällig sei, dass die eingeheirateten Frauen bzw. Partnerinnen sich zwar als Miteigentümerinnen der neuen Betriebszweige oder des kompletten Betriebes verstehen, sie es aber oft auf dem Papier nicht sind. Dieser Umstand hat schwere Konsequenzen im Fall einer Trennung/Scheidung oder im Erbfall, da die Frauen dann keine Ansprüche auf die von ihnen gegründeten und geführten Unternehmen haben.

Teils viel ausgewogener

Frauen, die zwar auf einem landwirtschaftlichen Betrieb leben, jedoch außerlandwirtschaftlich beschäftigt sind, empfinden ihre Lebenskonstellation zum Teil als viel ausgewogener, berichten Pieper und Padel. Die Berufstätigkeit verschaffe ihnen „Auszeiten vom stressigen Hofalltag“. Gleichwohl könne die außerlandwirtschaftliche Berufstätigkeit aber auch zu Überlastungssituationen bei den Frauen führen. Beispielsweise wenn sie beim Wiedereinstieg in den Beruf nach einer Familienphase keine Entlastung in ihren bisherigen Aufgabengebieten im Betrieb oder der Familie erhalten würden.

Auch Zukunftssorgen wurden in den Interviews und Gruppendiskussionen thematisiert: Durch die sich stetig verändernden (agrar-)politischen Rahmenbedingungen und die vermehrten gesellschaftlichen Ansprüche an die Landwirtschaft sehen viele Frauen die Existenz der Höfe und damit auch ihr Arbeits- und Lebensumfeld bedroht. Da sie oft für die Buchhaltung des Betriebes verantwortlich sind, haben sie einen genauen Einblick in Zahlen und Wirtschaftlichkeit der Betriebe. bmel